Schauspielerin im nordbuzz-Gespräch

Julia Jentsch: „Vor zehn Jahren wäre das nicht mein Stoff gewesen“

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Nach etwas ruhigeren Jahren rückt Julia Jentsch derzeit wieder mehr in die Öffentlichkeit.

Julia Jentsch spricht im Interview über die heikle Filmthematik des späten Schwangerschaftsabbruchs, über soziale Medien und ihre Zusammenarbeit mit Laien.

1978 in Berlin geboren, feierte Julia Jentsch ihren Durchbruch 2004 an der Seite von Daniel Brühl in „Die fetten Jahre sind vorbei“. Ein Jahr später räumte die Schauspielerin in der Rolle der „Sophie Scholl“ nahezu alle wichtigen Filmpreise ab - und machte sich anschließend beruflich rar. Jentsch zog in die Schweiz und drehte nur noch einen Film pro Jahr. Nun kehrte die 38-Jährige erst auf den Roten Teppich der Berlinale und schließlich in die Kinos zurück: Im viel diskutierten Drama „24 Wochen“ spielt Jentsch eine schwangere Frau, die sich nach der diagnostizierten Behinderung ihres Kindes für oder gegen einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden muss. Im Interview spricht die Wahlschweizerin über die heikle Filmthematik, die Zusammenarbeit mit Laien und darüber, welche Rolle die verändernden sozialer Medien in ihrem Leben spielen.

nordbuzz: Regisseurin Anne Zohra Berrached besetzte in „24 Wochen“ viele Rollen mit echten Personen in deren realen Berufen. Wie war das für Sie?

Julia Jentsch: Die Geburtsszene, in der die Hebamme dabei war, haben wir nicht geprobt. Die Situation im Kreißsaal war klar, und wir haben das durchgespielt. Die Hebamme hat reagiert, wie eine Hebamme reagieren würde. Wir haben uns da durchgearbeitet, wie man das auch mit Schauspielern machen würde.

„Es war ein Geschenk, mit einer echten Hebamme zu spielen“

nordbuzz: Welche Vorteile gab es im Vergleich zu Profidarstellern?

Jentsch: Es war ein Geschenk, mit einer echten Hebamme zu spielen. Jedem anderen hätte man alles erklären müssen, vielleicht sogar in Anwesenheit einer echten Hebamme, die korrigiert. Ich konnte mich ihr an die Hand geben. Die Hebamme, die die Regisseurin Anne Berrached gecastet hat, war einfach großartig. Sie hat direkt verstanden worum es geht, und sich in diese Situation mit Kamera und Licht eingefunden, ohne sich aus der Ruhe bringen zu lassen.

nordbuzz: Mussten Sie besonders auf die Situation eingehen?

Jentsch: Das war für mich neu. Ich hatte großen Respekt davor und bin überrascht, wie gut das funktionieren kann. Auch in den anderen Szenen mit den echten Therapeuten und Ärzten, von denen ich wusste, dass die unsere Szenen und unsere Texte nicht kennen. Ich zweifelte vorher, ob das so gehen wird - wir müssen ja unseren Text einbringen und ans Ziel kommen. Es war speziell, ein anderes Arbeiten als mit Schauspielern, aber es hat funktioniert. Für Bjarne Mädel und mich entstanden daraus neue Möglichkeiten, uns in einem noch realistischeren Rahmen zu bewegen.

nordbuzz: Die Szenen funktionieren und tragen zur hohen Authentizität bei ...

Jentsch: Das lag an der Vorarbeit der Regisseurin. Sie erzählte mir, dass sie im Vorfeld 40 Ärzte traf und der 40. war es. Mit den 39 davor hätte sie es sich nicht vorstellen können. Das war eine intensive Castingphase für sie.

nordbuzz: In „24 Wochen“ spielen Sie glaubwürdig eine wirklich lustige Kabarettistin. Öffnet ein solcher Nebenaspekt nebenbei die Türen für andere Rollen?

Jentsch: Neue Rollen sind immer interessant. Als Schauspielerin spüre ich eine Sehnsucht nach einem leichten, beschwingten Stoff. Abwechslung und Vielfalt finde ich anziehend - ob der Film da Türen öffnet, wird man sehen.

