Die Gala zur TV-Revolution: Am Freitag, 8. April, werden in Marl die Grimme-Preise verteilt

Überraschungen in Serie

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Die Mitglieder im "Club der roten Bänder" wollen sich das Leben trotz schwerer Krankheit nicht vermiesen lassen (von links): Leo (Tim Oliver Schultz), Emma (Luise Befort), Alex (Timur Bartels), Toni (Ivo Kortlang), Hugo (Nick Julius Schuck) und Jonas (Damian Hardung). Die Produktion wird am 8. April mit dem Grimme-Preis bedacht.

Die Grimme-Preis-Verleihung am 8. April wird vor allem eines vor Augen führen: Alte Gesetzmäßigkeiten gelten nicht mehr.

Auch wenn die Preisträger schon seit einigen Wochen bekannt sind, verspricht die Verleihung der bedeutendsten Auszeichnung für Fernsehproduktionen im deutschsprachigen Raum in diesem Jahr alles andere als ein Langweiler zu werden. In der Branche kursiert das Wort "Zeitenwende", denn wenn am Freitag, 8. April, in Marl beim dort ansässigen Grimme-Institut zum 52. Mal die Grimme-Preise vergeben werden, gibt es vor allem zwei große Gewinner: die TV-Serien und die privaten Sender. 3sat zeigt die Verleihung des Fernsehpreises, der Anspruch und Qualität belohnt, ab 19.30 Uhr live in der 3sat-Mediathek und zudem am gleichen Abend, ab 22.35 Uhr, einen 90-minütigen Zusammenschnitt von der Gala im Stadttheater Marl.

Dabei sah es eigentlich auch in diesem Jahr schon wieder nicht gut aus für die deutschen Privatsender. Überhaupt nur insgesamt zehnmal nominiert bei 76 Produktionen und Einzelleistungen, die 2016 ins Rennen um die Grimme-Preise gegangen waren, drohte eine erneute Nullrunde. Bereits im Jahr zuvor ging keine einzige der renommierten Auszeichnungen an das Privatfernsehen. Doch anders als erwartet, wurde das zurückliegende Fernsehjahr für die privaten Sender dann doch ein Erfolg. Dieser gelang mitunter auch, da die Vergabekriterien des Grimme-Preises zuletzt geändert wurden. Vor allem der Bereich Unterhaltung wurde gestärkt.

"Der Durchmarsch der Serie in der Fiktion und eine erfolgreiche Bilanz der privaten Sender kennzeichnen das Grimme-Fernsehjahr", erklärte Grimme-Direktorin Dr. Frauke Gerlach Anfang März bei der Bekanntgabe der Gewinner. Sie hätte aber auch sagen können: Für jene "Ausdauer und Risikofreude", die Gerlach bei der "Renaissance des Serien-Formats" ausdrücklich lobte, waren nicht die Öffentlich-Rechtlichen verantwortlich. Sondern eben die Privaten!

Beim wohl prestigeträchtigsten Wettbewerb, der Fiktion, dominierten nicht wie sonst die Fernsehfilme - diesmal ging überhaupt nur eine Auszeichnung an ein TV-Movie: für "Patong Girl", einer Produktion, die auf dem Sendeplatz des "Kleinen Fernsehspiels" im ZDF lief. Die Serien sind es, die in das Blickfeld des Qualitätsfernsehens rückten. Und genau die Qualität ist es ja, was das Grimme-Institut mit seinen undotierten Preisen unterstützen und fördern möchte. Mit der Ausnahme der dritten Staffel der Familien-Saga "Weissensee" (MDR / ARD) wurden zwei der drei ausgezeichneten Serien vom privaten Fernsehen geliefert.

Mit dem mit Kritikerlob überschütteten und sogar in den USA erfolgreichen Format "Deutschland 83" zeigte ausgerechnet das für eher leichtere Unterhaltung bekannte RTL die wohl mutigste Serienproduktion. Mutig auch, da die ambitionierte Geschichte um einen DDR-Grenzsoldaten, der als Spion in die Bundeswehr eingeschleust wird, so gar nicht in das sonstige Sendeschema der Kölner passen wollte. Diese "Risikofreude", wie Gerlach meinte, zahlt sich wenigstens in einem Preis aus. Das RTL-Publikum dagegen war von Mut weniger angetan - die Quoten waren unter der Erwartung geblieben.

Noch im vergangenen Jahr sagte Gerlach in einem Interview, man wolle zukünftig genauer hinschauen, wo es denn mutige Produktionen gebe. Dass das Institut dann ausgerechnet im Bezahlfernsehen, bei dem kleinen Nischensender TNT Serie, fündig geworden ist, ist eine der großen Überraschungen der Preisvergabe und macht deutlich, dass fiktionale Fernseh-Unterhaltung auch hierzulande nicht mehr nur den Vorgaben der Öffentlich-Rechtlichen folgen muss. Dass ein Spezialpreis an die Serie "Weinberg" geht, kann definitiv als ein Meilenstein betrachtet werden. In der Mystery-Serie mit Friedrich Mücke in der Hauptrolle erwacht ein Mann ohne jegliche Erinnerung an sein Leben in einem abgelegenen Weinort. Fortan stolpert er auf der Suche nach sich selbst durch eine verstörende Provinz-Wirklichkeit.

Auch in der neu eingeführten Kategorie Kinder & Jugend geht der Grimme-Preis an eine Serie aus dem Privat-TV. Die quotenstarke VOX-Überraschung "Der Club der roten Bänder" sorgte 2015 beinahe sensationell für Furore - zumal der Stoff per se schwer und alles andere als sexy scheint: Es geht um den Alltag von Jugendlichen im Krankenhaus. Doch gerade beim jungen Publikum kam die ernste, aber durchaus auch auf Lebensfreude und Humor getrimmte Reihe zwischen Tod, Leid aber auch Liebe sehr gut an. Und vor allem: Sie fesselte mehr als ein nächstes Castingformat oder eine zwar lehrreiche, aber auch angestaubte "Sendung mit der Maus", die ebenfalls nominiert war.

"Die hohe Zahl der Serieneinreichungen zeigt, dass der internationale Serientrend auch in Deutschland angekommen ist. Die Sender und Produktionsfirmen setzen verstärkt auf hochklassige Eigenproduktionen", lobt Gerlach schließlich die Entwicklung im Allgemeinen. Angesprochen davon sollten sich weiterhin die Privaten fühlen. Die eingeheimsten Preise in diesem Jahr belegen, dass auch sie Qualitätsfernsehen können und die lange für Gesetz gehaltene These widerlegen, dass nur die öffentlich-rechtlichen Sender anspruchsvolle Fictionstoffe im Portfolio haben.

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