Andreas Kieling

„Wir leben in dieser relativ beschissenen Welt“

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Ein jugendlich wirkender 56-Jähriger, dessen Tatendrang nicht nachlässt: Andreas Kieling während der Dreharbeiten für seinen Afrika-Film.

Abenteurer, Kamera-Zauberer und Naturphilosoph: Andreas Kieling, einer der ungewöhnlichsten Menschen im deutschen Fernsehen, zieht nach 25 Jahren Tierfilmerei Bilanz.

Der Mann hat die Welt gesehen. Dabei kommt er seinen Protagonisten so nah wie nur wenige Tierfilmer außer ihm. Kielings persönliche, manchmal fast naiv wirkende Art, sich fremdem Leben zu nähern, begeistert viele Zuschauer. Seit 25 Jahren ist der gebürtige Thüringer mit der Kamera unterwegs. Die meiste Zeit davon fürs ZDF. Zuvor war der 56-Jährige, der bei seiner Flucht aus der DDR eine Schussverletzung davontrug, auch mal Seemann und Berufsjäger. In seinem Jubiläumsfilm widmet er sich im „Terra X“-Film „Kielings wildes Afrika“ (Sonntag, 19.06., 19.30 Uhr) einem der klassischen Sehnsuchtsorte des Tierfilms. Ein Gespräch über die großen Missverständnisse zwischen Mensch und Natur, sowie verblüffende Einsichten darüber, welche Wildtiere in welchen Situationen wirklich gefährlich sind.

nordbuzz: Wie hat sich der Tierfilm in den letzten 25 Jahren verändert?

Andreas Kieling: Auch wenn es Sie überrascht - für mich hat er sich kaum verändert. Das liegt daran, dass ich meiner Art, Filme zu machen, treu bleiben durfte. Ich will den Tieren nah sein. Andere filmen oft aus Verstecken oder „Blind Spots“ - das war nie mein Ding. Ich glaube, es waren in den 25 Jahren nur vier Tiere, die ich so filmte. Interessanterweise alles Vögel: die Großtrappe, der schwerste flugfähige Vogel der Erde, der extrem scheue Schwarzstorch, Rotmilane und der Auerhahn während der Balz im Schwarzwald. Da geht man morgens um drei in sein Versteck und um elf Uhr wieder raus. Eine relativ lange Zeit, die man da bei Kälte sitzen muss.

nordbuzz: Was verstehen Sie unter „den Tieren nahe sein“?

Kieling: Ich versuche, eine Beziehung mit denen einzugehen. Wie immer die aussehen mag.

nordbuzz: Wollen die denn, dass wir ihnen begegnen?

Kieling: Der größte Fehler, den wir Menschen begehen, ist zu glauben, dass wir außerhalb der Natur stehen. Wir sind heute oft der Ansicht, dass es im Wald dunkel und gefährlich ist. Dass dort bedrohliche oder zumindest ängstliche Tiere leben, die nichts zu tun haben wollen mit uns Menschen. Genau das Gegenteil ist der Fall. Wenn das Tier ein Beutegreifer ist - ein Wolf, Luchs, Bär oder Fuchs - erkennt dieses Raubtier in uns ein anderes Raubtier. Wir haben einen aufrechten Gang, riechen aggressiv - wir gehören dazu. Wir sind sogar in gewisser Weise seelenverwandt.

nordbuzz: Sind wir als geborene Jäger nicht auch Konkurrenten?

Kieling: Nein, wir sind so unterschiedlich, dass man uns in Ruhe lässt. Es gibt sogar Fälle, in denen Wölfe Menschen folgen, weil sie in uns ein Wesen erkennen, das Erbeutetes für sie liegen lassen könnte. Die Natur reicht uns ständig die Hand, aber wir merken es nicht. Vor allem wir Deutsche leben im Irrglauben, dass das Wilde sauer auf uns ist. Weil wir irgendwann mal alles platt gemacht und kultiviert haben. Die Natur ist aber viel milder mit uns, als wir glauben. Die will uns eigentlich als Teil von sich zurückhaben.

nordbuzz: Und was wollen wir?

Kieling: Einerseits haben wir eine große Sehnsucht nach der Natur. Andererseits fremdeln wir mit ihr und haben Schuldgefühle. Es ist alles ein großes Missverständnis.

nordbuzz: Immerhin bleibt das Interesse am Tierfilm beim Menschen ungebrochen. Was fasziniert die Leute an diesem Genre?

Kieling: Wir leben in dieser relativ beschissenen Welt. Morgens stehen wir im Stau oder in der überfüllten S-Bahn. Mittags gibt's dann diesen Kantinenfraß zu essen. Da ist der Chef, der einen dominiert, es wird gemobbt und so weiter. Nun glauben viele, dass hinter der Stadt oder an irgendwelchen Sehnsuchtsorten der Welt alles seine Ordnung hat. Dass das Leben dort fair und in Harmonie stattfindet. Eine aufgeräumte Welt quasi. Ich glaube, so was erträumen sich viele Menschen, wenn sie einen Tierfilm sehen

nordbuzz: Ist die Welt der Tiere denn so?

