Drei Dokus bei ARD (22.02.), ARTE (23.02.) und ZDF (24.02.) gehen der Frage nach: Ist die FIFA nach der Ära Blatter überhaupt zu retten?

Der Spielmacher wird vom Platz gegrätscht

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Der Patriarch tritt ab: Sepp Blatter wird künftig nicht mehr FIFA-Präsident sein. Wie geht es beim Weltverband nach der Ära des umstrittenen Schweizers weiter?

Ist die FIFA noch zu retten? Wie tief ist der Sumpf aus Korruption, Bestechung und schwarzen Kassen? Und wer kann ihn trockenlegen? Gleich drei investigative TV-Dokus versuchen, die Fragen zu klären.

FIFA ist die Abkürzung von Fédération Internationale de Football Association. Das ist Französisch und bedeutet übersetzt wider Erwarten nicht "Finanziell interessierte Funktionärs-Anarchie", sondern steht für den Weltfußballverband. Am 26.2. wählen die 209 FIFA-Mitgliedsländer ihren neuen Vorsitzenden, denn der bisherige Präsident Joseph "Sepp" Blatter (79) tritt zurück. Würde der Spielmacher nicht "freiwillig" gehen, er würde, um im Bild der Sportart zu bleiben, wohl vom Platz gegrätscht werden. Mit medialem Schimpf und persönlicher Schande wird Blatter ohnehin vom Hof gejagt. Denn er hinterlässt ein Trümmerfeld. Einen Sumpf aus Korruption, Vetternwirtschaft und Verleumdungen. Im Vorfeld der Wahl beleuchten gleich drei investigative Dokumentationen bei ARD, ARTE und ZDF die Misswirtschaft der Mächtigen und versuchen, die Frage zu klären: Ist die FIFA überhaupt noch zu retten?

Allein die Titel der Sendungen sprechen Bände: "FIFA - Das Foulspiel der Mächtigen" heißt der Film von Markus Harms und Nicolai Piechota, die für das ZDF (Mittwoch, 24.2., 23.05 Uhr) die Skandale um die FIFA-Spitze aufarbeiten. Für "Die Fußball-Mafia - Blatters vergiftetes Erbe" (Montag, 22.2., ARD, 22.45 Uhr) recherchierten Florian Bauer, Daniel Hechler und Philipp Sohmer unter anderem in Bahrein, Russland und in Zürich. Im Schweizer FIFA-Sitz wurde ihnen sogar eine Interview-Audienz von Sepp Blatter gewährt, dem Fußball-Sonnenkönig mit der inzwischen schmutzschwarzen Weste.

Unter dem eher unscheinbaren Titel "Die große FIFA-Story" verbirgt sich bei ARTE (Dienstag, 23.2., 20.15 Uhr) nicht nur der mit 100 Minuten (gegenüber den beiden 45-Minütern von ARD und ZDF) ausführlichste Beitrag. Der Franzose Jean-Louis Perez arbeitet auch sehr eindrucksvoll heraus, wie die vor bald 112 Jahren in Paris gegründete gemeinnützige Mini-Organisation zum weltumspannenden Finanzimperium heranwuchs. Und wie sich nach und nach die Korruption einnistete, wie und warum die düsteren Geschäfte überhand nehmen und doch nicht entdeckt oder gar bestraft werden konnten.

"Dies ist eine schwere Zeit für den Fußball", so lautet eine der wenigen Aussagen Sepp Blatters, der kaum ein Fußballfan widersprechen würde. Blatter sagte das, kurz nachdem die Schweizer Polizei am 29. Mai 2015 mehrere FIFA-Granden, darunter mit Jeffrey Webb, Eugenio Figueredo und Jack Warner zwei amtierende und einen ehemaligen FIFA-Vizepräsidenten verhaftete und zeitgleich die FIFA-Zentrale razziamäßig durchsucht wurde. Aus den USA wurde gemeldet, dass das FBI gegen 14 ehemalige Spitzenfunktionäre ermittelt. Es ging um die Vergabe der Weltmeisterschaftsturniere 2018 nach Russland und 2022 nach Katar.

