Details zum 1.000. „Tatort“-Krimi „Taxi nach Leipzig“

Das „Tatort“-Jubiläum wird zum Horrortrip im Taxi

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Schicksalsgemeinschaft der Kommissare: Der Entführer Rainald Klapproth (Florian Bartholomäi) auf dem Weg nach Leipzig - für die Kommissare Lindholm (Maria Furtwängler, links) und Borowski (Axel Milberg, Mitte) eine Fahrt ins Ungewisse.

Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: „Taxi nach Leipzig“ ist der eintausendste „Tatort“-Krimi. Die ARD gibt sich spendabel und lässt zum Wahnsinnsjubiläum gleich zwei prominente Ermittler mit dem Taxi fahren.

Nein, das Fernsehen ist allen Unkenrufen zum Trotz natürlich noch lange nicht am Ende. Da muss man sich nur mal den anhaltenden Erfolg der „Tatort“-Reihe vor Augen führen, der für ARD-Programmdirektor Volker Herres ein eindeutiger Beleg dafür ist, dass wir „eben doch nicht alle digitale Nomaden“ sind und es die vielzitierte Sehnsucht nach dem Lagerfeuer durchaus noch gibt. Das Krimiformat funktioniere nicht nur trefflich als „kollektives Seherlebnis“, der „Tatort“ übernehme auch die gesellschaftlich relevante Aufgabe eines „Spiegelbilds der Republik“, erklärte Herres am Dienstagnachmittag in perfekter Ausnutzung der Gelegenheit: In Hamburg wurde die 1.000. „Tatort“-Folge „Taxi nach Leipzig“ erstmals vor Journalisten vorgestellt. Er wird am Sonntag, 13. November, 20.15 Uhr, im Ersten ausgestrahlt, gefolgt von einer außergewöhnlichen Dokumentation zum Thema: In „Sonntagsmörder - Ermittlung über 1000 Tatorte“ (NDR) wird die dienstälteste Kommissarin Lena Odenthal alias Ulrike Folkerts auf Ermittlungsreise durch die „Tatort“-Geschichte gehen.

Der Jubiläumsfall trägt zwar den gleichen Titel wie der am 29. November 1970 ausgestrahlte Auftaktfilm zur langlebigsten Filmreihe im deutschen Fernsehen, inhaltlich gibt es jedoch keine Anknüpfungspunkte. Die Geschichte des spannenden und stilistisch ambitionierten Films von Krimispezialist Alexander Adolph (Buch und Regie) führt die norddeutschen Kommissare Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) und Klaus Borowski (Axel Milberg) als eine Art Schicksalsgemeinschaft zusammen.

Die Ermittler, die sich in Braunschweig auf einem Seminar für Gewaltprävention kennenlernen und eigentlich nur der dort grassierenden Langeweile entkommen wollen, steigen in das Taxi eines ganz besonderen Fahrgastbeförderers: Rainald Klapproth (Florian Bartholomäi) ist ein ehemaliger Elitesoldat, der nun, Jahre nach einem traumatisierendem Einsatzerlebnis in Afghanistan, seine private Agenda verfolgt. Er hat gerade erfahren, dass die Liebe seines Lebens morgen in Leipzig seinen Todfeind heiraten wird ...

Man ahnt es schon: In diesem Fall wird über weite Strecken die psychologische Karte ausgespielt. Geschätzte zwei Drittel des Films spielen sich im Taxi ab - ein Drama auf engstem Raum. Auch in technischer Hinsicht sei dies durchaus eine Herausforderung gewesen, ließen die Macher in Hamburg wissen. Das Gefährt wurde für den Dreh von allen Seiten aufgesägt, was in diesem eher klaustrophobischen Szenario (Lindholm und Borowski sitzen im Fond) doch für manche überraschende Kameraperspektive sorgt.

„Taxi nach Leipzig“ ist dabei kein reines Kammerspiel und alles andere als monoton. Der vielfach ausgezeichnete Filmemacher Alexander Adolph („München Mord“) ließ sich bei seinem siebten „Tatort“ nicht lumpen, was die Wahl der Stilmittel angeht. Adolph variiert geschickt das Tempo, und selbst vor Horrorelementen schreckte er nicht zurück, wenngleich der Film glücklicherweise ohne Gewaltexzess auskommt.

Bemerkenswert sind einige Gastauftritte: Sogar Friedhelm Werremeier, der Drehbuchautor von „Taxi nach Leipzig“, spielt im neuen „Taxi nach Leipzig“-Film eine kleine Rolle. Mit dabei ist auch Hans Peter Hallwachs, der bereits vor 46 Jahren mit von der Partie war, genau wie Günter Lamprecht und Karin Anselm, die später (von 1981 bis 1988) als Kriminalhauptkommissarin Hanne Wiegand eine Karriere als Ermittlerin im SWR-„Tatort“ hinlegte.

„Taxi nach Leipzig“ wird am Ende vielleicht nicht als Grimmepreis-verdächtiges Glanzstück in die Geschichte der Reihe eingehen, aber vor allem die besondere Ästhetik lässt den Film den Eventanspruch an ein solches Jubiläum erfüllen. Prognose: Wer mit Ulrich Tukurs „Tatort“-Fällen „Im Schmerz geboren“ oder „Das Dorf“ glücklich war, wird auch diesen Film gerne sehen. Und mindestens zehn Millionen werden am 13. November mit Sicherheit vor dem Fernsehen sitzen, um den 1.000. „Tatort“ mitzuverfolgen. Was übrigens nichts Gutes für die Pornoindustrie bedeutet. Volker Herres will tatsächlich in Erfahrung gebracht haben, dass während einer „Tatort“-Erstausstrahlung der Pornokonsum in Deutschland um 17 Prozent zurückgeht...

tsch

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