Der Künstler und Entertainer Friedrich Liechtenstein feiert den Thementag "Tankstellen-Träume" (Montag, 16.05., ab 11.30 Uhr, ARTE)

Die Umarmung von eigentlich unmöglichen Dingen

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Bohemien im goldenen Mercedes: Künstler und Entertainer Friedrich Liechtenstein fährt für ARTE zu den schönsten Tankstellen Europas.

Am Pfingstmontag verlagert ARTE sein gesamtes Programm an die Tankstelle. Spielfilm-Klassikern am Abend wird die Mammut-Reisereportage "Tankstellen-Träume" des skurrilen Entertainers Friedrich Liechtenstein vorangestellt.

Jahrelang lebte Friedrich Liechtenstein ohne Geld und ohne Wohnung. Er bezeichnet sich als Flaneur, war als One-Man-Disco-Show unterwegs und initiierte zahlreiche Kunstprojekte in der Berliner Off-Szene. Bekannt wurde der 60-Jährige allerdings durch den Werbespot eines großen Einzelhandelsunternehmens ("Supergeil"). Am Pfingstmontag, 16. Mai, führt er bei ARTE durch einen Thementag über Tankstellen. Von 11.30 Uhr bis 16.50 Uhr besucht Liechtenstein in einer zehnteiligen Reisereportage die schönsten und seltsamsten Benzin-Zapfstellen Europas. Danach geht die kulturelle Aufarbeitung "der romantischsten Orte der Welt" (Liechtenstein) weiter: Mit der Dokumentationsreihe "Route 66" (ab 16.50 Uhr) und den Spielfilmen "Die drei von der Tankstelle" (17.35 Uhr), "Wenn der Postmann zweimal klingelt" (20.15 Uhr), "Out of Rosenheim" (22.10 Uhr) und "Shell" (0.40 Uhr).

Friedrich Liechtenstein, 1956 im heutigen Eisenhüttenstadt geboren, führte früher mal ein bürgerliches Leben. Soweit man den Begriff "bürgerlich" in der DDR, zudem für einen ausgebildeten Künstler, überhaupt in den Mund nehmen darf. An der berühmten Berliner Schauspielschule "Ernst Busch" lernte Hans-Holger Friedrich, wie er damals hieß, die Kunst des Puppenspiels. Er hatte eine Frau, ein Haus und drei Kinder. Der Staat sorgte für eine halbwegs privilegierte Lebensweise des Kulturschaffenden. Mit der Wende war es aus mit dem ruhigen Leben. Irgendwann waren das Haus und die Frau weg, die Kinder gingen ihrer Wege. Liechtenstein stürzte sich in ambitionierte Hungerleider-Projekte am Theater und er begann als Disco- und Tanzfan eine Karriere als Clubunterhalter im weißen Anzug.

Verglichen wurde der Sound des bärtigen Bohemiens mit dem Barry Whites. Der aufmerksamkeitsstarke Elektro-Clubtrack "Supersexy", den er 2014 mit "Der Tourist" aufnahm, wurde im selben Jahr von der Lebensmittelkette Edeka adaptiert und in eine Kampagne verwandelt. Der Einzelhandelsgigant drehte mit Liechtenstein einen der kunstvollen Spots der deutschen Werbegeschichte. Seitdem kennt nicht nur der Kunst-Underground den weißbärtigen Mann im Glamour-Anzug. Jene seltsame Erscheinung, die so elegante Tanzschritte in den Alltag malt, dass die sauertöpfige Umgebung einfach nicht anders kann als den reifen Kunstnarren in ihr Leben und oft auch in ihr Herz zu lassen. Was Liechtenstein als Künstler und Kunstfigur auszeichnet, ist die freundliche "Provokation" seiner Umgebung. Wo immer er mit seinen auffälligen Outfits, den ständig in den Alltag eingebauten Tanzschritten und Disco-Posen, seinen romantischen Thesen und spinnerten Ideen auftaucht, muss die Umwelt auf ihn reagieren.

Liechtenstein, der stolz darauf ist, fast ohne Geld und Besitztümer zu leben, lässt eine Flashmob-artige Formation von Passanten den Electric Slide an Tankstellen tanzen und umwickelt wildfremde Menschen mit seltsamen Fragen oder honigsüßen Komplimenten. Man kann einfach nicht anders, als "anders" als sonst zu reagieren, wenn einem dieser Disco-Mahatma Gandhi, der Mister Gaga der kunstsinnigen Unterhaltung in die Hedonisten-Pflicht nimmt. Für einen, der die Grenze zwischen Kunst und Leben, zwischen Gosse und Kulturtempel so leichtfüßig überschreitet, ist es dann auch kein Ding, einfach mal von der Edeka-Werbung zu einer der seltsamsten Reisereportagen zu wechseln, die selbst der Kultursender ARTE jemals im Programm hatte.

Am Pfingstmontag darf man Benzinfan Liechtenstein also im goldenen Retro-Mercedes knapp sechseinhalb Stunden auf einem Trip zu den schönsten und seltsamsten Tankstellen Europas begleiten. Die Reiseroute führt von Berlin über Kopenhagen, Bad Gastein, Paris, Luxemburg, Wien und Italien in die Slowakei. Wobei Fans herkömmlicher Reiseformate durchaus irritiert sein könnten, wenn Liechtenstein mit Passanten, Wissenschaftlern, Künstlern und Freunden entlang des Wegs merkwürdige Theorien erläutert oder Themen-Assoziationen ausbreitet, die ihn bei oberflächlicher Betrachtung und ohne Fernsehkamera auch in die Nähe einer geschlossenen Anstalt für Geisteskranke bringen könnten.

Doch es bleiben die Freundlichkeit und ein scharfer Verstand, die den Flaneur immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholen. Schließlich wollen die nächsten Kilometer gemacht, muss die nächste Tankstelle inspiziert werden. Warum gerade Tankstellen für Liechtenstein die romantischsten Orte der Welt sind, auch dafür hat der 60-Jährige eine Erklärung: "Für mich gehört zur Romantik auch ein bisschen die Melancholie. Da gibt es zum Beispiel den Sonnenuntergang, auf den sich alle als etwas Romantisches einigen können - da schwingt auch etwas Melancholie mit. Zu dieser Romantik gehört für mich auch die Einsamkeit." Eine Einsamkeit, wie sie auch an Tankstellen spürbar wird - inklusive der Möglichkeit ihres Aufbrechens in kurzen Begegnungen dort. "Die Einsamkeit von Truckern ist ja geradezu in Tankstellen verankert. Und all das, aber eben zusammen mit der Verheißung der spontanen Begegnung, finde ich romantisch. Wenn man nachts unterwegs ist, und irgendwann leuchtet da eine Insel am Berg, über einem der Sternenhimmel und man kann noch einmal volltanken und ist dann wieder auf der Reise. Da geht einiges, was mit Romantik zu tun hat."

Es sei eine Umarmung von eigentlich unmöglichen Dingen, was er da mit seinem Tankstellen-Projekt vorhatte, sagt Liechtenstein. Und eigentlich sei diese Strategie auch eine Zusammenfassung seines Wirkens als Künstler an sich. Auch wenn ihn die meisten aus einem Werbespot kennen, Friedrich Liechtenstein darf man durchaus als eines der spannendsten und ungewöhnlichsten Leben-trifft-Kunst-"Projekte" bezeichnen, das in Deutschland derzeit zu finden ist.

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