Götz George

Der Volksschauspieler

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„Nacht ohne Morgen“ (2011) - Götz George drehte wieder einmal mit dem von ihm geschätzten Regisseur Andreas Kleinert.

Einer der bedeutendsten deutschen Schauspieler ist tot. Götz George starb im Alter von 77 Jahren.

Ja, es stimmt. Natürlich konnte Götz George ein schwieriger Mensch sein. Streng. Disziplin einfordernd. Von anderen, aber vor allem von sich selbst. Dabei wusste er sich einzuschätzen. Wusste, dass er kein Heinrich George war. Keiner, der seinen Kleist und all die anderen Klassiker auswendig konnte und daraus seine Sicherheit schöpfte. Götz George war ein Volksschauspieler. Womöglich der Letzte seiner Art. Einer, der sein Handwerk perfekt beherrschte und trotzdem vieles aus dem Bauch heraus spielte. Er konnte jeder sein. Der Lebemann, der Kranke. Der Draufgänger, der Unsichere. Ja, sogar seinen eigenen Vater spielte er noch vor wenigen Jahren, was ihn vermutlich die größte Überwindung kostete, aber nicht nur deswegen auch zu seinen herausragendsten Arbeiten gehörte. Götz George ist tot. Er starb in Hamburg, schon am 19. Juni, nach kurzer schwerer Krankheit im Alter von 77 Jahren. In aller Stille wurde er beigesetzt. Wer Götz George kannte, ahnt, dass er es sich genau so gewünscht haben muss.

Das Alter, sagte er einmal, habe ihm eine neue Dimension geschenkt. „Du siehst anders, du riechst anders, du reist anders. Das durchs Leben Hetzen, das ist vorbei. Aber natürlich frage ich mich: Wie lange kannst du das alles noch?“ Bereitwillig redete Götz George in den Gesprächen mit ihm auch über den Tod. Mit ihm, sagte er, könne er gut umgehen. „Ich habe keine Angst davor. Ich war schon ein paarmal tot.“ Der schwere Bootsunfall vor vielen Jahren, vor allem aber eine riskante Herzoperation 2007, die durchaus hätte schiefgehen können.

Hamburg, Berlin, aber vor allem Sardinien - das war zuletzt die Heimat des Schauspielers, der wann immer es möglich war, aus Deutschland verschwand, um auf der Insel in aller Ruhe seinen Lebensabend verbringen zu können. Schwer fiel es jedem, ihn noch einmal von einer neuen Rolle zu überzeugen. Mit dem WDR, der ihm den „Schimanski“ schenkte, focht er ein ums andere Mal einen Kampf aus. Um die Drehbücher, um die Sendeplätze. Die Bürokratie, die das moderne öffentlich-rechtliche Fernsehen mit sich brachte, war ihm zuwider. „Es gibt so viele Gremien, die mitreden, aber wer nun wirklich verantwortlich ist, ist unklar. Darunter habe ich schon gelitten. Ich will mich eben nicht mehr streiten über einen 'Schimanski'-Film.“ Also war sie irgendwann vorbei, die Ära des berühmtesten Cops, den das deutsche Fernsehen je hatte. Und des beliebtesten. Es war, George sträubte sich dagegen nie, die Rolle seines Lebens. Die Rolle, mit der sich sein Publikum in ihn verliebte, die er 46-Mal spielte und in der er jetzt, da er nicht mehr ist, sicher x-mal im Ersten und in den Dritten zu sehen sein wird.

Doch die Zeiten, in denen er auf den Straßen keine paar Meter gehen konnte, ohne dass ihm ein lautes „Schimmi“ entgegenhallte, waren vorbei. „Die dritte Generation nach mir kennt mich nicht mehr“, gestand er einmal lächelnd, aber ohne jedes Bedauern. Gab es doch auch noch die zweite Generation, die nun so um die 50 ist und die mit ihm groß wurde. Die ihn als ersten und womöglich einzigen deutschen Schauspieler inmitten all der amerikanischen Helden der 80er-Jahre tatsächlich verehrte. „Ich gebe zu: Die sind mitunter auch ein bisschen aufdringlich“, gab er mal zu. Doch sei er im Alter großzügiger geworden. Ruhiger. Auch abgeklärter. Aber, auf die Welt, in der lebte gemünzt: „zufriedener nicht“.

Geboren wurde Götz George im Juli 1938 in Berlin. Ein Leben, mitten hinein in den Krieg. Sein Vater Heinrich George, der damals das war, was man heute einen Superstar nennen würde, starb, als sein Sohn sieben Jahre alt war. Mit elf Jahren stand Götz George zum ersten Mal auf der Bühne des Berliner Hebbel-Theaters, mit 15 folgte das Filmdebüt in „Wenn der weiße Flieder wieder blüht“. Den Bundesfilmpreis erhielt er schon 1960 für „Jacqueline“. Lange stand George danach vorrangig auf der Bühne, ehe er das Kino mit „Die Katze“ und „Abwärts“ eroberte und erstmals für die ARD in die Paraderolle des Schimanski schlüpfte. 29 Filme folgten, zwei davon fürs Kino, ehe George es ließ. 1997 kehrte er zurück - 12,75 Millionen Zuschauer sahen zu. 17 weitere „Schimanskis“ folgten.

