Warum der neue Dresden-„Tatort“ ein Volltreffer ist

Stromberg an der Elbe

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Kommissariatsleiter Peter Michael Schnabel (Martin Brambach) weist seine Ermittlerinnen Karin Gorniak (Karin Hanczewski, links) und Henni Sieland (Alwara Höfels) an, die Zeugenaussagen ernst zu nehmen.

Raffinierte Sozialkritik, kredenzt mit scharfem „Stromberg“-Humor: Man darf die Dresdner zu ihrem neuen „Tatort“-Team beglückwünschen.

Beim Debüt vor einem halben Jahr nahm der neue Dresden-„Tatort“ die Schlager- und Schunkelbranche aufs Korn. Fall Nummer zwei für die Ermittler Henni Sieland (Alwara Höfels), Karin Gorniak (Karin Hanczewski) und Peter Michael Schnabel (Martin Brambach) gestaltete sich jetzt weniger plakativ, aber nicht weniger unterhaltsam. Der Drehbuchautor und „Stromberg“-Erfinder Ralf Husmann hat rund um die Ermordung eines Sozialunternehmers nicht mit Pointen und Bonmots gegeizt.

Ergab die Story Sinn?

Es wurde unheimlich viel gequasselt in diesem „Tatort“, dem zweiten mit dem neu formierten Team aus Dresden. Das meiste war sogar ausgemachter Unfug. Ein Ammenmärchen reihte sich an das nächste, da die Kommissarinnen Henni Sieland und Karin Gorniak ihre Pappenheimer nach Tatzeit-Alibis befragten. „Wo waren Sie gestern Nacht?“ - „Gibt es dafür Zeugen?“ Das sind fraglos die Zutaten für einen papierraschelnden „Tatort“-Langweiler der staubigsten Sorte. Wenn aber der „Stromberg“-Erfinder Ralf Husmann die Dialoge geschrieben hat, ist verlässlich das glatte Gegenteil der Fall. Dann heißt es Stifte spitzen und Papier bereitlegen. Denn der Obdachlosen-Krimi „Der König der Gosse“ strotzte nur so vor zitierfähigen Bonmots. Und ja: Eine sinnvolle Story rund um die Ermordung eines schillernden Sozialunternehmers gab es auch!

Wie überzeugend waren die Ermittler?

Sieland und Gorniak brauchen vielleicht noch ein bisschen, um noch mehr an Profil zu gewinnen. Bislang fielen die beiden Power-Polizistinnen vor allem durch privaten Stress und bisweilen genervtes Motzki-Gehabe beim Ermitteln auf. So kommt es, dass ihr Chef sie für „Kampf-Amazonen“ hält. Dieser Peter Michael Schnabel ist fraglos die Hauptattraktion des Dresdner Teams: Der an den modernen Zeiten leidende Möchtegern-Macho, von Martin Brambach hingebungsvoll gespielt, ist fast schon einer wie „Stromberg“, das berühmte Büro-Ekel aus der 2012 geendeten ProSieben-Sitcom. Kein Wunder! Schließlich stammen beide Fettnapf-Abonnenten aus der Feder von Autor Ralf Husmann.

Wie furchteinflößend war der Mörder?

Mit seinem Seidenschal, der Föhnfrisur und dem aufgesetzten Hochkultur-Habitus war der Sozialunternehmer Gerald Schleibusch (Stephan Baumecker) nicht zum Fürchten, sondern allenfalls ein bisschen widerwärtig. An dieser bigotten Figur kristallisierte sich die kritische Kernaussage des Films: Die privatisierte Armenhilfe ist offenbar längst ein sehr einträgliches Geschäft geworden.

Wie realistisch ging es zu?

Für die Stimmung im Land haben Autor Husmann und Regisseur Dror Zahavi offenkundig feine Antennen. Ihre Leitfragestellung: Wie geht die im sozialen Umbruch befindliche Wohlstandsgesellschaft mit den Schwächsten um? Mit den vielen Flüchtlingen einerseits, aber eben auch mit „einheimischen“ Mittellosen ohne Dach über dem Kopf. Diese Themen wurden allerdings weniger nüchtern-realistisch als vielmehr humorvoll-pointiert aufbereitet. Das kam dem Unterhaltungsfaktor des Ganzen sehr zugute.

Den besten Auftritt ...

... hatten die drei Edelpenner Eumel (Alexander Hörbe), Platte (David Bredin) und Hansi (Arved Birnbaum). Die selbsternannten „Security“-Beauftragten trieben die beiden Kommissarinnen mit ihren widersprüchlichen Räuberpistolen zur Tatnacht fast zur Verzweiflung. Ein urkomisch orchestriertes Dreigestirn des Wahnsinns.

Das Zitat, bei dem wir errötet sind ...

... kam natürlich von Revierleiter Schnabel, aus dem es immer wieder politisch unkorrekt herausplatzt: „Wenn Frauen und Männer nur noch gleich sind, kann ich auch gleich schwul werden.“ Ebenso denkwürdig, wie Schnabel einen Restaurantkellner über den deutschen Rechtsstaat aufklärte: „Hier ist alles in Ordnung“, wiegelte der Italiener ölig ab - „Nee, wissen Sie. Das ist das Schöne an Deutschland“, wusste es Schnabel besser: „Hier ist nie alles in Ordnung. Irgendwas ist immer.“

Wie gut war der Tatort?

Raffinierte Sozialkritik, kredenzt mit scharfem „Stromberg“-Humor: Man darf die Dresdner zu ihrem neuen „Tatort“-Team beglückwünschen. „Der König der Gosse“ war noch mal stärker als das kontrovers aufgenommene Debüt vor einem halben Jahr. Unsere Bewertung: zwei plus!

tsch

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