ProSiebenSat.1 präsentiert in Hamburg sein neues Programm 2016/17

Viel mehr vom Gleichen

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Wolfgang Link, Geschäftsführer von ProSiebenSat.1, stellte in Hamburg das Programm seiner Sendergruppe 2016/17 vor - mit Hilfe eines selbstironischen Films, in dem sämtliche Sendergeschäftsführer Links ihre schauspielerischen Fähigkeiten unter Beweis stellen mussten.

Viel mehr Filme und Köche bei SAT.1, psychologische Spielshows bei ProSieben und ein Sender, der nur Dokus zeigt: Die Sendergruppe ProSiebenSAT.1 justiert ihr Angebot für die neue TV-Saison.

„Wer eine Vision hat, sollte zum Arzt gehen“, sagte einst der Realpolitiker Helmut Schmidt über die Wahlkampfversprechen vollmundiger orientierter Kollegen. Die Worte des legendären Hamburgers schienen irgendwie auch im Subtext der Sendergruppe ProSieben.Sat.1 mitzuschwingen, die ebenfalls in Hamburg am Mittwochabend ihre Programmpläne für die Saison 2016/17 vom Stapel ließ. Mit all seinen Formaten und Sendern setzt das börsennotierte Unternehmen auf Bewährtes: Amerikanisches und Show bei ProSieben, deutsche Schema-F-Fiction und ebenfalls Show bei SAT.1. Dazu immer mehr kleine Sender zur noch genaueren Attacke auf Zielgruppen. So gibt es ab 22. September gar einen reinen Doku-Sender - und das im Privatfernsehen. Das Innovativste des Abends war noch die Präsentation des neuen Sendergruppen-Outputs in einem Multiplex-Kino. Sie verriet die immerwährende Sehnsucht des Privatfernsehens nach großen Bildern und ebensolchen Gefühlen.

Man stelle sich vor, der Chef der Deutschen Bank würde auf der jährlichen Hauptversammlung mit Spielgeld um sich werfen. Oder ein Volkswagen-Vorstand träte seinen Aktionären hustend mit der Entschuldigung entgegen, er hätte die Abgase seines eigenen Fahrzeugs eingeatmet. Auf etwa diesem Grat der Ironie schlenderte am Mittwochabend Wolfgang Link. Der Geschäftsführer von ProSiebenSat.1, ein kahl rasierter Mann Ende 40, präsentierte das Portfolio seiner Sendergruppe nämlich via Unterhaltungsfilm auf der Riesenleinwand eines Hamburger Multiplex-Kinos der Presse. Hauptdarsteller des Streifens: Wolfgang Link selbst als singender und sesseltanzender Autofahrer, der von seinen zu- und aussteigenden Senderchefs erzählt bekam, was es so Neues gibt und dass er ein ziemlich miserabler Autofahrer sei.

Die in der Tat recht originelle Präsentation des börsennotierten Medienunternehmens konnte allerdings kaum darüber hinwegtäuschen, dass die Kreativität der Inhalte eher mau ausfiel. Kaspar Pflüger, seit neun Monaten Chef von SAT.1, muss derzeit vor allem gegen die Krise anlächeln. Der Marktanteil des früheren Senders für irgendwie alle schrumpft bedenklich. In der letzten Saison 15/16 verlor man 0,6 Prozent und liegt nunmehr bei 9,0 Prozent in der anvisierten Zielgruppe der 14- bis 49-jährigen Zuschauer. Doch was tun? „Die deutsche Fiction stärken“, heißt es da reflexartig bei SAT.1. An Eventfilmen kommen „Jack the Ripper“ mit Sonja Gerhardt - produziert von Matthias Schweighöfer in seiner ersten TV-Arbeit - und ein gefühlter „Wanderhuren“-Nachfolger auf die Zuschauer zu: „Die Ketzerbraut“ floss aus der Feder des Autorenduos Iny Lorentz (bürgerlich: Iny Klocke und Elmar Wohlrath), das auch den Roman zur „Wanderhuren“-Adaptation mit Alexandra Neldel lieferte.

Neben zweimal Historischem will Pflüger in der neuen Saison auch mehr eigenproduzierte „TV Movies“ ins Rennen schicken. Wie immer kommt man sich beim Betrachten der Ausschnitte selbiger vor, als sähe man das Hollywood-Kino der 90er- und Nullerjahre „light“ - also: Romantic Comedies, Thriller und sogar einen Erotikfilm mit dem Arbeitstitel „Unter die Haut“. Es bespielen Stephan Luca in der Ballermann-Sänger-Komödie „Verliebt auf Malle“, Friederike Kempter und Tom Beck in „Dating Alarm“ oder „Tatort“-Kommissar Sebastian Bezzel („Schlimmer geht immer“) die lustige Seite, während Anna Loos in „Gefangen im Paradies“ erlebt, wie ein Luxusurlaub zum Höllentrip wird. 20 Erstausstrahlungen solcher TV-Movies kündigt SAT.1 für die neue Saison an, deutlich mehr als zuletzt - sagt der Sender.

