Ursula Strauss

"Vergessen ist etwas Furchtbares"

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Alles andere als eine leichte Rolle: Nach ihrem schweren Unfall hat Maria (Ursula Strauss) ihr Gedächtnis verloren. Selbst Ehemann Bruno (Harald Krassnitzer) ist ein Fremder für sie.

Ursula Strauss hat in "Meine fremde Frau" keinen leichten Part zu spielen, ist es doch zum Glück nichts Alltägliches, aufzuwachen und niemanden wiederzuerkennen ...

Und plötzlich ist alles weg: Ursula Strauss spielt im ZDF-Drama "Meine fremde Frau" (Mittwoch, 25. Mai, 20.15 Uhr) die Amnesie-Patientin Maria, die sich nach einem Autounfall mit Fahrerflucht weder an ihren Ehemann Bruno (Harald Krassnitzer) noch an die gemeinsamen Kinder erinnern kann. Keine leichte Aufgabe für die Österreicherin, nachdem sie 2014 selbst einen schweren Autounfall hatte. Zwar hatte Strauss damals nicht mit Erinnerungslücken zu kämpfen, die körperlichen Konsequenzen setzten der 42-Jährigen aber während der Dreharbeiten noch immer sehr zu. Bereut hat sie ihre Zusage zu dem Drama unter der Regie von Lars Becker ("Unter Feinden") dennoch nicht, wie sie im Interview erklärt. Ein Gespräch über Angst, Alltag und das große Vergessen.

teleschau: In "Meine fremde Frau" spielen Sie Maria Hofer, die bei einem Autounfall ihr Gedächtnis verliert. Wie war es für Sie, diese Rolle zu übernehmen, nachdem Sie kurz zuvor selbst einen schweren Unfall hatten?

Ursula Strauss: Das war ziemlich krass, weil die Folgen des Unfalls noch sehr spürbar waren. Es war gut, dass ich in den meisten Szenen mit Krücken spielen konnte. Meinen Körper einzusetzen, wie es der Beruf normalerweise erfordert, wäre nicht möglich gewesen. Außerdem war es ein komisches Gefühl, den Stunt zu drehen. Der Körper reagiert automatisch so, als ob er Gefahr wittern würde. Die Angst kommt von ganz allein. Das Ganze war aber am Ende harmlos: Ich hatte super Stunt-Leute, die mich an die Hand genommen haben.

teleschau: Dem Part in dem Film haben Sie ein Dreivierteljahr vor Ihrem eigenen Unfall zugesagt. Haben Sie das später bereut?

Strauss: Nein, der Dreh hat mir auch geholfen. Jeden Tag einen Ablaufplan in die Hand zu bekommen, das hat mir in dieser Zeit Halt gegeben. Es schafft wieder eine gewisse Normalität und bringt den Alltag zurück.

teleschau: Ihre Rolle Maria Hofer verliert nach dem Autounfall vollständig die Erinnerung an ihr früheres Leben. Was hilft in solch einer Situation?

Strauss: Das liegt auf der Hand: Die Menschen aus dem früheren Leben, die sich Zeit nehmen, viel zu erzählen und zu reden. Die einen lieben und halten und vor allem sehr viel Geduld haben. Patienten mit einer Amnesie werden oft sehr schnell aggressiv, habe ich mir von Ärzten und Krankenschwestern sagen lassen. Das liegt in einer solchen Situation nahe, weil sie sich überfordert fühlen und nichts Vertrautes um sich haben.

teleschau: Gibt es in Ihrem Leben etwas Bestimmtes, an das Sie sich in dieser Situation wohl schnell wieder erinnern würden?

Strauss: Da gibt es vieles. Was mir aber spontan in den Sinn kommt, ist der Moment, als ich meinem Mann das erste Mal in die Augen geschaut habe.

teleschau: War das die berühmt berüchtigte Liebe auf den ersten Blick?

Strauss: Es hat ein bisschen gedauert, das zu erkennen. Aber letztendlich war es Liebe auf den ersten Blick, ja.

teleschau: Manchmal kann Vergessen aber auch ein Segen sein. Gibt es Dinge, die Sie gerne "löschen" würden?

Straus: Nein, ich finde, Vergessen ist etwas Furchtbares.

teleschau: Aber funktionieren wir Menschen nicht so? Wir vergessen und leben einfach weiter ...

