„Wir hatten jede Menge Spaß!“

SAT.1 kann mit EM-Übertragungen nicht punkten

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Gute Laune gegen Quotenfrust: Moderator Frank Buschmann hatte auch beim „EM-Talk“ in Rust jede Menge Spaß.

SAT.1 machte mit den Übertragungen der Parallelspiele der EURO-Vorrunde vieles richtig. Die Quoten blieben jedoch deutlich hinter den Erwartungen zurück.

Es war ein Experiment, dem eigentlich jeder, der den Fußball liebt, nur Wohlwollen entgegenbringen konnte: Alle Spiele des letzten Vorrundenspieltages der EM in Frankreich wurden live im Free-TV ausgestrahlt, da sich SAT.1 die Übertragungsrechte der sechs nicht von ARD und ZDF gezeigten Parallelspiele gesichert hatte. Doch trotz bis zum Ende hochspannender Konstellationen und zum Teil mitreißenden Auseinandersetzungen, war dem im Vorfeld durchaus als Coup gehandelten SAT.1-Engagement kein Erfolg beschieden. Nicht nur die Spiele selbst litten unter insgesamt relativ geringem Zuspruch, auch die Vorberichterstattung und Frank Buschmanns hochkarätig besetzter „ran-EM-Talk“, der jeweils in der Nacht die vier SAT.1-Fußballtage bechloss, floppte. Über mögliche Gründe kann man nur spekulieren.

In den Sozialen Medien werden vor allem die üppigen Werbestrecken kritisiert, einigen Usern waren die live aus dem Europark gesendeten Gesprächsrunden zu klamaukig, außerdem setzte es die für „ran“-Moderatoren und -Experten die anscheinend schon obligatorische Kritik - zu laut, zu leise, zu langweilig, zu hippelig, zu seriös, zu unseriös ... Man kennt das. Womöglich ist es aber ja viel einfacher: Der gemeine Fußballfan hatte mit SAT.1 als EM-Sender gar nicht gerechnet, und vielleicht ist es auch so, dass der Zuschauer dank jahrelanger Sky-Erfahrung zwar das Prinzip Konferenz verinnerlicht hat, sich jedoch daheim auf der Couch nicht so recht mit dem Zapping anfreunden will.

Aus Frank Buschmanns persönlichem Resümee liest man jedenfalls schon eine gewisse Enttäuschung heraus: „Das waren besondere vier Tage zur EM in SAT.1! Es war jetzt nicht ganz so der große Quotenerfolg ... Das ist schade, nimmt mir aber nicht die vielen positiven Eindrücke von dieser Berichterstattung“, beginnt der Moderator einen auf Facebook geposteten Beitrag. Er „fand die Mischung aus Sportgespräch, Spaß, Netzeinbindung und Live-Spielen klasse. Dass diese Art nicht jedem gefällt, muss klar sein“, schreibt Buschmann, der gemeinsam mit Marcel Reif durch die profunden, von einem heiteren Ton geprägten Talks führte.

Seine nächtliche Sendung kam kaum über fünf Prozent Marktanteil hinaus - verheerend angesichts des betriebenen Aufwands. Auch Buschmann kann über die Gründe nur spekulieren: „Ich denke vor allem, dass uns viele gar nicht auf dem Schirm hatten, SD deutlich schlechter ist als HD und die Masse an Werbung das Zugucken echt schwierig gemacht hat. Dazu dann noch was anderes als gewohnt, dann wird es schwierig.“ Buschmann dankte „gerade deshalb“ den Verantwortlichen von SAT.1 für ihr Vertrauen.

Für die Kritik, dass zu viel Werbung gesendet wurde, bringt der Moderator Verständnis auf: „Wir können nicht ohne Werbung senden, da wir kein Pay TV sind und keine Gebühren bekommen. Es war aber sehr viel, da kann ich Euch alle verstehen!“ Beim Thema Quoten stelle er sich „eh oft die Sinnfrage“, schreibt Buschmann weiter. „Wir wurden verhöhnt in den letzten Tagen, und für manche lag es dann an der Art der Präsentation, Geschmacksache!“, findet er.

Sicher war damit zu rechnen, dass für SAT.1 parallel zum ARD-Livespiel der deutschen Mannschaft gegen Nordirland am Dienstagabend nichts zu holen sein würde. 25,48 Millionen Zuschauer schalteten das Erste ein - dies entsprach einem gigantischen Marktanteil von 78,5 Prozent. Das Parallelspiel Ukraine-Polen verfolgten auf SAT.1 nur 0,8 Prozent der Zuschauer dieses Abends ... Aber die ernüchternden Zahlen der meisten anderen Partien waren dann doch nicht zu erwarten. Immerhin: Am letzten Spieltag sorgten ausgerechnet die kleinsten Nationen für die besten Zahlen. Irlands 1:0-Sieg gegen Italien erreichte am Mittwochabend bis zu 13,9 Prozent Marktanteil bei den 14- bis 49-jährigen Zuschauern. In der zweiten Halbzeit sahen insgesamt 2,93 Millionen Zuschauer SAT.1, was einer starken Quote von 11,4 Prozent entspricht. Zuvor wollten den 2:1-Sieg der Isländer gegen Österreich bis zu 12,3 Prozent der Gesamtzuschauer sehen. Dass diese Marken die Münchner in Feierlaune versetzten, darf jedoch bezweifelt werden, denn der „EM-Talk“ fiel auch am Mittwoch ab 23.50 Uhr wieder durch. Nur vier Prozent (4,5 Prozent in der werberelevanten Zielgruppe) sahen zu.

Frank Buschmann verweist in seinem Post abschließend aufs Grundsätzliche: „Privatsender müssen in erster Linie wirtschaftlich arbeiten, Zuschauer entscheiden, was sie sehen wollen, und irgendwo dazwischen muss man für sich selbst entscheiden, was man wirklich möchte ...“ Er dankte abschließend „denen, die so herrlich interaktiv mitgemacht haben“ und versichert: „Wir hatten jede Menge Spaß!“ Wer die in manchen Momenten beinahe auf satirischen Höhen schwebenden Plaudereien mit Serdar Somuncu, Christoph „Icke“ Dommisch, Horst Heldt und Co. miterlebt hat, wird ihm das auf jeden Fall abkaufen. Das war jedenfalls tiefsinniger und unterhaltsamer als so vieles andere, was einem heutzutage als Fußball-Talk aufgetischt wird. - und wer nicht gerade zum Lachen in den Keller geht, dürfte den Machern auch eine „PK“ mit Matze Knop als Christiano Ronaldo und Oliver Pocher als Jerome Boateng verzeihen ... Also: Die Idee war gut, doch die Welt womöglich noch nicht bereit. Warum nicht eine wöchentliche „ran“-Bundesliga-Runde etablieren - eine Art „Fußball-Late-Night“ gewissermaßen? Buschmann, übernehmen Sie!

Von Länderspielübertragungen dieser Gewichtsklasse dürfte SAT.1 künftig aber vermutlich absehen - die besondere Brisanz der Parallelspiele bei großen Turnieren ist dann wohl doch am packendsten in einer Konferenzschaltung an den Mann zu bringen.

tsch

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