Tom Hanks

Das Dilemma des Einzelnen

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Im Interview spricht Tom Hanks über die Gemeinsamkeiten von Tom und Tom, allgemeine und persönliche Krisen sowie die kommende US-Wahl.

Tom Hanks über seine Gemeinsamkeiten mit Tom Tykwer, persönliche Krisen, die kommende US-Wahl - und die angebliche Wohnungssuche in Berlin.

Denkt er an Deutschland, dürfte Tom Hanks inzwischen einiges in den Sinn kommen: Der Charme der geschichtsträchtigen Hauptstadt etwa, in der er vor zwei Jahren Steven Spielbergs "Bridge of Spies" drehte. Oder die produktive Freundschaft zu Tom Tykwer, mit dem der Hollywood-Star nach "Cloud Atlas" (2012) für "Ein Hologramm für den König" (Kinostart: 28. April) nun erneut zusammenarbeitete. In den Medien kursierte gar die Meldung, der gebürtige Kalifornier wolle mit seiner Familie nach Berlin umsiedeln. Genau dort, in einem Edelhotel am Ku'damm, empfängt Hanks kurz vor der Europapremiere des neuen Films zum Gespräch - umgeben von jener ironischen Lässigkeit, die ihn hierzulande zu einem der beliebtesten US-Schauspieler werden ließ. In beiläufiger Offenheit spricht der 59-Jährige über seine Gemeinsamkeiten mit Tykwer, jene zwischen den Kulturen, über persönliche Krisen, die kommende US-Wahl - und angebliche Umzugspläne.

teleschau: Wie fühlen Sie sich, nachdem Twitter Sie kürzlich für tot erklärte?

Tom Hanks: Ich war tot? Twitter sagte, ich sei tot?

teleschau: Ja, es gab eine Falschmeldung ...

Hanks: Na gut, dann war es das jetzt, war schön mit Ihnen zu reden. Offensichtlich bin ich tot! Allerdings: Es ist nicht das erste Mal. Woran soll ich diesmal gestorben sein: Verlegenheit? Scham? Typ-2-Diabetes? Nunja. Ich lebe jedenfalls ...

teleschau: Und Sie können uns daher glücklicherweise erzählen, was Sie an Tom Tykwer schätzen ...

Hanks: Schon bevor ich Tom für den "Cloud Atlas"-Dreh das erste Mal traf, kannte ich natürlich "Lola rennt", weshalb er bereits ein Gott für mich war. Hätte mich irgendwer mit 13 gefragt, was ich werden will, hätte ich gesagt: Ich möchte ein Filmemacher werden und ohne große Erwartungen an Orte wie San Francisco, Detroit und Berlin reisen, später einen Job im Kino bekommen, die Filme aussuchen und sie gemeinsam mit all meinen Freunden um zwei Uhr morgens schauen. Das will ich eine Zeit lang machen, bevor ich beginne, Filme zu drehen. Es stellte sich heraus: Genau das tat Tom!

teleschau: Er lebt ein Leben, das Sie sich auch hätten vorstellen können?

Hanks: Ich erkannte in ihm einen Typen, der einen guten Weg zum Filmemachen fand. Außerdem kleidet er sich wie ich, und wir teilen dieselbe Philosophie in Sachen Film, also welche Werke miserabel und schrecklich sind, welche großartig und warum.

teleschau: Welche Filme mögen Sie denn beide?

Hanks: "Lola rennt" (lacht)! Wir haben so dieses gemeinsame Ding unter Kumpels, die sich sagen: Lass uns "Swept Away" schauen und Lina Wertmüllers "Sieben Schönheiten" und diese bizarren Stanley-Kubrick-Filme. Als wir letztens zusammen essen waren, haben wir unsere Meinungen zu "Son of Saul" und zur zweiten Staffel von "Fargo" ausgetauscht. Wir reden leidenschaftlich über die Filme, die wir mögen. Und natürlich über unsere Ehefrauen, Kinder, und darüber, wie erschöpft wir sind (lacht).

teleschau: Ähneln sich Ihre Ansichten auch beim Dreh und der Produktion, etwa von "Hologramm für den König"?