„Kann aus Erfahrungen meines eigenen Lebens schöpfen“

nordbuzz: Helfen die amüsanten Passagen bei der Arbeit an solch einem dramatischen Thema?

Jentsch: Gerade bei solchen Stoffen ist eine gute Arbeitsatmosphäre wichtig, und dass wir trotz der schweren Thematik am Set viel lachen konnten. Anne Berrached hat es geschafft, mit einer großen Leichtigkeit zu erzählen. Der Film nimmt seine Zuschauer mit, ist nicht schwer. Man denkt nicht: Wie stehe ich das nur durch?

nordbuzz: Wie verändern sich Rollenprofile bei Ihnen?

Jentsch: Das ist sehr unterschiedlich. Meine Figur in „24 Wochen“ hat auch schon ein etwas älteres Kind, lebt in einer Beziehung. Vor zehn oder zwölf Jahren wäre das nicht mein Stoff gewesen. Mittlerweile kann ich aus Erfahrungen meines eigenen Lebens schöpfen.

nordbuzz: Welche Rolle spielte es für „24 Wochen“, dass Sie selbst Mutter sind?

Jentsch: Es hat mir sicher geholfen, dass ich schon mal schwanger war. Das Körperempfinden und das Erlebnis haben mir in vielen Situationen das Verstehen erleichtert. Der Film beschreibt aber eine völlig andere Situation. Das heißt nicht, dass jemand, der nicht selbst schwanger war, das nicht auch spielen könnte. Aber mir hat es geholfen. Der Regisseurin war es wichtig und sie war froh darüber. Es hat ihr Vertrauen gegeben, zu wissen, dass ich schon ein Kind geboren habe.

nordbuzz: Die Frage nach der finalen Entscheidung der Frau, in deren Körper das Ganze nun mal passiert, wird im Film viel thematisiert ...

Jentsch: Sie betrifft alle. Im Film versucht das Paar den Weg gemeinsam zu gehen, bis zu einem Punkt, an dem nur noch sie entscheiden kann. Es ist ihr Körper, mit dem alles geschieht. Egal, ob sie das Kind bekommt oder nicht. Ein Eingriff auf ihr Leben, der Gefahren für sie und ihren Körper birgt.

„Mobbing: Heute ist das ganze Dorf oder die ganze Stadt involviert“

nordbuzz: Welche Rolle spielt die gesellschaftliche Stellung, das Milieu, in so einer schwierigen Situation?

Jentsch: Man hätte das Paar überall ansiedeln können. Das Thema betrifft keine spezielle Schicht. Aber Regisseurin Berrached wollte den materiellen Punkt ausklammern. Sie wollte die Geschichte nicht aus der Perspektive eines Paares erzählen, das keinen Raum, kein Geld oder keine Mittel hat. Damit das nicht im Raum stehen könnte als Argument, das Kind nicht zu bekommen. Sie wollte eine Familie, bei der der Zuschauer sagt: Für die ist das doch eigentlich möglich, denen geht es nicht schlecht.

nordbuzz: Jeder hat eine Meinung zu dem Thema. Im Gegensatz zu früher kann jeder seine heute öffentlich kundtun. Wie verändert das die gesellschaftlichen Debatten?

Jentsch: Das ist ein weites Feld. Die sozialen Netzwerke haben den positiven Nutzen, dass wichtige Themen unheimlich schnell viele Menschen erreichen können. Gleichzeitig gehen Dinge raus, die der eine oder andere vielleicht gerne zurückrufen würde. Aber das ist dann nicht mehr möglich. Für Kinder und Jugendliche hat das Ganze eine ganz andere Bedeutung als für mich in dem Alter. Da ist Aufklärungsarbeit nötig. Jugendliche müssen sich über eingestellte Partyfotos und was damit wird bewusst sein. Mobbing hat früher vielleicht innerhalb der Klasse stattgefunden und konnte in dem Rahmen gelöst werden, heute ist das ganze Dorf oder die ganze Stadt involviert. Im Extremfall müssen Leute umziehen und den Wohnort wechseln. Daran erkennt man, welche Dimension das hat.

nordbuzz: Machen Sie sich als Mutter darüber Gedanken?

Jentsch: Noch nicht, aber das wird kommen. Spätestens, wenn mich meine Tochter zum ersten Mal fragt, ob sie ein Handy haben darf.

tsch

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