Strauss: Ich finde eher, man lernt, mit bestimmten Erlebnissen oder Erinnerungen umzugehen. Das ist alles ein Teil von uns, auch eine schlechte Erfahrung bringt einen weiter. Ich persönlich finde es nicht sonderlich zielführend, eine schlechte Erinnerung aus meinem Leben zu verdrängen. Wenn man sich aber traut, sich damit auseinanderzusetzen, kann das später eine gewisse Schutzfunktion erfüllen.

teleschau: Was war für Sie die größte Herausforderung nach Ihrem Unfall?

Strauss: Mein Vater lag damals im Krankenhaus. Dass ich nicht bei ihm sein konnte, war für mich sehr schlimm. Die größte körperliche Herausforderung aber war, wieder Vertrauen zu meinem Bein zu finden. Es war durchgebrochen und musste operiert werden. Ich bin wirklich sehr lange Zeit immer wieder bis über meine Schmerzgrenzen gegangen, bis ein Erfolg oder Fortschritt sichtbar wurde. Zudem konnte ich nur in einer Position schlafen. Diese Bewegungslosigkeit war wahrscheinlich das Schwierigste für mich, weil ich eigentlich ein recht aktiver Mensch bin. Rumliegen und mit den Krücken auf die Toilette - mehr ist am Anfang nicht drin. Aber das Positive ist diese Entschleunigung: Einen Schritt nach dem anderen zu machen - das führt vor Augen, was wirklich wichtig ist im Leben.

teleschau: Sie haben nach Ihrem Unfall aber schnell wieder zu arbeiten begonnen. Warum?

Strauss: Ich musste schon zwei Projekte wegen des Unfalls absagen, den dritten Film wollte ich deshalb drehen. Eine Frau zu spielen, die einen Autounfall hatte - das musste irgendwie so sein. Außerdem war es hilfreich, wieder einen Alltag zu haben. Etwas zu tun, das mir vertraut ist und worin ich mich auskenne.

teleschau: Hat es lange gedauert, bis Sie wieder Auto gefahren sind?

Strauss: Ich bin beim Dreh das erste Mal wieder gefahren. Das war aber gut, man sagt ja immer: Wer vom Pferd fällt, soll sich sofort wieder draufsetzen. Ich war sehr überrascht, dass ich so wenig Angst hatte. Wahrscheinlich auch, weil man beim Drehen einfach funktionieren muss. Es gibt kein Platz für etwaige Ängste oder Selbstmitleid. Nach einem solchen Unfall ist man aber definitiv vorsichtiger. Es dauert relativ lang, bis man diese Ängste wieder ablegt. Ich habe eine Trauma-Therapie gemacht. Gerade was das Autofahren angeht, bin ich aber noch nicht wieder dort angelangt, wo ich früher stand.

teleschau: Sie haben aber auch jetzt im Alltag keine Angst, selbst zu fahren?

Strauss: Nein, das nicht, aber ich bin durch den Unfall zu einem schrecklichen Beifahrer geworden. Ich kann mich nicht entspannen und nehme den ganzen Straßenverkehr in mich auf. Bei meinem Unfall war ich auch Beifahrer, es ist aber nicht der Fahrer, dem ich misstraue, sondern den anderen Menschen. Das bleibt sicher noch eine Zeit lang so, mit jeder Autofahrt wird es aber besser.

teleschau: Zwischenzeitlich scheint es im Film, als sei der Unfall eine Chance für die beiden Eheleute. Stimmt es denn, dass manchmal etwas Schreckliches passieren muss, damit etwas Gutes folgt?

Strauss: Das ist im Leben meistens so. Wir erleben gerade eine sehr hektische und stressige, politisch aufregende und heftige Phase. Da kann man vergessen, den Menschen, mit dem man seinen Alltag verbringt, richtig anzuschauen. Manchmal muss etwas Schlimmes passieren, damit man merkt, was man verlieren würde. Im Film ist es so, dass dieses große Vergessen zwei Menschen - Bruno und Maria - wieder sehr nahe zueinander bringt.

teleschau: Nehmen Sie sich denn heute mehr Zeit für Ihre Familie?

Strauss: Ja, absolut. Die Arbeit macht mir Spaß, aber ich versuche, öfter zu Hause zu sein. Ich nehme mir jetzt mehr bewusste Auszeiten vom Job als vorher. Sonst würde man sich sehr schnell zersprageln, wie man bei uns in Österreich sagt. Es bedeutet, sich in vielen kleinen Dingen zu verlieren. Immer noch einen Termin annehmen, frei nach dem Motto: den einen kann ich ja noch machen. Heute versuche ich, meine Termine so zu bündeln, dass ich einen anderen Tag dann komplett frei habe. Die Übung ist, nicht immer zu allem ja zu sagen.

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