Gericht von Detmold lässt aus History-Doku bekannten Holocaust-Überlebenden Joshua Kaufman nicht im Auschwitz-Prozess sprechen

"Verständnis von Gerechtigkeit nachhaltig beschädigt"

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Joshua Kaufman (88) durfte vor dem Detmolder Gericht nicht aussagen.

Wie schmerzlich muss diese Erfahrung sein: Der 88-jährige Holocaust-Überlebende Joshua Kaufman wollte beim Nazi-Prozess in Detmold als Zeitzeuge aussagen - nur zehn Minuten. Doch das Gericht lehnte ab.

Es gibt nicht mehr viele Menschen wie Joshua Kaufman: einen Zeitzeugen, der den Holocaust überlebt hat und nicht müde wird, der Nachwelt davon zu berichten, um vor den Schrecken von Krieg und Rassismus zu warnen. "So lange ich lebe, werde ich darüber sprechen", lautet das Credo des freundlichen US-Amerikaners, den keineswegs die Verbitterung antreibt, sondern der Wille, mit seinen eindringlichen Schilderungen aus erster Hand zu einer friedlicheren Welt beizutragen. Doch ausgerechnet in Deutschland, wo er vor Gericht beim sogenannten Holocaust-Prozess von Detmold zur Wahrheitsfindung beitragen wollte, machte der 88-Jährige jetzt eine niederschmetternde Erfahrung. Er war aus seiner Heimat Los Angeles nach Deutschland gekommen, um am Dienstag im Prozess gegen Reinhold Hanning, den 94-jährigen Angeklagten, zu sprechen - wenigstens zehn Minuten, mehr wollte er nicht. Selbst die "Bild"-Zeitung hatte über Kaufmans Reise berichtet. Doch sein Wunsch wurde ihm vom Gericht nicht gewährt. Eine Situation mit Potenzial zum Skandal, wie Beobachter finden.

Kaufman hat das Ghetto von Debrecen und insgesamt fünf Konzentrationslager, darunter Auschwitz und Dachau, überlebt. Seine Geschichte stand im Zentrum der viel beachteten History-Dokumentation "Die Befreier" (2015), die dem vierfachen Familienvater mit dem gutmütigen, aber vom Leben schwer gezeichneten Gesicht auch hierzulande eine gewisse Bekanntheit einbrachte. Bei den Dreharbeiten zu diesem Film gelang es den Machern, bewegende Szenen festzuhalten, etwa die Begegnung Joshua Kaufmans mit seinem Befreier, Dan Gillespie: Kaufman küsste dem einstigen US-Soldaten, der im Frühjahr 1945 in das Lager Dachau gekommen war, spontan die Füße - genau so, wie er es sich 70 Jahre zuvor geschworen hatte.

Durch die History-Dokumentation wurde der deutsche Anwalt Markus Goldbach auf den Holocaust-Überlebenden Joshua Kaufman aufmerksam. Goldbach - er gehört auch zu den Nebenklage-Vertretern im Münchner NSU-Prozenss - fragte Kaufman, ob er als Zeitzeuge in Detmold aussagen wolle. Kaufman sagte zu - "getrieben von der Hoffnung, mit Goldbachs Hilfe Gehör im Detmolder Auschwitz-Prozess gegen den ehemaligen SS-Mann Reinhold Hanning zu bekommen", wie es nun History in einer Mitteilung formulierte. Emanuel Rotstein, der preisgekrönte Produzent der Dokumentation "Die Befreier" (sie wird am Samstag, 2. Juli, um 16.55 Uhr, auf History wiederholt) begleitete ihn dabei für einen weiteren kleinen Beitrag mit der Kamera.

"Ich kam nach Detmold, um denjenigen eine Stimme zu geben, die ermordet wurden und nicht sprechen können", sagte Kaufman im Anschluss an seinen deprimierenden Prozessbesuch gegenüber History. Er wolle "nicht Rache nehmen, ich möchte nur, dass die Menschen mir zuhören". Doch nun fühle er sich "wieder wie eine Nummer, wie in Auschwitz, als mir mein Name genommen wurde". Hintergrund der Entscheidung: Nur zwei Stunden am Tag kann gegen den ehemaligen Wachmann des Vernichtungslagers Auschwitz verhandelt werden. Die Zeit reicht meist nur für wenige Zeugenaussagen und Anträge in einem Prozess, in dem die Staatsanwaltschaft dem Angeklagten Hanning Beihilfe zum 170.000-fachen Mord vorwirft.

Nachdem das Gericht entschieden hatte, Kaufman nicht als Zeugen zu hören, wurde der Prozess unterbrochen, da die Geschehnisse in Detmold einen Befangenheitsantrag der Opferanwälte nach sich zogen, über den zunächst entschieden werden muss. Am Freitag soll der Prozess wieder aufgenommen werden. Doch Kaufman, der mit zwei seiner vier Töchter nach Deutschland kam, ist längst wieder in den Vereinigten Staaten.

Emanuel Rotstein plante eigentlich, für das US-History-Format "History Now" über Kaufmans Reise zum Prozess in Deutschland zu berichten. Er äußerte sich am Mittwoch entsetzt. "Auch wenn die Entscheidung formalrechtlich korrekt gewesen sein mag und wenn der Antrag auf Befangenheit abgewiesen wird, zeugt die Entscheidung der Richter von fehlendem Einfühlungsvermögen für die Gefühle von Joshua Kaufman und seinen beiden Töchtern", erklärte der Dokumentarfilmer auf Nachfrage.

"In einem solchen Fall kann und darf man sich nicht auf die Strafprozessordnung berufen", findet Rotstein und unterstreicht, dass die Argumentation, die Zeugenaussage diene nicht der Wahrheitsfindung, seines Erachtens nicht greife: "Der Präsenz des Zeugen, der fast 24 Stunden unterwegs war, um aus seiner Heimatstadt L.A. nach Detmold anzureisen, muss Rechnung getragen werden. Das sagen einem der gesunde Menschenverstand und der geforderte Anstand in einer solchen Situation." Die Ablehung des Gerichts, so Rotstein, habe sein "Verständnis von Gerechtigkeit nachhaltig beschädigt". Sie lasse ihn "zweifeln, ob man an einer juristischen Aufarbeitung der Geschichte in Detmold überhaupt interessiert ist. Ich schäme mich für diese Entscheidung als deutscher Staatsbürger."

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