Bud Spencer

Der sympathischste Haudrauf der Filmgeschichte

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104 Filme hat Bud Spencer gedreht. „Plattfuß in Hongkong“ (1975) gehört zu den erfolgreichsten. Auf der Jagd nach Rauschgifthändlern verschlägt es Kommissar Rizzo (Bud Spencer) in den Fernen Osten ...

Carlo Pedersoli, alias Bud Spencer, war privat nie der raufende Wüstling aus seinen Filmen - er war für manche Überaschung gut. Am 27. Juni ist der große Italiener verstorben. Er wurde 86 Jahre alt.

Vermutlich wäre dieses, aus Sicht des Außenseiters heroische Fußballspiel ganz nach Bud Spencers Gusto gewesen: Am späten Montagabend, just als bei der Fußball-Europameisterschaft in Frankreich die kleinen Isländer dem Triumph gegen die großen Engländer entgegenfighteten, kam die Nachricht vom Tode des italienischen Kultstars über die Nachrichtenticker. Bud Spencer, der in seinen Rollen und privat stets ein Herz für die Underdogs hatte und selbst über echte Nehmerqualitäten verfügte, verstarb italienischen Medien zufolge am 27. Juni im Alter von 86 Jahren. Sein Sohn Giuseppe Pedersoli bestätigte der Nachrichtenagentur Ansa: „Er hat nicht gelitten, er hatte uns alle bei sich und sein letztes Wort war 'Danke.“

Es gebe kaum etwas, das er nicht ausprobiert hätte, sagte Bud Spencer. „Berge bestiegen, in Amazonien mit den Indios gelebt. Nur Operntänzer war ich nie“, resümierte er 2011 im Interview mit dem Nachrichtenmagazin „Focus“. Tatsächlich galt der als übergewichtiger Film-Grobian berühmt gewordene Schauspieler als eine Art Tausendsassa. Er war Sportler, Erfinder, Abenteurer, Musiker, liebender Vater, treuer Ehemann und Autor: Bud Spencer veröffentlichte noch anlässlich seines 85. Geburtstages im Oktober 2014 ein drittes Buch („Ich esse, also bin ich“).

Er stand für die familienkompatibelste Form der Gewalt: Wenn der Koloss im Fernsehen beide Arme gerade nach vorne streckt, um den schwankenden Bösewicht von links wie rechts gleichzeitig eine Backpfeife zu verpassen oder ihm mit der Faust eins auf den Deckel hämmert, dann jubeln ihm Vater und Sohn seit Generationen vom Fernsehsessel aus zu. Oft haben auch Mutter und Tochter mehr als ein mildes Kopfschütteln dafür übrig.

Über den Mann hinter der groben Fassade namens Bud Spencer gibt es keine zwei Meinungen. Carlo Pedersoli ist ein intelligenter, humorvoller und vor allem liebenswerter Mensch. Zudem ist er, dem Kino-Alter-Ego ganz ungleich, ein friedfertiger Zeitgenosse: „Bud Spencer würde jedem, der ihn stört, eine verpassen. Ich dagegen lehne Gewalt ab“, sagte Pedersoli einmal.

Bud Spencer erreichte seinen Karrierehöhepunkt Anfang der 1970er-Jahre. Der Film „Vier Fäuste für ein Halleluja“ (1971) war hierzulande der erfolgreichste Streifen des Jahrzehnts und ist noch heute einer der erfolgreichsten der deutschen Kinogeschichte. Auch die Filme vor und nach dem Klassiker füllten die Kinoränge. Dabei war es egal, ob man den stolzen Neapolitaner und gläubigen Katholiken als Cowboy, Polizisten oder einfachen Streuner verkleidete, auf der Leinwand war immer Bud Spencer zu sehen - ein Elefant im Porzellanladen, der auch als Bandit die noch größeren Banditen zur Rechenschaft zog. Dabei konnte er Schläge und Tritte einstecken, Stühle zersprangen auf seinem Rücken - der 1,94-Meter-Hüne gab sich stets unbeeindruckt und verteilte in seinem eigenen Tempo die Doppel-Backpfeife oder den ebenso bekannten Faustschlag von oben auf die Schädeldecke.

Am besten funktionierte Pedersoli gemeinsam mit Schauspielkollege Mario Girotti alias Terence Hill, dem sportlichen Womanizer mit den stechend blauen Augen. Auf die Frage, wer denn der stärkere der zwei Haudegen gewesen sei, kam Girotti 2002 in einem italienischen Interview ins Schwärmen: „Was zwischen uns und mit uns passierte, ist eine unerklärliche Sache. Ich war wie ausgewechselt, wenn ich mit ihm zusammenarbeitete, und er war anders, wenn er mit mir zusammen war. Das passierte instinktiv. Solche Filmpaare sind selten, weil es, ich möchte es so ausdrücken, keine Sache von Anleitung oder Geist ist, sondern eine emotionale Arbeit.“ Neben den gemeinsamen Prügeleien futterten und quatschten sich beide durch Wüste, Dschungel und Großstadt, begleitet von Liedern, die eng mit dem Kult um die Klamaukfilme verbunden sind.

