ARD-Film um Anschlag auf Allianz Arena

„Terror - Ihr Urteil“: Technische Probleme bei der Abstimmung

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Florian David Fitz als Angeklagter Pilot Lars Koch in dem ARD-Drama. 

München - Darf ein Einzelner 164 Menschen töten, um damit Tausende zu retten? Darüber entschieden die Zuschauer beim interaktiven ARD-Film „Terror - ihr Urteil“. Das Voting fiel deutlich aus - technische Probleme gab es aber auch.

„Wenn ich jetzt nicht schieße, werden Zehntausende sterben.“ Bundeswehrpilot Lars Koch trifft mit diesen Worten eine schwierige und folgenschwere Entscheidung. In der Allianz Arena spielt die Deutsche Nationalmannschaft gerade gegen England, als ein Terrorist ein Flugzeug entführt und es auf das vollbesetzte Stadion mit 70 000 Menschen zusteuert. Dieses bedrohliche Szenario eines Anschlags mitten in Deutschland zeigte der ARD-Film „Terror - Ihr Urteil“ am Montagabend. Koch, gespielt von Florian David Fitz, missachtet darin schließlich die Anordnung seines Vorgesetzten und schießt die Maschine im letzten Augenblick ab. Alle 164 Menschen an Bord sterben. Nun steht Koch vor einem Schwurgericht. Die Staatsanwaltschaft fordert, ihn des Mordes zu verurteilen. Sein Verteidiger sieht in Koch einen Helden und plädiert auf Freispruch. Das Urteil liegt damit in der Hand der Schöffen - genauer gesagt: der Fernsehzuschauer. 

Mit „Terror - Ihr Urteil“ wagte die ARD ein einmaliges TV-Experiment. Während das von Regisseur Lars Kraume inszenierte Kammerspiel ausgestrahlt wurde, konnten die Zuschauer live über das Urteil abstimmen und damit maßgeblich den Ausgang des Dramas beeinflussen. Für beide Fälle - schuldig oder nicht schuldig - wurde ein entsprechendes Ende gedreht. Doch welchen Richtspruch der Vorsitzende Richter, gespielt von Burghard Klausner, letztendlich verkünden würde, war bis zur Ausstrahlung ungewiss.

„Terror - Ihr Urteil“: So entschieden die Zuschauer

Um kurz vor 22 Uhr verkündete der Vorsitzende Richter das Urteil: „Der Angeklagte Lars Koch wird freigesprochen.“ In der Gründung berief sich das Gericht auf den übergesetzlichen Notstand. Das Ergebnis des Votings war überraschend deutlich: 87 Prozent der Zuschauer hatten auf unschuldig plädiert, nur dreizehn Prozent hatten für eine Verurteilung gestimmt. 

Technische Probleme während der Abstimmung sorgten allerdings für Unmut. Die beiden Telefonnummern, über die man für „schuldig“ oder „nicht schuldig“ stimmen konnte, waren permanent besetzt, die Internetseite IhrUrteil.hartaberfair.de fast nicht erreichbar. Das veranlasste vor allem die User auf Twitter zu ein bisschen Spott über die Serverleistung des Ersten, brachten es aber auch auf den Punkt:

Bereits während der Sendung diskutierten die Zuschauer in den sozialen Netzwerken unter dem Hashtag #TerrorIhrUrteil mit. Schon dabei wurde die Komplexität des Falls deutlich. Das Szenario eröffnet eine grundlegende ethische Diskussion: Können und dürfen Menschenleben in einer solchen Extremsituation gegeneinander aufgewogen werden? Und wer ist dazu berechtigt, eine solche Entscheidung zu treffen? Auf diese Frage gibt es kein Richtig und Falsch. 

Neben der moralischen Debatte thematisiert der Film zudem die rechtliche Grundlage. Das Bundesverfassungsgericht urteilte im Jahr 2006, es sei verfassungswidrig, ein entführtes Flugzeug abzuschießen, in dem sich neben den Tätern weitere Menschen befinden. 

Wie vielschichtig ein solcher Fall in der Realität tatsächlich ist, zeigt der Film sehr überzeugend. Kochs selbst legt seine Gründe in der emotionalen Befragung durch die Staatsanwältin dar und ist sich sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. In der Vernehmung von Zeugen werden weitere theoretische Überlegungen gesponnen. Hätte die Allianz Arena evakuiert werden sollen? Hätten die Passagiere den Terroristen überwältigen können? All diese Faktoren sollten die Zuschauer in ihrem Urteil einbeziehen. 

Diskussion über Urteil in Talkshow „hart aber fair“

In Anschluss an den Film wurde der Fall in Frank Plasbergs Talkshow „hart aber fair“ gemeinsam mit Experten erneut analysiert. Ex-Verteidigungsminister Franz Josef Jung plädierte auf unschuldig. Rechtsanwalt Gerhart Baum pochte dagegen auf die geltende Rechtslage und bezeichnende Koch als Mörder. Thomas Wassermann, ein ehemaliger Kampfjet-Flieger der Bundeswehr, sagte, er hätte vermutlich ebenfalls geschossen. Theologin Petra Bahr vertrat eine etwas diffenrenziertere Meinung und wies auf filmische Elemente hin, die das Urteil der Zuschauer in dieser fiktiven beeinflusst haben könnten. Fitz‘ Charakter ähnelte demnach dem General Claus Schenk Graf von Stauffenberg und werden damit automatisch als Held interpretiert.  

Die Redaktion von „hart aber fair“ hatte zudem ein weiteres interessantes Experiment durchgeführt. Zwölf Probanden wurde der Film vorab in einem Kino gezeigt, während des Films mussten sie immer wieder ihr Urteil abgeben. Auf diese Weise wird deutlich, welche Fakten die Entscheidung der Schöffen änderte. So wirkt das Militär während der Vernehmung von Kochs Vorgesetzten schlecht organisiert, als klar wird, dass die Allianz Arena nicht evakuiert wurde. Dadurch entwickeln die Zuschauer Verständnis für Kochs Handlung. Als Koch selbst die Fragen der Staatsanwältin beantworten muss, sagt er, die Passagiere hätten ein Risiko auf sich genommen. Das lässt ihn wiederum kaltherzig erscheinen. Auf diese Weise entschieden sich die Teilnehmer im Durchschnitt zwei- bis dreimal während der Verhandlung um.  

„Terror - Ihr Urteil“: Hier sehen Sie das alternative Ende

Wie das alternative Urteil ausgesehen hätte, ist auf der Homepage der ARD zu sehen. Dort veröffentlichte der Sender das zweite mögliche Ende des Films, in dem Koch wegen Mordes in 164 Fällen verurteilt wird.

Das interaktive Experiment ist übrigens kein reines Fernsehformat. Denn das Kammerspiel stammt aus der Feder des Münchner Strafverteidigers und Schriftstellers Ferdinand von Schirach und ist ursprünglich ein Theaterstück. Darin müssen die Zuschauer nach der Pause auf „schuldig“ oder „nicht schuldig“ entscheiden. Die Ergebnisse werden deutschlandweit dokumentiert, sie sind ähnlich, wenn nicht ganz so deutlich wie das Urteil im ARD-Film: Bisher entschieden 60 Prozent der Theater-Zuschauer auf Freispruch. 

sr

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