Zum 20. Todestag von Rio Reiser

Der Traum ist niemals aus

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Rio Reiser starb am 20. August 1996 im Alter von 46 Jahren.

Nur 46 Jahre alt war Rio Reiser, als er 1996 verstarb. Der gebürtige Berliner hinterließ ein Werk, das erst mit zeitlichem Abstand seine gebührende Anerkennung fand.

„Die Sterne stehen glänzend günstig“, sang Rio Reiser in „Lass uns das Ding dreh'n“. Doch so wirklich günstig standen die Himmelskörper für Ralph Möbius, so sein Geburtsname, nie. Bezeichnend: Als das Magazin „Musikexpress“ 1988 innerhalb der Szene den besten deutschen Texter ausmachen wollte, wurde Reiser fast einstimmig zum „Songkönig BRD“ gewählt. Unter anderem stimmten Herbert Grönemeyer, Wolfgang Niedecken und Klaus Lage für ihn. Blöd nur, dass das Magazin vergessen hatte, auch den Vielgelobten zu fragen. Immer etwas unter dem Radar schwebte und sang Rio Reiser. Erst als er die Flucht nach vorne antrat, war er zumindest für kurze Zeit „König von Deutschland“. Vor 20 Jahren, am 20. August 1996, verstarb der Musiker.

Genugtuung spüre er schon bei dieser Anerkennung, gab Rio Reiser kurz nach der Wahl zu. Doch mit Lob habe er noch nie wirklich umgehen können. Gert Möbius beschreibt diese Zeit, die zweite Hälfte der 80-er, den Anfang von Rio Reisers Solokarriere, rückblickend als die glücklichste seines kleinen Bruders. „Er wurde endlich von einem großen Publikum wahrgenommen. Grönemeyer, sogar Lindenberg waren damals bereits Millionäre, und Rio krebste nur herum.“ Dass dieser zuvor dem Schritt zum Majorlabel dennoch zwiegespalten gegenüberstand, daraus machte er in seiner späteren Autobiografie keinen Hehl. Es war für ihn wie die Entscheidung, „auf den Strich zu gehen“: „Ich - Rio Reiser - war bereit, mich einer Plattenfirma hinzugeben. Natürlich nur gegen ein angemessenes Entgelt.“

Rio Reiser „prostituierte“ sich also. 1986 erschien „Rio I.“, produziert von Annette Humpe; die Single „König von Deutschland“ war ein Hit und steht heute zumindest im Formatradio stellvertretend für Rio Reiser, der seinen Künstlernamen von der Romanfigur Anton Reiser von Karl Philipp Moritz abgeleitet hatte. Andere schätzten ihn aber vor allem als Vorsteher der Band Ton Steine Scherben. Als Sänger und Haupttexter lieferte er Anfang der 70-er den vielzitierten „Soundtrack der deutschen Studentenrevolte“ - ohne jemals so richtig mit der damaligen Studentenschaft warm zu werden. Auch gilt die Gruppe heute als Vorbote des Punk.

„Keine Macht für Niemand“, „Der Kampf geht weiter“, „Die letzte Schlacht gewinnen wir“ - so hießen die Parade- und Parolenstücke, die unter Revoluzzern und Steinewerfern zitiert und mitgegrölt wurden. Nach Konzerten besetzten Band und Besucher vereinzelt Häuser, unter anderem das heute noch immer selbstverwaltete ehemalige Bethanien-Krankenhaus in Kreuzberg, seither bekannt als Georg-von-Rauch-Haus. Bei ihrem ersten Auftritt 1970 auf Fehmarn, beim „Fest der Liebe“ vor 70.000 Festivalbesuchern, war man zumindest mitverantwortlich dafür, dass am Ende beinahe alles, was brennen konnte, in Flammen aufging. Als die Verantwortlichen zuvor mit der Kasse durchbrannten, war das Publikum gewillt, Rios Worten Folge zu leisten: „Man sollte den Veranstalter ungespitzt in den Boden hauen“, rief er damals nach dem Song „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ in die Menge.

Fünf Platten nahmen die Scherben zwischen 1971 und 1983 auf. Rockmusik auf Deutsch gab es in den Anfangstagen eigentlich noch nicht. Dass seit jeher Udo Lindenberg als Deutschrock-Pionier hervorgehoben wird, dafür hatte Reiser stets nur ein müdes Lächeln übrig. „Wir haben das Deutschrock-Feld beackert, andere ernten“, zeigte er sich stets trotzig. Auch wenn es vereinzelt - gerade in der DDR - auch andere gab, die auf Deutsch sangen und sich nicht dem Schlager verpflichtet fühlten. Mit ihrem Auftreten, der kompletten und eigensinnigen Selbstvermarktung und natürlich dem Linksaußen-Stempel war eben die Aufmerksamkeit des Verfassungsschutz und der Polizei höher als die der Radiostationen.