Enttäuschend hingegen die Serienfront. Schon lange angekündigt und mal wieder auf Anfang 2017 verschoben: die Krimi-Comedyserie „Einstein“ mit Tom Beck und das Thrillerprodukt „23 Cases“ mit Franz Dinda. Dagegen versuchen auf Seiten der Show-Unterhaltung einige Testballons ihren Weg nach oben zu finden. Auffällig ist, wie intensiv der Sender dabei auf Kochshows setzt. Neben der „Karawane der Köche“ (Herbst), bei der Tim Mälzer und Roland Trettl mit einem Tross Food Trucks voller Kandidaten quer durch Deutschland unterwegs sind, wird es auch eine neue Staffel „The Taste“ geben (mit Trettl statt Melzer in der Jury).

Schließlich organisiert Alexander Herrmann einen „Kampf der Köche“ am Vorabend. Darin treten Hobbyköche mit ihren Lieblingsrezepten gegen Profis an. Und wo man schon mal beim gut Abgehangenen ist: „Promi Big Brother“ kehrt zurück - am 2. September und mit Ex-Insassin Désirée Nick als zweiter Moderatorin neben Jochen Schropp. Wohl der Beweis dafür, dass berufliche Wiedereingliederung über den Container tatsächlich möglich ist.

Doch was macht ProSieben, der andere „große“ Sender der Gruppe, derweil? Dessen Chef Daniel Rosemann sprach als Beifahrer Wolfgang Links verdächtig wenig über Joko & Klass. Das gefeierte Kreativ-Duo in Sachen Show hat wohl wenig Neues im Köcher. Vorerst konzentriert man sich auf zwei Ausgaben von „Die beste Show der Welt“ sowie „Circus Halligalli“. Am 29. August wird das Format erstmals „live“ und „ganz anders“ gesendet, wie die Macher versprechen. Mit einem „Duell um die Welt“ soll es bei Joko & Klaas erst 2017 weitergehen. Vielleicht will man deshalb mit der neuen Samstags-Showreihe „Global Gladiators“ in die Bresche springen. Das Format schickt Prominente auf Weltreise, die auf vier Kontinenten „Challenges“ zu erfüllen haben.

Mit anderen neuen Show-Ideen spielt ProSieben ziemlich deutlich die Psychologie-Karte. Die Idee der Dating-Show „Matchfaktor“ sieht beispielsweise vor, dass ein Single-Mann auf 14 mögliche „Matches“ trifft. Die Hälfte der Bewerberinnen wurde dem Kandidaten - wissenschaftlich berechnet - „als extrem gut passend“ ausgewiesen. Der Rest stellt eine Zufallsauswahl zur Show-Teilnahme hinreichend bekloppter Schönen dar. Welche Versuchsgruppe kommt beim Psycho-Bachelor besser an? Auch das tatsächlich nicht uninteressante US-Experiment „Look Into My Eyes“ soll es bald auf Deutsch geben. Dabei müssen sich zwei Menschen mit schwieriger gemeinsamer Vergangenheit zwei Minuten lang schweigend in die Augen schauen. Wird das ihre Beziehung verändern?

Natürlich gaben auch kleinere Sender der Gruppe wie kabel eins (Factual Entertainment wie der Wildnis-Trip „Lost Children“ für schwer Erziehbare), SAT.1 Gold (für Ältere), ProSieben MAXX (für Männer mit klassischem Rollenbild) und SIXX (für Frauen und Fans von romantischen Vampiren und Werwölfen in US-Serien) ihre Visitenkarte ab. Interessant war vor allem die nochmalige Erweiterung streng zielgruppenaffiner Kleinsender. Als erste deutsche Station, die ausschließlich Dokumentationen sendet, wird kabel eins Doku am 22. September auf Sendung gehen. Dass auch hier die Sehnsucht nach großem Kino bei ProSiebenSat.1 spürbar ist, beweist das Auftaktprogramm des neuen Senders.

Unter anderem mit Deutschlandpremieren internationaler Hochglanz-Dokus will man sich profilieren. Zum Auftakt (ab 22.09., donnerstags, 20.15 Uhr) gibt es viermal zwei Stunden „The West“. In der Dokureihe von Robert Redford erklärt der alte Hollywood-Star mit Hilfe vieler anderer Schauspieler wie Kiefer Sutherland, Ed Harris und Tom Selleck die Besiedlung des Wilden Westens zwischen 1865 und 1890. Demnächst dann im kleinen Kino im Wohnzimmer zu sehen, sollte man zu den 60 Prozent deutscher Bevölkerung zählen, die kabel eins Doku zunächst empfangen können.

tsch

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