Natürlich war sich Fußball-Pate Blatter, im Stile der Personalunion der drei Affen ("Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen"), keiner Schuld bewusst. Und auch die "Familie" hielt noch zusammen: Am 29. Mai wurde Blatter als FIFA-Oberster im Amt bestätigt, auch, weil Herausforderer Prinz Ali Bin Al-Hussein nach dem ersten Wahlgang die Segel strich. Aber Blatter muss dann doch etwas geahnt haben: Am 2. Juni erklärte er seinen Rücktritt, aber gleich auch die Absicht, bis zur Neuwahl das Amt weiterführen zu wollen - angeblich um eine umfassende Aufklärung und Reform zu ermöglichen. Das erscheint so zynisch wie die Idee, eine Weltmeisterschaft in einem Wüstenstaat durchzuführen, und das im europäischen Winter mit einem Endspiel kurz vor Weihnachten. Der Unterschied: Das zweite Szenario wurde mit dem Treppenwitz der Fußballgeschichte, der WM in Katar, wahr. Nur das erste, Aufklärung und Reform; kann das überhaupt klappen?

Seit Mai letzten Jahres kehrte im Weltfußball keine Ruhe mehr ein. Loretta Lynch, das ist die US-Justizministerin, wurde zu einem Namen, den Fußballfans mittlerweile so gut kennen wie die von Ronaldo, Guardiola oder Gerd und Thomas Müller. In beinahe jedem der sechs Kontinentalverbände der FIFA rumort es, wurden Spitzenleute verhaftet. Blatter ist, ebenso wie sein einst designierter Nachfolger, (Ex-)UEFA-Boss Michel Platini, für acht Jahre gesperrt. Erledigt, eigentlich.

Es haben sich fünf Kandidaten für das Präsidentenamt beworben. Kann einer von ihnen wirklich der Messias sein, der die FIFA in eine ordentliche Zukunft führen, der die Welt des Fußballs wieder "heil" machen kann?

Prinz Ali bin al-Hussein (40, Jordanien, Asian Football Confederation) trat schon einmal (halbherzig) gegen Blatter an und sieht sich als Einzigen, der "der Korruption im Weltfußball mit Mut entgegentritt". Sein Problem ist, dass er nicht einmal bei seinem eigenen Verband AFC uneingeschränkte Rückendeckung hat. Vorteil vielleicht: Als Generalmajor leitet er das Nationale Zentrum für Sicherheit und Krisenmanagment Jordaniens und könnte im Umgang mit Extremsituationen erfahren sein.

Gianni Infantino (45, Schweiz, UEFA) ist, nachdem Michel Platini "ausfällt", der Plan B der Europäischen Fußballunion. Nur: Kann ausgerechnet der Intimus des wegen des Verdachts der Bestechlichkeit geschassten Platini die FIFA in eine unbelastete Zukunft führen?

Tokyo Sexwale (62, Südafrika, Confédération Africaine de Football, CAF) wurde von Franz Beckenbauer als würdiger Kandidat gepriesen. Nun ist es so, dass das Wort des "Kaisers" nicht mehr ganz so viel gilt, seit sein Denkmal im Zuge des Korruptionsverdachts im Zusammenhang mit dem "Sommermärchen" (WM 2006 in Deutschland) wenn nicht angekratzt, so doch von einem Schwarm Tauben vollgekackt wurde. Zudem soll Sexwale, früher Haftgenosse Nelson Mandelas auf Robben Island, sein Millionenvermögen durch äußerst dubiose Geschäfte angehäuft haben. Westen in unschuldigem Weiß sehen anders aus.

Jerome Champagne (57, Frankreich, UEFA) hat ein gutes Wahlprogramm ("Mehr Transparenz, mehr Entwicklung!") und einen großen Malus: Er war jahrelang enger Vertrauter von Sepp Blatter. Aber: Er wollte schon 2015 gegen Blatter antreten, wurde von Kick-Legende Pelé (aber sonst fast niemandem) unterstützt.

Scheich Salman bin Ibrahim Al Chalifa (50, Bahrain, AFC) hat einen vielleicht ausschlaggebenden taktischen Vorteil erzielt. Er und sein AFC haben mit dem afrikanischen Kontinentalverband CAF ein Gentlemen's Agreement auf gegenseitige Unterstützung geschlossen. Das kann bei einer Stichwahl den Ausschlag geben. Auch er ist nicht unumstritten. Bei den Vorwürfen geht es um Menschenrechtsverletzungen und Verwicklungen in Folterungen von Sportlern im Königreich Bahrein.

Rein vom Eindruck: Messias geht anders. Das hat eher was von der tragischen Qual der Wahl zwischen Not und Elend. Vielleicht sollte man den 209 Stimmberechtigten aus aller Herren Länder, von Andorra bis Zypern, empfehlen, sich vom 22. bis 24.2. drei Fernsehabende zu gönnen und ARD, ARTE und ZDF einzuschalten. Zur Entspannung. Und zur Erhellung.

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