Hannelore Elsner

Spöttisches Lächeln, strotzendes Selbstbewusstsein

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Hannelore Elsner beherrscht die Pose - hier auf der After-Show-Party zum Rilke-Projekt „Dir zur Feier“ in der Frankfurter Alten Oper 2015.

Im Familiendrama „Hannas schlafende Hunde“ (Start: 9. Juni) glänzt die umtriebige, preisgekrönte Schauspielerin Hannelore Elsner als jüdische Großmutter.

Hannelore Elsner ist eine der wenigen, großen Diven des deutschen Films. Ihr feinsinniges Spiel, ihre nuancierte Darstellung gipfelt immer in einer unmittelbaren, ja soghaften Präsenz - man denke nur an „Die Unberührbare“ (2000) von Oskar Roehler. Unberührbar und kapriziös gibt sich die 73-Jährige auch im echten Leben. Um den Kreislauf in Schwung zu bringen, ordert sie beim Interviewtermin schon mal ein Glas Champagner. Dabei sprudelt Elsner, im schwarzen Outfit und mit Cowboyboots an den Füßen, auch so schon vor Energie. In „Hannas schlafende Hunde“ ist die brünette Grande Dame ab 9. Juni im Kino zu sehen, als furchtlose Oma, die ihrer Enkelin beibringt, zu ihrer Herkunft zu stehen.

Es ist eine Rolle, die ihr schon vor Jahren angeboten wurde, aber Elsner wollte erst nicht: „Ich dachte, das ist mir zu düster und fürchterlich, diese ganze Geschichte. Und da ich mich kenne, wusste ich, dass ich mich da sehr hineinbegebe, und das wollte ich lieber nicht.“ Denn „Hannas schlafende Hunde“ spielt gut 20 Jahre nach Kriegsende in der österreichischen Spießer-Provinz, wo noch viele versprengte Nazis leben und aus ihrem Hass auf die jüdischen Nachbarn keinen Hehl machen.

Es ist eine vergiftete und bedrückende Atmosphäre, die diese deutsch-österreichische Koproduktion heraufbeschwört, findet auch Hannelore Elsner: „Wenn man den Film gesehen hat, denkt man: 'Um Gottes willen, ist das schrecklich!' Und das Schlimme ist - das gibt es heute auch noch alles, den Missbrauch, die Vergewaltigung, die Nazis. Es ist alles da, immer dagewesen und kommt immer wieder. Das ist das Erschreckende.“

Weil es ein wichtiger Film ist, von größter gesellschaftlicher Relevanz, hat Hannelore Elsner das Rollenangebot schließlich doch angenommen. „Er geht jeden was an, ich bin überzeugt, dass es sehr viele mitreißt und bewegt“, betont sie. Bewegen, mitreißen - das tut auch Elsner als blinde Großmutter, die hier erneut eine jüdische Frau spielt. Wie schon in „Auf das Leben“ (2015) oder „Der letzte Mentsch“ (2014). Aber das ist nur Zufall, mehr nicht. Denn die Rollen, die Elsner spielt, nach denen sucht sie nicht, wie sie sagt: „Die kommen zu mir und dann auch zur richtigen Zeit.“

So war es auch bei „Hannas schlafende Hunde“, einer Geschichte, die im weitesten Sinne auch um die Gräuel des Holocaust kreist. Für Hannelore Elsner übrigens ein Thema, mit dem sie sich als junge Frau viel auseinandergesetzt hat, „weil ich damals in der Schule überhaupt nichts darüber erfahren habe“, empört sie sich. Also hat sie in der Folge alles gelesen und gesehen, was es dazu gab: „Ich kenne alle Dokumentationen, von Claude Lanzmann bis Steven Spielberg.“ Schließlich ist Elsner ein durch und durch politischer Mensch.

Dass sie sich darüber hinaus auch sozial engagiert, ist für die Trägerin des Bundesverdienstkreuzes selbstverständlich. Seit vielen Jahren schon unterstützt sie das Frankfurter Fritz Bauer Institut gegen das Vergessen des Holocaust, weil „ich der Meinung bin, dass man den Holocaust nie vergessen sollte!“ Außerdem ist sie Mitglied im Berliner Verein Karuna, der sich um Straßenkinder kümmert. Doch damit nicht genug: Elsner ist auch im Kuratorium der Deutschen Aidsstiftung. Und all das neben der schauspielerischen Karriere: „Das Engagement kommt aus mir heraus, ich finde das sehr normal.“

Dabei ist Elsner alles andere als normal. Ein Ausnahmetalent und eine funkelnde Persönlichkeit, der man eigentlich gerne noch so viele Fragen stellen möchte, aber wehe es sind die falschen! Elsner hängt sich im Interview schon an einem einfachen Wort wie „reizvoll“ auf oder an der simplen Frage nach den Dreharbeiten zu „Hannas schlafende Hunde“: „Ich weiß gar nicht, was sich die Leute immer vorstellen, was Dreharbeiten sind. Man ist zwölf Stunden am Set, und ich hatte Kopfschmerzen, weil ich den ganzen Tag diese enge Perücke tragen musste. Es ist Arbeit. Aber es gibt da keine Anekdoten zu erzählen.“

Nein, in Plauderstimmung ist sie nicht. Es gibt also keine Anekdoten zu hören. Auch kein Wort über die eigene Kindheit im Kloster, die enge Beziehung zur eigenen Großmutter oder über den frühen Verlust von Vater und Bruder, über den in der Familie nicht gesprochen wurde. Vielleicht sollte man also lieber Elsners Autobiografie lesen, die sie 2011 verfasst hat. Den Titel „Im Überschwang“ hat die Schauspielerin natürlich selbst gewählt. „Ich hab es ja auch selber geschrieben!“ Dass sich jemand anderes über ihr Leben auslässt - Gnade dem!

Hannelore Elsner ist ein selbstbestimmter Mensch, der sich nicht einschränken lässt. Das gilt auch für ihre Arbeit. Fragt man sie nach dem einen oder anderen Herzensprojekt, das sie noch verwirklichen will, fällt ihr keines ein. Sie kann eh alles machen, was sie will. Und überhaupt: Was soll dieses Wörtchen „noch“? - „Das können Sie gleich streichen! Ich stehe mitten in meinem Berufsleben und werde immer weiter Rollen spielen, die mir entsprechen und auf die ich mich freuen kann. Aber ich werde mich nicht festlegen für die nächsten zehn Jahre!“

Ganz im Gegenteil: Hannelore Elsner lässt sich von sich selbst überraschen. Zunächst wird sie aber wieder einmal ihr Publikum überraschen, mit „Hannas schlafende Hunde“, als blinde Großmutter, die mit der funkelnden Schauspielerin, die einem da in einer Mischung aus Unmut und Divenhaftigkeit gegenübersitzt, nicht allzu viel gemein hat. Bis auf das spöttische Lächeln vielleicht und dieses strotzende Selbstbewusstsein.

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