Ellen Page

"Vorurteile verschwinden nicht über Nacht"

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"Ich war vor allem dankbar, dass ich die Geschichte von Laurel und Stacie erzählen durfte", sagte Ellen Page mit sympathischer Bescheidenheit über ihre Rolle in "Freeheld - Jede Liebe ist möglich".

In "Freeheld - Jede Liebe ist gleich" (Kinostart: 7. April) spielt Ellen Page eine junge Frau, die für die Anerkennung ihrer lesbischen Liebe hart kämpfen muss: Im Interview verrät die Schauspielerin, die sich vor zwei Jahren selbst outete, wie hart es wirklich ist, in den USA lesbisch zu sein.

Zierlich und zerbrechlich wirkt Ellen Page (29), als sie zum Interview in einem Berliner Hotel erscheint. Wie eine junge Frau, die jeden Tag kämpfen muss. Seitdem sich die Schauspielerin vor zwei Jahren öffentlich zu ihrer Homosexualität bekannte, hat sich ihr Leben dramatisch geändert: "Es ist wie Tag und Nacht", sagt Ellen Page und erzählt freudestrahlend von der Last, die ihr von den Schultern fiel und mit vor Wut zitternder Stimme, wenn es um homophobe Anfeindungen im Alltag geht. Sie hoffe, dass sich das eines Tages ändert, vielleicht auch durch ihren Film "Freeheld - Jede Liebe ist gleich" (Kinostart: 7. April). In dem Drama kämpft Julianne Moore als todkranke Polizistin Laurel Hester für das Recht, dass ihre Lebenspartnerin Stacie Andree von ihrer Pension profitiert. Erschreckend an dem Film über Homophobie im Alltag und die gesellschaftlich sanktionierte Ungleichbehandlung von LGBT-Menschen ist, dass sich die Ereignisse vor nicht allzu langer Zeit wirklich zugetragen haben.

teleschau: Wie herausfordernd war es für Sie, sich in "Freeheld" einer wahren Begebenheit anzunehmen?

Ellen Page: Ich war vor allem dankbar, dass ich die Geschichte von Laurel und Stacie erzählen durfte. Sie sind eine Inspiration für mich und leisteten Unglaubliches für die Gleichberechtigung in Amerika. Natürlich war es emotional sehr herausfordernd, diesen Film zu machen - vor allem, weil ich einen Menschen persönlich kennenlernte, dem das alles passierte und der mir etwas bedeutet. Es war hart, jeden Abend nach Hause zu gehen und zu wissen, wie schwer es Stacie und Laurel hatten, mit welchen Ressentiments sie kämpften und dass Stacie die Liebe ihres Lebens verlor.

teleschau: Haben Sie sich durch den Film auch ein wenig als Aktivistin gefühlt?

Page: Nein, das habe ich nicht. Ich habe eine Geschichte erzählt, die zufälligerweise von zwei LGBT-Aktivistinnen handelt. Sie sind diejenigen, die mutig waren und sich für eine Veränderung einsetzten. Ich tat hingegen nur so, als wäre ich eine Aktivistin - das ist ein Unterschied. Natürlich hoffe ich, dass viele Menschen den Film sehen, berührt sind und darüber nachdenken oder verstehen, welchen Einfluss Diskriminierungen auf das Leben haben.

teleschau: Wie wichtig war es für Sie, die reale Stacie zu treffen?

Page: Den Dokumentarfilm über Stacie und Laurel kannte ich fast auswendig, aber es ist ein großer Unterschied, wenn man Zeit mit der echten Person verbringt. Es half mir, sie zu verstehen, und ich stellte fest, dass sie ein sehr schüchterner und ruhiger Mensch ist, sehr stark und gleichzeitig sensibel und gütig. Ich verbrachte eine Zeit in ihrer Nachbarschaft, schaute mir an, wo sie arbeitet oder wo sich Laurel früher immer ihren Kaffee holte.

teleschau: Die Arbeit an "Freeheld" dauerte etwa sechs Jahre: Warum war es so schwierig, den Film zu machen?

Page: Das hört sich sehr lange an, das stimmt. Aber als ich zum ersten Mal mit dem Projekt in Kontakt kam, gab es noch nicht einmal ein Drehbuch. Es ist ja nicht so, dass wir Regisseur, Autor und Hauptdarsteller beisammen hatten und dann versuchten, das Geld einzutreiben. Nein, es war ein langer Prozess, der bei Null anfing.

teleschau: Es hat also nichts mit der Thematik des Films zu tun?