Kieling: Nein, natürlich nicht. In der Natur geht es zu wie bei uns. Da gibt es einen Platzhirsch und vielleicht zwei Beihirsche. Wie in der eigenen Firma. Da werden Müller und Meier vielleicht auch ewig die Beihirsche bleiben, zumindest solange der Platzhirsch da ist. In der Natur wird gejagt und gefressen. Das will man im Tierfilm heute nicht mehr sehen - und wir zeigen es auch kaum noch, weil dadurch die Illusion von der edlen Natur zerstört wird. Es gab Zeiten im Tierfilm, da war es ganz anders. Da konnten die Jagdbilder nicht martialisch genug sein, aber dieser Trend ist vorbei.

nordbuzz: Projizieren wir Menschen falsche Dinge in Tiere, die wir vor der Kamera sehen?

Kieling: Ja, meistens ist das so. Wir finden Jäger gemein und Tiere mit großen Knopfaugen süß. Die Wahrheit ist aber, dass sich Beutetiere, auch wenn sie natürlich davonlaufen, sich in ihr Schicksal fügen, wenn sie gefangen werden. Es gehört zu ihrem Instinkt, dass so etwas passieren kann. Von daher ist es in Ordnung. Ich bin immer gut damit gefahren, mich zu fragen: Was sieht das Tier in mir? Bin ich neutral? Bin ich ein Eindringling, ein Stressfaktor oder sogar eine Gefahr für die Jungen? Oder bin ich im allerschlimmsten Fall, den es so gut wie gar nicht gibt, sogar Beute?

nordbuzz: Sind wir Menschen denn Beute?

Kieling: Eigentlich nicht. Wir passen bei keinem Tier der Erde ins Beuteschema. Wenn Menschen etwas passiert, handelt es sich immer um Verwechslungen oder Stress-Situationen.

nordbuzz: Dennoch waren Sie schon mehrmals in Lebensgefahr. Wie sind diese Situationen entstanden?

Kieling: Durch meine Unwissenheit. Wenn man die Situationen analysiert, muss man bei jeder einzelnen sagen, dass ich einen eklatanten Fehler gemacht habe.

nordbuzz: Zum Beispiel?

Kieling: Die gefährlichste Situation mit Tieren habe ich vor meiner Haustür in der Eifel erlebt. Es war die Begegnung mit einem Wildschwein-Keiler. Der habe ich die Narbe in meinem Gesicht und einige an den Armen zu verdanken. Die Eckzähne des Keilers haben mich aufgeschlitzt, und ich bin im Wald fast verblutet. Es war in der Paarungszeit - Ende November, Anfang Dezember - und das Wildschwein hatte den vierfachen Testosteron-Wert. Mein Fehler war, dass ich mich mit der Kamera viel zu nah an einen Keilerkampf herangetraut hatte. Jeder normale Mensch würde ein Teleobjektiv benutzen. Ich dachte hingegen, ich müsste ganz nah an diesen Kampf heranrücken. Es war ziemlich dämlich von mir.

nordbuzz: Warum wurden Sie angegriffen?

Kieling: Es war eine Art Übersprungshandlung. Für den Keiler roch ich nach Pheromonen, also nach männlichen Geschlechtshormonen. Deshalb passte ich in sein Kampfschema hinein. Man kann es dem jungen Mann, der ungefähr 150 Kilo wog, nicht übel nehmen, dass er ich mich platt machen wollte.

nordbuzz: Ein anderes Mal wurden Sie von einer Giftschlange ins Gesicht gebissen ?

Kieling: Auch das war mein Fehler. Er passierte auf den Komodo-Inseln in Indonesien. Die haben da die höchste Dichte an giftigen Tieren auf der Welt: Skorpione, Spinnen, den riesigen Komodowaran, Vipern. Ich bin allen entkommen. Aber was beißt mich? Eine sehr scheue, aber hochgiftige Seeschlange. Es passierte, als ich mich morgens im flachen Meerwasser waschen wollte, weil es da keine andere Möglichkeit gab. Es war einfach Pech oder auch Glück, weil ich das Ganze ebenso knapp überlebt habe.

nordbuzz: Gibt es denn ein Tier, das wirklich gefährlich ist?

Kieling: Ja, Elefanten. Die sind von Natur aus sehr selbstbewusst. Sie haben riesige Füße, die am Boden alles zusammentreten, was ihnen zu nahe kommt. Wenn man sich von einem Tier umbringen lassen möchte und blutend aufs Meer hinausschwimmt, wird man wahrscheinlich Tage lang herum paddeln, bis mal ein Hai kommt. Auch wenn man von einem Löwen oder Bären getötet werden will, ist das schwierig - weil die Tiere einem Menschen immer ausweichen. Anders ist es mit wilden Elefanten. Wenn Sie da auf die Leitkuh zugehen, deren Aufgabe es ist, ihre Herde und insbesondere die Jungen zu schützen, wird man sofort totgetreten. Und die Kuh wird so lange zutreten, bis der Mensch richtig platt ist. Ich habe eine solche Szene mal in Afrika erlebt, da hat es einen russischen Großwildjäger erwischt. Der Elefant ist das einzige Tier, dem ich nicht zu nahe kommen will.

nordbuzz: Sie sind den größeren Teil des Jahres in der Wildnis unterwegs. Oft sind sie allein. Wie schwierig ist der Spagat zwischen ihrer Arbeitswelt und der Zivilisation, in die Sie ja immer wieder zurückkehren müssen?

