Benno Fürmann

Über ein rücksichtsvoll kompromissloses Leben

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"Wir haben heute die Möglichkeit, Beziehungsmodelle viel weiter zu stecken, als das vor 20 oder 30 Jahren möglich war. Es ist leider nicht weniger kompliziert geworden", so Benno Fürmann (Szene aus "Zweimal zweites Leben", mit Heike Makatsch).

Benno Fürmann spricht im Interview über Ehrlichkeit, Durchhaltevermögen und die Schwierigkeiten des Vaterseins.

Eine Frau im Koma, ein Teenager zu Hause und dann noch eine neue Liebe: In "Zweimal zweites Leben" (Sonntag, 17. April, ZDF, 20.15 Uhr) ändert sich das Leben des Journalisten Leo (Benno Fürmann) schlagartig, als seine Ehefrau (Heike Makatsch) einen folgenschweren Unfall hat. Der Schlüssel in solchen Situationen, so findet Benno Fürmann ("Der blinde Fleck"), ist am Ende Ehrlichkeit. Im Interview erklärt der Schauspieler den Spagat zwischen den eigenen Bedürfnissen und der Verantwortung der Familie gegenüber. Außerdem spricht der 44-Jährige von der Beziehung zu seiner Tochter und erzählt, wie er in die Vaterrolle erst hineinwachsen musste.

teleschau: Ihre Rolle Leo beweist Durchhaltevermögen: Er kämpft um seine Frau. Könnten Sie das auch?

Benno Fürmann: Es liegt in der Natur der Sache, um Menschen zu kämpfen, die einem am Herzen liegen. Was mich an Leo beeindruckt, ist seine Großherzigkeit. Das ist auch die Stärke des Films: Wir erleben Menschen, die mit schwierigen Lebenssituationen einfach umgehen. Sie haben eine lebensbejahende Einstellung und bleiben positiv, wenn andere schneller aussteigen würden. Ich selbst besitze an manchen Stellen sicher auch ein gewisses Durchhaltevermögen, an anderen bin ich impulsiver, ungeduldiger und habe eine geringere Frustrationsschwelle. Nicht auf die Barrikaden gehen, wenn man emotional überfordert ist, sondern mit einem offenen Herzen weiter gehen - das ist eine Scheibe, die ich mir von Leo abschneiden kann.

teleschau: Das ist aber auch nicht immer der richtige Weg ...

Fürmann: Ja, der Film zeigt diesen Prozess auch sehr schön: Immer zu versuchen, es allen Menschen recht zu machen - das halte ich für weniger gut. Denn wer so sehr auf die Befriedigung anderer aus ist, der ist nicht ehrlich zu sich selbst und zahlt dafür einen Preis. Leo lernt, zu seinen eigenen Bedürfnissen zu stehen. Er kommt irgendwann an den Punkt, an dem er sich fragen muss: Wie schaffe ich es, mein eigenes Leben zu leben und mich trotzdem meiner Familie gegenüber integer zu verhalten?

teleschau: Was würden Sie in dieser Situation von Ihrem Partner erwarten?

Fürmann: Was man von seinem Partner immer erwarten darf, ist Integrität. Aber trotzdem hat jeder das Recht auf sein individuelles Glück. Manchmal widerspricht das dann den allgemeinen Wertvorstellungen. Aber wir haben heute die Möglichkeit, Beziehungsmodelle viel weiter zu stecken, als das vor 20 oder 30 Jahren möglich war. Es ist leider nicht weniger kompliziert geworden. Von außen lässt sich aber immer leicht sagen, wie man sich am besten verhalten sollte.

teleschau: Leo betrügt seine Frau später im Film. Kann man ihm das verzeihen?

Fürmann: Die Menschen haben bei Beziehungen ganz unterschiedliche Bedürfnisse. Am Ende geht es darum, ehrlich zu sein. Mir ist jeder Mensch willkommen, der den Weg sucht, der zu ihm selbst führt. Das tut weh und ist kompliziert. Aber man muss es wagen, aus gängigen Normen auszubrechen. Ich spreche nicht von Egoismus, sondern einem "In-Kontakt-bleiben-mit-sich". Denn es gibt keine allgemeinen Richtlinien. Letztendlich bleibt Leo seiner Frau verbunden auch als klar ist, dass sie nach dem Koma nie wieder die gleiche sein wird.

teleschau: Jeder sollte also selbst entscheiden, was richtig oder falsch ist?