Page: Es ist in den USA generell schwierig, einen Independent-Film zu finanzieren. Dass es so lange dauerte, das Geld aufzutreiben, hatte meines Erachtens weniger mit dem LGBT-Thema direkt zu tun, sondern eher damit, dass die beiden Hauptrollen von Frauen gespielt wurden. Wussten Sie, dass in der Filmindustrie nur 17 Prozent der Protagonisten Frauen sind? Das ist abartig unproportional.

teleschau: Glauben Sie, dass ein Film wie "Freeheld" vor zehn, 15 Jahren überhaupt hätte gemacht werden können?

Page: Schwierige Frage. Ich würde gern glauben, dass es möglich gewesen wäre. Aber da ein solcher Film nun mal nicht gemacht wurde ... Das ist jetzt anders, jetzt gibt es Filme wie "Blau ist eine warme Farbe", "Carol" oder "Tomboy".

teleschau: Im Film kämpfen Laurel und Stacie nicht gegen eine konkrete Person ...

Page: Für mich sind die Männer, die den Frauen im Film ihr Recht verweigern wollen, Symptome einer sexistischen Gesellschaft voller Phobien. Wer gibt ihnen das Recht, zu entscheiden, welche Liebe etwas wert ist? Sie sahen Laurel beim Sterben zu und sagten: "Deine Liebe hat keine Gültigkeit." Das bedeutet für mich, dass sie Laurel als Mensch auch die "Gültigkeit" abgesprochen haben. Aber zum Glück ändert sich die Gesellschaft gerade ein bisschen zum Besseren.

teleschau: Ist das vielleicht auch eine Sache der Generationen?

Page: Vielleicht ja. Es ist offensichtlich, dass jüngere Menschen weniger Bedenken haben, dass es ihnen egal ist, welche sexuelle Orientierung die Menschen besitzen. Sie lassen die Vorurteile hinter sich.

teleschau: Wie macht sich das in ihrem alltäglichen Leben bemerkbar?

Page: Schon bevor ich mich outete, war ich felsenfest überzeugt, dass die meisten Menschen ohnehin Bescheid wussten. Ich fühlte mich unter ständiger Beobachtung: Öffentlich zu sagen, dass ich lesbisch bin, nahm mir eine Menge Druck aus der Seele. Ich fühle mich seitdem befreit, weil ich mit meiner Freundin Hand-in-Hand durch die Stadt schlendern kann. Aber ich werde seitdem auch schlecht behandelt, nur weil ich lesbisch bin. Vorurteile und Alltagssexismus werden nicht über Nacht verschwinden. Mir geht es noch vergleichsweise gut, weil ich in einer Stadt wie Los Angeles lebe und genug Geld verdiene. Im Prinzip bin ich eine privilegierte lesbische Frau. Klar muss ich mich auch mit Bullshit auseinandersetzen. Aber ich muss nicht das durchmachen, was zum Beispiel schwarze Transgender-Frauen mit einer Lebenserwartung von 35 Jahren durchmachen.

teleschau: Wie tief ist die Homophobie denn in Hollywood verankert?

Page: Auf der persönlichen Ebene hatte ich keine Probleme, im Gegenteil. Da habe ich nur Unterstützung erfahren. Aber wenn man Hollywood als System sieht, dann lautet die Antwort: sehr tief.

teleschau: Gibt es deswegen so wenige Schauspieler und Schauspielerinnen, die sich outen?

Page: Ja. Die Leute befürchten, dass ein Outing ihrer Karriere schadet - und das ist vielleicht nicht ganz falsch. Aber genau deswegen ist es wichtig, dass sie in die Öffentlichkeit gehen. Das ist wichtig für sie selbst, und nur so kann es Veränderungen in der Gesellschaft geben. Viele Leute glauben ernsthaft, noch nie einen schwulen oder lesbischen Menschen getroffen zu haben. Was natürlich lächerlich ist. Wenn sie also sehen, dass ihre Kaffeeverkäuferin, ihr Lehrer, ihr Nachbar oder ihre Nachbarin LGBT sind, dann stutzen sie: "Ach, die sind ja gar nicht anders als ich. Das sind Menschen, die mir etwas bedeuten."

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