Hanks: Wir teilen die Sensibilität für Filme mit einer nachvollziehbaren Logik, die Leute einem abkaufen. Klar muss es in gewisser Weise glamourös sein, irgendwie anders, und braucht einen visuellen Fußabdruck. Was uns aber insbesondere Sorgen bereitete: Ergibt das alles Sinn? Interessieren die sich überhaupt dafür? Ist diese Hauptfigur einen Film wert? Oder denken sie, ich bin ein großes, fettes, dummes Nichts, das bekommt, was es verdient? Das Dilemma des Einzelnen muss erkennbar sein.

teleschau: Setzen Sie sich dahingehend beim Dreh auch mit sich selbst auseinander, gibt es einen Prozess der Selbst-Analyse?

Hanks: Selbstverständlich! Das geht Hand in Hand. Es ist derselbe Grund, aus dem man sich mit jemandem bei Filmschauen identifiziert: "Oh, ich weiß, was dieser Typ gerade durchmacht!". Auch wenn Lichtschwerter und Lord Vader nichts mit meinem Dilemma zu tun haben. Beim Schauspielern ist es ähnlich: Es muss etwas in der Story liegen, durch das man selbst gegangen ist. Jeder hatte schon einmal diese absolute Selbstvertrauens-Krise, jeder hat seine eigene Version davon.

teleschau: Was war Ihre letzte persönliche Krise?

Hanks: Naja, ich habe drei Kinder und vier Enkel (lacht)! Aber im Ernst: Vergangenes Jahr hatte meine Frau Brustkrebs. Wir hatten sehr viel Glück, es hätte nicht besser verlaufen können. Jetzt ist sie krebsfrei und gesund. Aber: Sie hatte trotzdem Brustkrebs! In der Familie sagten wir uns: Das ist das Einzige, was jetzt zählt. Es liegt außerhalb unserer Kontrolle. Dabei kannst du nur den Kopf einziehen, tun, was zu tun ist und auf das Beste hoffen. Das ist eine Krise, die dich überrollt.

teleschau: In "Hologramm für den König" ist die Krise des Einzelnen auch das Dilemma des amerikanischen Niedergangs ...

Hanks: Absolut. Es geht um die globalen Auswirkungen des Kapitalismus, darum, wie ein ganzes Segment der US-Gesellschaft sich von der Produktions- zur Dienstleistungsgesellschaft gewandelt hat. Erst stellten sie Dinge her, jetzt fragen sie: "Möchten Sie Pommes dazu?".

teleschau: Eine ökonomische und individuelle Tragödie ...

Hanks: Klar, aber man sollte nicht immer und immer wieder darauf herumreiten, wie schrecklich das war. Schließlich kann man sich der Realität erst mal nur beugen und weitermachen. Eine Frage, die ich mir bei jeder Sache stelle: Okay, ich hab's verstanden, ich weiß die Gründe und dass es schlecht ist, aber: Wie geht's weiter? So auch hier: Wie geht es mit diesen Leuten weiter?

teleschau: Im Film suchen sie ihr Glück in der Fremde. War das Setting in Saudi-Arabien für Sie etwas Besonderes?

Hanks: Wir in den USA haben sehr standardisierte Stereotype über Saudi-Arabien. Einige davon basieren auf "Lawrence von Arabien": Jeder reitet Kamele und tötet andere mit Schwertern. Das andere Vorurteil lautet: Alle sind reich, weil sie all das Öl-Geld besitzen, sie alle können um die Welt reisen und Mercedes Benz fahren. Und noch eins: Jeder ist ein muslimischer Fundamentalist, der uns alle töten will. Diese drei Bilder werden als reine Wahrheit über Saudi-Arabien angesehen. Dabei ist keines davon im Gesamtbild zutreffend. An den extremen Polen mögen sie stimmen, aber im Alltag der komplizierten Zustände dieses Landes keineswegs.

teleschau: War es für Sie schwierig, dahingehend zu differenzieren?