Man selbst fremdelte allerdings schon früh mit der auferlegten Rolle. Ton Steine Scherben sahen sich einer Instrumentalisierung ausgesetzt; über Verbindungsleute beauftragt, sollte man gar ein Lied für die RAF schreiben und vorne mitmarschieren, als es um die Freilassung Horst Mahlers ging. Liveauftritte hatten bei der Berliner Band auch ihre Tücken: „Wir waren stets nur die Lockvögel. Der Veranstalter und mindestens drei andere örtliche Gruppen - Jusos, Schülergruppen, Knasthilfen - rangelten um einen möglichst günstigen Platz in unserem Programm, bei dem sie ihre Resolutionen loswerden wollten“, erinnerte sich Rio in seiner Biografie. Man wollte nicht auf ewig die Agitations-Rockgruppe auf Abruf sein. Spätestens als man forderte, „mit dem Marschieren aufzuhören und Tanzen zu lernen“, kam der Bruch mit den humorbefreiten Spontis. Ton Steine Scherben zogen sich zurück.

Zuflucht fand die Band samt großem Anhang in Nordfriesland, genauer in Fresenhagen, wo man ein altes Gut für gepumpte 50.000 Mark erstand. Dort lebte man gemeinsam, anfangs 16 Männer, Frauen und Kinder, und machte weiter Musik. Zurückgezogenheit war eh die Sache Rio Reisers. Als Kind, so beschrieb er es selbst, war er ein Einzelgänger. Da die aus Berlin stammende, „kleinbürgerliche“ Familie ständig den Wohnsitz änderte - sein Vater fand als Verpackungsingenieur alle drei Jahre eine neue Anstellung -, musste sich der kleine Ralph immer wieder an neue Schulfreunde, Dialekte und Mentalitäten gewöhnen. Oberbayern, Nürnberg, Mannheim, Stuttgart, Hessen - heimisch fühlte sich der 1950 zur Welt gekommene Junge nirgends. Auch später in Berlin, in den kommunenartig organisierten, legendären Wohngemeinschaften, etwa am Tempelhofer Ufer, verschanzte sich Rio gerne im kleinsten Zimmer und verbrachte viel Zeit für sich oder höchstens mit einem Liebhaber. Um seine Homosexualität machte er zumindest unter seinen Nächsten wenig Aufhebens. Und das obwohl sogar unter Linken Schwulsein nicht gerade angesehen war, als dekadent galt.

In seiner Heimatstadt, dessen Schnauze er auch in seinem etwas quengelnden, in Anfangsjahren sehr kratzigen, doch immer druckvollen Gesang nie ablegen wollte, landete Rio erst 1967 wieder. Seine Brüder Gert und Peter Möbius inszenierten seinerzeit die „erste Beat-Oper der Welt“. Der Jüngste sollte die Musik schreiben. Bereits bei ihrem Wandertheater, dem „Hoffmanns Comic Teater“, war Rio, damals nicht älter als 15, als Hauskomponist mit an Bord - begeistert und beeinflusst erst von den Beatles und dem „Ben Hur“-Soundtrack, später von den Stones. „Wir waren als Familie stets eine Einheit. Wir gegen den Rest der Welt. Bei uns wurde viel miteinander gesprochen, wir besuchten Museen und Theater“, erklärt Gert den engen Familienzusammenhalt. Auch die Eltern unterstützten ihre drei kreativen Buben, wo sie nur konnten. „Ich will nicht werden, was mein Alter ist“, ein Song aus dem ersten Scherben-Album, sollte man also keinesfalls biografisch betrachten.

Auch später machte Rio Reiser nicht nur Rock- und Pop-Platten. Er arbeitete an Soundtracks, Hörbüchern, Theater-, Musical- und Operstücken - auch mit seinen Brüdern. Die Scherben entstanden zudem aus der Straßentheater-Gruppe „Rote Steine“, die vor allem aus Berliner Lehrlingen bestand. Rio spielte mit - wie auch später in TV-Filmen und im „Tatort“ - und machte gemeinsam mit seinem ewigen Kompagnon RPS Lanrue die Musik. Neben dem Gedankengut der aufkeimenden Linken begeisterte er sich auch für die ebenfalls erstarkende Esoterik-Welle. Drogen, vor allem Haschisch, aber auch LSD und Meskalin, standen auf der Tagesordnung. Er machte sich viel aus Astrologie. Barfuß schlurfte er durch Berlin: Das Schicksal werde schon entscheiden, ob er in eine Scherbe oder einen Nagel treten soll.