Eben dies, die Musik, war eine der schon längst vergessenen Leidenschaften des im Oktober 1929 in Neapel geborenen Pedersoli. Für die italienische Plattenfirma RCA komponierte er in seinen Dreißigern Volkslieder und Schlager. Zu dieser Zeit war sein erster großer Stern schon gesunken. Denn die Karriere Nummer eins des Italieners war, erinnert man sich an seine in den Filmen berühmt gewordene Statur, eine schwer vorstellbare: Carlo Pedersoli war ein gefeierter Schwimmstar, siebenmaliger italienischer Meister im 100-Meter-Freistil, zweifacher Olympionike. Und das trotz einer Schachtel Zigaretten am Tag und den Qualen eines Jurastudiums, das er allerdings erst mit Verzögerung zu Ende brachte.

Entdeckt habe er sein Talent durch Zufall als Vierjähriger, als ein Seemann ihn einfach ins Meer schmiss, erzählte Pedersoli in seiner 2011 erschienen Autobiografie. Im selben Jahr benannte Schwäbisch Gmünd sein Freibad nach dem Faustfilm-Schauspieler - 1951 war dieser mit der italienischen Schwimmnationalmannschaft in der Stadt zu Gast. Als großer Sportstar ging er während der 1950er-Jahre das erste Mal auf Tuchfühlung mit dem Filmgeschäft und übernahm Statisten- und kleinere Rollen in Sandalenfilmen wie „Quo Vadis“ und „Hannibal“.

1958 beendete er seine Karriere im Schwimmerbecken und ging zurück nach Südamerika, wo er schon im Kindesalter mit seinen Eltern längere Zeit verbrachte. Er verdingte sich unter anderem als Straßenarbeiter beim Bau der Panamericana-Straße. Zurück in Italien heiratete Pedersoli Maria Amato, mit der er drei Kinder in die Welt setzte und bis zu seinem Ableben zusammenblieb: „Mein Vater war nie im Mittelpunkt irgendwelcher Skandale. Als Junge erzählte er mir, dass er viele Angebote von Frauen hatte, aber er liebte meine Mutter. Schon die Idee, sie zu betrügen, machte ihn krank“, erzählte Sohn Guiseppe 2011 in einem Interview mit einer italienischen Zeitschrift.

Wie zum Schwimmen kam er auch zum Schauspiel durch Zufall: Pedersolis Frau Maria ist Tochter eines berühmten italienischen Filmproduzenten, bekannt mit den Größen der Branche. Regisseur Guiseppe Colizzi suchte 1967 nach einem Beinbruch einer seiner Schauspieler einen stämmigen Hünen für „Gott vergibt ... Django nie!“ und fand diesen in Pedersoli. Um nicht von Freunden erkannt zu werden, ließ er sich einen Bart wachsen und nannte sich Bud Spencer - übrigens eine Zusammensetzung aus dem Namen seines Lieblingsbiers, Budweiser, und seines Lieblingsschauspielers, Spencer Tracy: „Ich wollte wirklich nur diesen einen Film machen ... Na ja, am Ende sind es dann doch 104 geworden“, sagte er 2010 in einem Interview.

Über die Jahre hinweg traten neben Filmen und Serien weitere Leidenschaften zu Tage: Pedersoli gründete eine Fluglinie und kandidierte sogar für Regionalwahlen 2005. Er erfand eine Einweg-Zahnbürste mit integrierter Zahnpasta und einen Gehstock mit ausklappbaren Stuhl sowie Tisch: „Vor einiger Zeit hat er versucht, ein sich mit einem Propeller selbst aufladendes Auto zum Patent anzumelden. Er tat dies mit dem Enthusiasmus und der Energie eines 20-Jährigen“, berichtete Sohn Guiseppe 2011.

„Schon seit unserem ersten Schrei als Säugling sind wir auf dem Weg zum Tod. Ich habe deshalb ein Motto: Lass mich vorbei, ich lebe gerade mein Leben“, sagte Pedersoli im selben Jahr gegenüber „Focus“. Dann jedoch stand es wirklich schlecht um den großen Star, der mit Magenblutungen, die er erst nicht bemerkt hatte, im Krankenhaus behandelt wurde. Doch er hatte es noch einmal geschafft. „Gerettet hat mich am Ende meine liebe Frau Maria“, zitierte ihn Mitte Oktober 2014, wenige Tage vor seinem 85. Geburtstag, die „Bild“-Zeitung. „Weil sie so lange und immer wieder gedrängelt hat, bis ich endlich zum Arzt gegangen bin.“ Obwohl er danach nie wieder richtig auf den Damm kam, ging ihm der legendäre Humor nicht abhanden: „Eine Sache war bei der ganzen Aufregung gar nicht so schlecht. Ich habe 15 Kilo abgenommen und fühle mich dadurch gleich 15 Jahre jünger.“

Wenn es denn stimmt, was sein Sohn die Öffentlichkeit wissen ließ, und Bud Spencers letztes Wort wirklich „Danke“ hieß, dann passt das ganz zweifellos zu dieser bewegten, von purer Lebenslust getragenen Vita. Ja, auch wir, ganze Generationen von Filmfans, die von ihm über so viele Jahre immer wieder zum Schmunzeln gebracht wurden, sagen: Danke, Bud Spencer! Danke dafür, dass dank dir stets die Kleinen gegen die Großen gewannen und immer die Gerechtigkeit siegte - und dass am Ende die Bösen verlässlich aufs Maul bekommen haben! Die Welt bräuchte so viele mehr von deiner Sorte.

tsch

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