Hanks: Als ich aufwuchs, kam ich viel herum, lebte unter allen möglichen Umständen. Weil meine Eltern sich scheiden ließen, wieder heirateten. Mein Vater hatte viele Jobs, die er wieder kündigte. Ich merkte früh: Hast du einmal verstanden, wie es läuft, ist niemand entweder nur gut oder nur schlecht. Sondern es war einfach so. So wuchs ich im Grunde auf, ohne zu verurteilen. Als ich erstmals eine Schule betrat, betrat ich keine Scheiß-Schule und keine grandiose Schule, sondern meine Schule. Ich nahm die Dinge immer, wie sie kamen. Später reiste ich viel und bekam mit: Es gibt auf der Erde keinen Ort, der alberner und weniger einleuchtend ist, als Japan. Aber heißt das, man kann in Japan nicht überleben? So auch in Saudi-Arabien, oder in Marokko, wo wir drehten. Es funktioniert dort nicht wie in anderen Ländern. Das ist weder gut noch schlecht, sondern es ist einfach so.

teleschau: Haben Sie die kulturellen Unterschiede auch beim Dreh gemerkt?

Hanks: Immer wenn der Muezzin rief, holten einige aus der Crew ihre Teppiche raus und begannen zu beten, sieben, acht Minuten lang. Und alles, was ich dachte, war: Sie beten. Wir haben alle unsere Gebete, also war das nicht merkwürdig oder verrückt oder schlecht oder böse. Ein anderes Mal fragte ich einen Typen aus Saudi-Arabien, ob die Leute dort Filme schauen. Und er sagte: "Na klar, was glauben Sie, wo wir leben - auf dem Mars?" Aber er erzählte auch, dass es keine Kinos gibt. Trotzdem schauen sie jeden Film, der rauskommt, auf DVD beispielsweise.

teleschau: Hat sich Ihr persönliches Bild vom Islam und den muslimischen Gesellschaften während des Drehs und der Vorbereitung verändert?

Hanks: Nicht wirklich. Wenn überhaupt, dann dass nicht jeder Saudi der Königsfamilie angehört, Milliarden von Öl-Dollars besitzt, Mercedes fährt und nichts tut. An den Extremen ist es nach wie vor schrecklich - meine Meinung über Leute, die Bahnhöfe in die Luft jagen, hat sich nicht geändert. Es ist genauso wie die extremen Ansichten so mancher US-amerikanischer Christen - jeder Fundamentalismus entmenschlicht. Oder auch: In Saudi-Arabien erledigen die Filipinos die Arbeit in Restaurants, Hotels und so weiter, Saudis würden das nie tun. Wer macht das in den USA? Mexikaner und andere Lateinamerikaner. Also wo ist der Unterschied?

teleschau: Befürchten Sie, dass es nach der kommenden Wahl in den USA ungemütlicher werden könnte?

Hanks: Zunächst einmal: Alles wird gut werden. Wir hatten schon zuvor jede Menge Idioten im Weißen Haus, die jeden nur möglichen Fehler machten. Momentan ist eben der Zirkus in der Stadt, und es ist ein wilder Zirkus: Die Trapezkünstler fallen durchs Netz, der Bär ist ausgebrochen, und es macht Spaß, dem Zirkus zuzuschauen. Aber im November wird er wieder verschwinden.

teleschau: Mit Hillary Clinton als nächster Präsidentin?

Hanks: Wenn man die Lebensläufe jedes Kandidaten vor sich liegen hätte, die Titelblätter und Bilder wegnähme, und nur schaute, was und wie sie etwas taten, wäre es vermutlich die vernünftigste Wahl. Also: Vielleicht ja, vielleicht nein. Doch egal wie, es wird okay sein. Ich weiß, ihr Deutschen liebt es, die Politik ins Spiel zu bringen. Aber wissen Sie was: Es ist mir momentan scheißegal (lacht)!

teleschau: Kein Grund zur Flucht in andere Gefilde also. Stimmt es dennoch, dass Sie ein Appartement in Berlin suchen?

Hanks: Nein, ich würde zwar gern. Es ist eine tolle Stadt, aber ich war bislang nur hier, um Filme zu drehen. Ich hatte immer einen Fahrer und Leute die fragten: "Können wir Ihnen Frühstück bestellen oder wollen Sie auswärts essen?" Für einen Monat käme ich gern her, um nichts zu tun. Aber meine Frau und Kinder sagen: Wir wollen nicht nach Berlin, sondern nach Griechenland und Idaho, vielen Dank.

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