Spätestens mit der dritten Scherben-LP „Wenn die Nacht am tiefsten ...“ machten sich diese weicheren Themen auch musikalisch bemerkbar. Symbolische Passagen, inspiriert von der Bibel, von Karl May und eben der Astrologie, fanden sich ab da in Rios Texten wieder. Seine Vorliebe für Wortspiele kam zum Tragen. Man traute sich an Liebeslieder. Doch was aus anderen Mündern kitschig oder gar banal klingen würde, wusste Rio Reiser allezeit auf ehrlichste Weise zu verpacken und zu übermitteln. RPS Lanrues Songstrukturen wurden zudem ausgeklügelter, psychedelischer. Ton Steine Scherben sorgten schon damals für Unverständnis in ihrer Fangemeinschaft. Und die Band häufte Schulden an: „Für Lindenberg, Maffay oder Müller-Westernhagen war es kein Problem, 40 Mark oder mehr für eine Eintrittkarte zu verlangen. Bei Scherbens galt es aber als unmoralisch, mehr als 15 Mark an der Abendkasse hinzulegen“, notierte Reiser in seinen Memoiren. Seit eh und je war die Zahlungsmoral von Veranstalter und Publikum mies.

1985 trennten sich Ton Steine Scherben einvernehmlich. „Rio I.“ entstand auch, weil ihr Frontmann den Schuldenberg von 500.000 Mark abtragen wollte. Dies gelang ihm. Er galt als kommender Star, irgendwo zwischen NDW und Pop. Zwar gab er zu, nun gewisse Erwartungen mit seiner Musik erfüllen zu müssen, anbiedernd sei dies aber noch lange nicht. Trotzdem wurde der Unmut größer: Er musste sich als Schlagerfuzzi von den alten „Fans“ beschimpfen lassen. Auch wenn er sich niemals unpolitisch gab, fühlte sich Rio davon gekränkt. „Warum soll Liebe, die Beziehung zwischen zwei Menschen, nicht politisch sein?“, stellte er in einem Interview nach zwei vielbeachteten Konzerten 1988 in Ostberlin darauf angesprochen eine Gegenfrage.

In der Seelenbinder-Halle führte er das DDR-Publikum an, gerade bei „Der Traum ist aus“ skandierte die Masse: „Gibt es ein Land auf der Erde, wo der Traum Wirklichkeit ist? Ich weiß es wirklich nicht. Ich weiß nur eins, und da bin ich sicher: Dieses Land ist es nicht.“ Beim TV-Mitschnitt fürs Staatsfernsehen wurde diese Konzertpassage natürlich ausgelassen. Trotz der eindeutigen Kritik am DDR-Regime trat er nach der Wende der PDS bei - weil er eben ein Außenseiter sei, begründete Reiser diesen Schritt. Einer, der seinen kommerziellen Erfolg drastisch drosseln sollte. Als diffamierter Kommunist verwehrten ihm die Radiostationen und Fernsehsender abermals fast jedwede Aufmerksamkeit.

Trotzdem nahm Rio Reiser weiter Platten auf, bis zu seinem Tod waren es sechs Studioalben. Doch die Karriere des „Songkönigs BRD“ dümpelte dahin. Es heißt, er sei am Ende schwerer Alkoholiker gewesen, was Bruder Gert heute aber so nicht stehen lassen will. Auch den Drogen habe er da längst abgeschworen. Sein Ableben sei ein Schock gewesen. Rio sollte eigentlich eine „Polizeiruf 110“-Folge vertonen, für die Gert das Drehbuch geschrieben hatte. Am 20. August 1996 rief dieser bei seinem kleinen Bruder an, um die gemeinsame Arbeit zu besprechen. Der Anrufbeantworter sprang an. Vier Stunden später meldete sich sein Lebensgefährte. Rio Reiser starb im Alter von 46 Jahren an Kreislaufversagen aufgrund innerer Blutungen.

Blixa Bargeld fand kurz darauf im „Spiegel“ die wohl schönsten und zutreffendsten Worte über seinen verstorbenen Kollegen: „Ich habe noch nie jemanden in Deutschland singen gehört oder gesehen, der wie Rio in der Lage war, innerhalb von Sekunden eine intime Beziehung, geradezu eine Liebesbeziehung, mit jedem einzelnen seiner Zuhörer aufzubauen.“ Über die Jahre zollten ihm weitere Kollegen Tribut, Rio Reisers Lieder wurden noch und nöcher gecovert - aktuell auf dem Sampler „Alles und noch viel mehr“ etwa von Xavier Naidoo, Namika und Johannes Oerding. Die Medien berichteten selbstredend wieder wohlwollender.

Gert Möbius, der ein über zwei Wohnungen und Keller verteiltes Archiv hortet, plant schon lange ein Museum in Kreuzberg und befindet sich mit der dortigen Bezirksverwaltung auf der Suche nach einem geeigneten Standort. Das von ihm verwaltete Rio-Reiser-Haus, der alten Bauernhof in Fresenhagen, wo sein Bruder begraben wurde, musste wegen „unmöglicher“ Finanzierbarkeit 2011 verkauft werden. Rio Reiser wurde nach Berlin umgebettet.

tsch

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