Fürmann: Es geht nicht um richtig oder falsch, sondern um Ehrlichkeit. Sich selbst gegenüber und den Menschen gegenüber, mit denen man das Leben teilt. Es ist illusorisch, dass jede persönliche Entscheidung von allen verstanden wird.

teleschau: Im Film ist es aber vor allem die jugendliche Tochter, die sich von Ihrem Vater betrogen fühlt. Warum?

Fürmann: Kinder wollen, - archetypisch - dass alles so bleibt, wie es ist. Meine Tochter hat als kleines Kind schon geschaut, wenn ich eine andere Hose anhatte. Gerade mit Kindern steht man immer wieder vor der Situation: Wie lebe ich die Familie, und wie lebe ich mich darüber hinaus? Aber dem Kind zuliebe sich selbst zu belügen - damit tut man niemandem einen Gefallen. Manchmal kommt der Punkt, da muss man gemeinsam darüber reden. Man schuldet es sich selbst, rücksichtsvoll kompromisslos zu leben - was eigentlich ein Widerspruch ist.

teleschau: Sie sind selbst Vater einer Tochter. Hat Ihnen das bei der Rolle geholfen?

Fürmann: Auf jeden Fall. Diese bedingungslose Liebe gibt es nur in Vater-Kind-Beziehungen. Es kommt nie zur Trennung, da ist dieses tief verankerte Wissen, dass man es zusammen durchstehen wird. Wenn die Kinder älter werden, nabeln sie sich ab, das ist ja auch gesund, sie haben in der Pubertät andere Bedürfnisse und wollen auch mal Momente, in denen sie ihre Eltern verachten können. Meine Tochter ist jetzt 13 Jahre alt, sie sucht sicher auch ihre Momente, in denen sie mich ablehnt. Das ist ein Prozess, man entdeckt sich selbst und kann sich entfalten - auch wenn es gegen die Werte geht, die in der Familie gelebt werden.

teleschau: Haben Sie ein lockeres Verhältnis zu Ihrer Tochter ähnlich wie im Film?

Fürmann: Es gibt schon Überschneidungen, ich versuche, nicht zu streng zu sein. Strenge ist die letzte Konsequenz. Ich möchte eine offene, liebevolle Anlaufstelle für meine Tochter sein - aber ich bin der Vater, und am Ende des Tages treffen ich und ihre Mutter die Entscheidungen.

teleschau: Fühlen Sie sich unwohl, wenn Sie auch mal den Spielverderber geben müssen?

Fürmann: Strenge kann ja auch eine gewisse Klarheit haben, ein Karate- oder Zen-Meister ist auch streng. Sie gibt eine bestimmte Form vor. Ich finde eine formlose Energie zwischendrin immer wieder spannend, aber ich weiß, dass ich und gerade Kinder letztendlich diese Form brauchen. Auch für die Eltern geht es darum, zu erfahren, wo ihre Grenzen liegen. Ich versuche eine gewisse Klarheit zu zeigen - das schaffe ich nicht immer.

teleschau: Was unterscheidet einen Vater von einem Nicht-Vater?

Fürmann: Verantwortung. Das war mein erster Gedanke, als wir erfahren haben, dass wir Eltern werden: Diese Checkliste im Kopf, was jetzt alles nicht mehr geht. Klettern ohne Seil kannst du vergessen, auch Mönch werden oder mit dem Motorrad ein Jahr um die Welt fahren. Vater werden war für mich ein Hineinwachsen in Schuhe, die ich am Anfang wahnsinnig groß fand. Jemand zu sein, der Versorger ist, sich moralisch integer verhält und Werte vermittelt, jemand, der seine Egoismen im Griff hat und in der Lage ist, sich selbst zurückzustellen - das sind eine Menge Dinge, die einen von den jugendlichen Paradigmen weg hin zum Erwachsensein führen. In meinem Fall muss ich sagen: zum Glück.

teleschau: Warum?

Fürmann: Am Anfang habe ich es gehasst, diese Dinge aufzugeben, jetzt möchte ich sie gar nicht zurückhaben. Wenn ich zum Beispiel auf Reisen bin, merke ich nach vier Wochen, dass ich nach Hause will. Ich möchte meine Tochter nicht drei Monate nicht sehen. Das ist für mich kein Opfer, sondern eine logische Konsequenz einer emotionalen Entwicklung einem anderen Menschen gegenüber.

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