Tatort: Auf einen Schlag - So. 06.03 - ARD: 20.15 Uhr

Volltreffer mit Henne

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Starkes neues "Tatort"-Quartett aus Dresden (von links): Kommissaranwärterin Maria Mohr (Jella Haase), Kommissarin Karin Gorniak (Karin Hanczewski), Kommissarin Henni Sieland (Alwara Höfels) und deren Chef Peter Michael Schnabel (Martin Brambach).

Neben Münster, Weimar und Saarbrücken eröffnet ein vierter lustiger "Tatort"-Standort. Skepsis ist angebracht, doch die weicht nach wenigen Dresdner Minuten großer Zufriedenheit.

Wenn in Szene eins des neuen "Tatort"-Krimis aus Dresden eine dralle Sängerin das "Sachsenlied" anstimmt, um nach wenigen Zeilen auf einen leblosen Körper in der Kulisse zu stoßen, schwindet zunächst mal die Hoffnung auf etwas Gutes. Geht es hier etwa heiter bis tödlich zu? Ist der neue MDR-Ableger etwa ebenso platt wie die Ostalgie- und Retroshows, für die der Sender oft belächelt wird? Glücklicherweise ist dem nicht so, was auch am Erfinder des Formats, Ralf Husmann, liegt. Der Dortmunder Schriftsteller und Drehbuchautor ("Stromberg") landet mit seinen starken Ermittlern Alwara Höfels, Karin Hanczewski und Martin Brambach nichts weniger als einen tragikomischen Volltreffer. Sein Film "Tatort: Auf einen Schlag" ist einer der besten "unterhaltsamen" Beiträge in der Geschichte der Reihe.

Im altehrwürdigen Dresdner Stadtzentrum soll "open air" die Schlager- und Unterhaltungsshow "Hier spielt die Musik" stattfinden. Noch während der Proben stirbt Toni Derlinger vom Schlager-Duo "Toni & Tina" eines unnatürlichen Todes.

Toni war einer der Stars der Szene, jedoch auf dem absteigenden Ast. Ja - selbst die ewig nach dem Gestern strebende Szene ist im Wandel. Die volkstümliche Zukunft gehört offenbar jungen "Talenten" wie der poppigen Laura (Sina Ebell) oder den stets grinsenden Volks-Rock'n'Rollern "Herzensbrecher". Richtig traurig über den Tod des Schlagerstars scheinen nur dessen Frau und Duettpartnerin Tina (Alexandra Finder) und der väterlicher Manager Rollo (Hilmar Eichhorn). Dennoch finden die Kommissarinnen Henni Sieland (Alwara Höfels, "Das Programm") und Karin Gorniak (Karin Hanczwewski, "Der Tatortreiniger: Fleischfresser") Fingerabdrücke Rollos an der Tatwaffe.

Ironischerweise ist es eine "Goldene Henne", der unter anderem vom MDR gestiftete Publikumspreis mit ostdeutschem Fokus. Wollte der tote Schlagerstar etwa seinen altgedienten Manager verlassen, um zum dubiosen jungen Erfolgskonkurrenten Maik Pschorrek (Andreas Guenther) zu wechseln? Unter Aufsicht ihres Chefs Peter Michael Schnabel (Martin Brambach) ermitteln die jungen Kommissarinnen in alle Richtungen. Dabei müssen auch sie sich erst einmal in die Riten und Oberflächenspiele der Schlagerwelt einarbeiten - was dank der brillanten Dialoge und erzählerischen Spannungsbögen von Ralf Husmann ein wahres Vergnügen ist. Ebenfalls mit im Ermittlerboot sitzt Jella Haase ("Fack ju Göhte").

Ein Coup des von Husmann konzipierten "Tatorts" ist der Gegensatz zwischen seinen jungen, scharfzüngigen Ermittlerinnen und ihrem rückständigen, politisch herrlich unkorrekten Chef. Martin Brambach ("Der Fall Barschel"), der zurzeit gefühlt jede zweite ambitionierte deutsche TV-Produktion veredelt, spielt einen in seiner Macho-Pose mehr und mehr verunsicherten Mann vom alten Schlag. In der Figur Brambachs, übrigens ein gebürtiger Dresdner, wird - Stichwort: Pegida - so manches Ost- und Dresden-Klischee auf subtil-bösartige Weise verhandelt. Doch auch Husmanns "moderne" Ermittlerinnen sind keine strahlenden Superfrauen. Die burschikose Henni hat zwar einen Freund, aber ihr Kinderwunsch bleibt seit langem unerfüllt. Dagegen lebt Karin zwar mit ihrem pubertierenden Sohn zusammen, doch ein Mann fehlt in ihrem Leben.

Erstaunlich liebevoll wird in der gelungenen Krimi-Farce auch mit der Musik umgegangen. Die Schlager wurden allesamt extra für den Film geschrieben und produziert, wobei Ralf Husmann die Texte sowie Francesco Wilking und Patrick Reising von der Band Tele die Musik beisteuerten. Ihr Blick auf die fremde Unterhaltungswelt ist satirisch grimmig, aber eben auch menschlich und liebevoll. Eine Mischung, die ohnehin die Stoffe Husmanns auszeichnet. Mit seinem für den Grimmepreis 2016 nominierten ARD-Hochstapler-Film "Vorsicht vor Leuten" sorgte er im Februar 2015 für eine der besten deutschen TV-Komödien seit vielen Jahren. Auch die "Tatort"-Verantwortlichen des MDR dürfen sich freuen, diesen Ausnahmekönner für das Projekt gewonnen zu haben. Wie es heißt, soll der "Stromberg"-Autor dauerhaft die Feder für den neuen Standort schwingen. Saarbrücken, Münster und auch Weimar müssen sich in Sachen "Tatort"-Humor ziemlich anstrengen, um das hier gebotene Unterhaltungs-Niveau zu erreichen.

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