Kieling: Früher, als ich anfing, empfand ich die Rückkehr als schwierig. Obwohl ich keiner von diesen „Into the wild“-Typen bin. Ich kenne, speziell in Alaska, wo ich regelmäßig bin, einige Leute, die leben komplett als Einsiedler und wollen das auch so. Die sind auch sehr weltfremd und abgedreht, was man verstehen kann, wenn man diesen Übergang mal mitgemacht hat. Auch ich hatte sehr komische Gefühle, als ich die ersten Male aus der Wildnis in Alaska nach Anchorage zurückkam. Noch stärker wurden diese Gefühle in Frankfurt am Flughafen. Man ist überzeugt davon, nicht dazuzugehören, es ist wie eine Art Psychose. Mit den Jahren habe ich mich besser an diesen Übergang gewöhnt. Aber ich besitze auch gute Voraussetzungen. Eigentlich bin ich ja ein recht kommunikativer Mensch.

nordbuzz: Aber dann muss ihnen die Einsamkeit doch auch weh tun?

Kieling: Ich kann mit beidem etwas anfangen. Es fällt mir nicht schwer, auch mal wochenlang den Mund zu halten. Die Natur beseelt mich und macht mich hochkonzentriert. Ich bin sozusagen der Jäger mit der Filmkamera. Oft bleibe ich länger draußen, als es die vom Sender finanzierten Drehtage erlauben. Dann lege ich eigenes Geld drauf, einfach weil ich eine bestimmte Szene noch einfangen will.

nordbuzz: Wie nimmt Ihre Familie auf, dass Sie so lange weg sind?

Kieling: Die kennen es nicht anders von mir. Ich habe zwei mittlerweile erwachsene Söhne, der ältere ist 22. Auf Drehs war er in letzter Zeit oft dabei, er ist ein guter Unterwasserkameramann. Trotzdem geht er seinen eigenen Weg, Tierfilmer will er wohl nicht werden. Er orientiert sich gerade kaufmännisch. Mein jüngerer Sohn ist ein Technik-Nerd. Er lebt in der Welt von Mechanik, Motoren und Maschinen. Diese Leidenschaft teile ich auch, ich sammle zum Beispiel alte Motorräder und Traktoren. Meine Söhne sehen in mir kein Vorbild - was völlig okay ist. Für die bin ich eher wie ein großer Bruder oder älterer Kumpel.

nordbuzz: Gab es keine Vorwürfe, dass Sie nie da waren?

Kieling: Nein, die gab es nie. Weil die das von klein auf nicht anders kannten. Ich war wie ein Vater, der zur See fährt. Bei dem man weiß, der ist immer lange weg, aber er kommt auch wieder. Das Entscheidende ist, dass man wiederkommt.

nordbuzz: Haben Sie Ihre Familie nie vermisst?

Kieling: Natürlich. Ich habe die manchmal so vermisst, dass ich es kaum aushalten konnte. Dann musste ich mir rational klar machen, dass die drei in dem kleinen Eifel-Bergdorf, wo wir wohnen, einfach gut aufgehoben sind. Da leben auch Oma, Opa, Onkel und Tante. Damals haben uns Kinderpsychologen prophezeit, meine Kinder würden fremdeln und schreien, wenn ich nach drei Monaten mit einem langen Bart nach Hause komme. Aber das ist nie passiert. Die Kinder waren immer nach ein paar Minuten total locker mit mir. Ich war eher derjenige, der nach langen Phasen in der Wildnis Probleme hatte. Die ersten zwei Tage waren okay, aber dann hatte ich oft den Impuls, wieder wegzugehen. Aber das ist normal nach der langen Zeit alleine. Man gewöhnt sich auch wieder an die Menschen.

nordbuzz: Haben Sie als Tierfilmer so etwas wie eine Botschaft?

Kieling: Ja, eine sehr simple. Ich finde, dass die Menschen wieder viel mehr in die Natur rausgehen sollten. Das kann durchaus der Wald vor der Großstadt sein. Man sollte sich einfach hinsetzen, das Mobiltelefon ausschalten und in die Natur hinein hören. Oder mit einem kleinen Fernglas schauen. Probieren Sie das mal für eine Stunde - auch wenn viele diese eine Stunde nicht schaffen werden, weil sie die stille Zeit anfangs als sehr lang empfinden werden. Vielleicht kommt nur eine Eidechse oder eine Waldmaus. Vielleicht kommt aber auch ein Reh, ein Wildschwein oder ein Fuchs vorbei. Egal, was passiert, Sie werden beseelt sein von dem, was Sie da erleben. Diese Sehnsucht, mit der Natur zu verschmelzen, ist in fast allen von uns noch drin.

tsch

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