Sie alle drehte er, weil er wusste, dass die Zahl derer Menschen, die ihn so sehen wollten, beständig hoch war, auch wenn die Quoten zunehmend litten. Und doch wusste er, dass sich die vielen Möglichkeiten, die ihm sein Beruf offenbarte, vor allem auf dieser einen Rolle „Schimanski“ gründeten - auf dem schnoddrigen, fast schon vulgären Haudrauf, der er ihm Leben nicht war. Auf dem Gerechtigkeitsfanatiker, der sein Herz auf der Zunge trug, der er im Leben ganz sicher war.

Dabei gab es, gerade jenseits der 50, zahllose andere grandiose Auftritte Georges. Der Skandalreporter Hermann Willié, den er 1992 in Helmut Dietls „Schtonk“ spielte, gehörte zu den erfolgreichsten. Für den Massenmörder Haarmann in „Der Totmacher“ erhielt er den Darstellerpreis in Venedig. In „Nichts als die Wahrheit“ (1999) verkörperte er den KZ-Arzt Mengele in einer fiktiven Geschichte - eine der komplexesten Rollen seiner Karriere. Vielleicht nur noch übertroffen von dem TV-Film „Mein Vater“. Für ihn bekam er im Frühjahr 2003 den Publikumspreis des Adolf-Grimme-Instituts. Regie bei dem Alzheimer-Drama führte Andreas Kleinert. Einer jenen, wenigen, damals jungen Regisseure, die George im Herbst seiner Karriere noch in besonderer Weise zu schätzen begann.

Sein letzter ausgestrahlter Film lief 2014, hieß „Besondere Schwere der Schuld“, und George spielte darin einen gealterten Schwerverbrecher, der nach 30 Jahren Haft zurückkehrt in das Haus seiner verstorbenen Mutter. Wieder einmal ein großartiger Auftritt des bekannten Schauspielers George. In vielen seiner späten Filme gab er den rätselhaften Alten, der nah an der Resignation seinen letzten Weg geht, aber den Kopf oben behält. Sein letzter Film, das ARD-Krimi-Drama „Böse Wetter“, wurde abgedreht und soll am 3. Oktober ausgestrahlt werden. Darin spielt er einen Bergbau-Baron.

Götz George war eine Erscheinung. Niemand, der ihn jemals traf, sich mit ihm unterhielt, wird diese Begegnung vergessen. Sein Ruf, kein einfacher Charakter gewesen zu sein, wird ihn verfolgen. Und ein bisschen schien es, auch wenn er das stets bestritt, als genoss er diese besondere Form der Skepsis, die ihm bisweilen entgegenschlug, auch ein wenig. Auch die Presse hatte es nicht leicht mit ihm.

Sicher, sie verehrte ihn, gerade im letzten Drittel seines Lebens, obwohl der scheue Schauspieler den Weg zu Journalisten nur dann auf sich nahm, wenn es Filme zu promoten galt. Die Presse sei ihm völlig egal, sagte er. Und so war der Weg hin von einem schlichten, einförmigen Interview zu einem echten Gespräch weit. Doch wer ihn gehen durfte, wurde belohnt. Immer wieder aufs Neue. George merkte sich vieles, wurde erstaunlich privat, schützte aber nach dem Interview eben jenes Private, das der Öffentlichkeit vorenthalten werden sollte. Jedes Recht hatte er dazu. Und hat es weiterhin. So bleibt nur zu sagen, dass er seit 1997 mit der Hamburger Journalistin Marika Ullrich zusammenlebte und seit 2014 mit ihr verheiratet war. Von 1966 bis 1976 führt er eine Ehe mit der Schauspielerin Loni von Friedl, der eine Tochter entstammt.

„Man sollte annehmen, das Glücksgefühl verstärkt sich, je älter man wird. Aber das stimmt nicht“, gestand Götz George einmal. „Die wahren Glücksgefühle finden in der Jugend statt. So war es in jedem Fall bei mir“, lächelte er und dachte ... an seinen ersten Porsche. Wünsche wie diese jedoch begleiteten ihn im Alter nicht mehr. Stattdessen genoss er die ruhigen Momente. Die Gelegenheiten, vieles intensiver wahrzunehmen. Den impulsiven, den lauten George, den gab es wohl noch immer. Das zeigten nicht zuletzt seine Filme. Doch es trat auch der andere hervor. Der nachdenkliche, bedächtige Senior, der den Blick weg von seiner gelebten Karriere hin zum Wesentlichen wandte. Worauf es noch ankommt, wurde er gefragt: „Auf die Natur vor allem, sie hat für mich etwas sehr Wahrhaftiges. Da kommt schon manchmal Trauer in mir auf. Schon der Natur wegen würde ich die Erde ungern verlassen.“

tsch

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