Josef Hader

Mit Speisekarten-Italienisch nach Brasilien

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„Ich kann nur Speisekarten-Italienisch. Kroatisch und Tschechisch gar nicht“, sagt der in Wien lebende Kabarettist, Schauspieler und Autor Josef Hader. „Insofern bin ich wenigen Stunden dort, wo ich nichts mehr verstehe.“

Josef Hader glänzt in seiner Rolle als Großschriftsteller Stefan Zweig im Künstlerfilm „Vor der Morgenröte“. Und dass, obwohl er bei den Dreharbeiten oft fast kein Wort verstand.

Es ist eine Rolle, die man Josef Hader vielleicht nicht als Erstes zugetraut hätte. Doch er schlägt sich als Großschriftsteller Stefan Zweig im Exil in Maria Schraders einfühlsamem Biografie-Drama „Vor der Morgenröte“ ausgezeichnet. Und das, obwohl der österreichische Kabarettist, der vor allem durch seine Rollen in den Wolf-Haas-Krimiverfilmungen im Kino bekannt wurde, alles andere als ein Wiener Weltbürger ist. Und so hat der melancholische Menschenfreund mit den traurigen dunklen Augen auch bestes Verständnis dafür, wenn der portugiesisch-spanisch-französische Sprachmix des Films so manchen Zuschauer zunächst etwas überfordert. „Da haben wir schon was gemeinsam. Ich spreche auch die Sprachen nicht“, sagt der 54-Jährige.

„Für Stefan Zweig war das weniger ein Problem als für mich, weil er ausgezeichnet Französisch gesprochen hat. Schon als Kind war das für ihn die Zeitsprache in dem großbürgerlichen Wiener Haushalt der Monarchie-Zeit, in dem er aufwuchs.“ Josef Hader, der selbst in der österreichischen Hauptstadt lebt, aber im oberösterreichischen Strudengau ziemlich abseits der „weiten Welt“ aufwuchs, erinnert das Schicksal des zwischen den 20er- und 40er-Jahren zusammen mit Thomas Mann meistgelesenen deutschsprachigen Autors an das alte Österreich, das alte Europa, das damals unterging - und heute bedrohlicherweise schon wieder durch erstarkten Nationalismus ins Wanken gerät.

„Die Zwischenkriegszeit, in der der Film spielt, ist für uns sehr interessant. Zumindest ich habe das Gefühl, dass wir jetzt in einer Zeit leben, in der viele Werte und Dinge, die wir für selbstverständlich halten, so ein bisschen aus den Fugen geraten“, sagt Josef Hader, der selbst ein wacher Beobachter der Stimmungsumbrüche nicht nur in seinem Land ist. „Vertiefte politische Konflikte und übersteigerter Nationalismus führen immer in eine Katastrophe. Das wissen wir zwar, aber es ist gut, sich das immer wieder in Erinnerung zu rufen.“ Auch darin liegt ein Appell des „Morgenröte“-Films.

„Wir wissen im Rückblick ja immer genau, wie wir uns in dieser Zeit zu verhalten hätten und leiten viele moralische Kategorien aus dieser Zeit ab“, so Josef Hader. „Daher ist es wichtig, aus dieser Zeit für die Gegenwart abzuleiten, ob wir diesen Kategorien noch entsprechen. Oder befinden wir uns auch unter den 80 Prozent Gleichgültigen, die die Katastrophe damals ermöglicht haben und vielleicht auch heute wieder eine neue Katastrophe ermöglichen würden?“

Gerade aufgrund der Flüchtlingskrise hat der Film, der auch für Zuschauer beklemmend nachvollziehbar die Vereinsamung und Irritationen in der Fremde spürbar macht, eine hohe Aktualität - über alle Hürden eines Ausstattungs- und Kostümfilms hinweg. „Wenn es uns nicht persönlich betrifft und wenn wir wissen, wie alles ausgeht, ist es immer leicht, die richtige Position zu haben. Jetzt leben wir in einer Gegenwart, die sehr viel Neues bringt. Wo wir gerade leben - so hat man das Gefühl - könnte in 100 Jahren ein neues Kapitel im Geschichtsbuch beginnen“, analysiert Hader die derzeitigen Umbrüche. „Die letzte Überschrift im Geschichtsbuch war '1989 - Der Zusammenbruch des Kommunismus'. Jetzt kommt ein neues Kapitel. Ich weiß nur noch nicht den neuen Titel.“

Für Josef Hader war seine Rolle eine Herausforderung, die er ernst- und bewusst annahm. „Der Film beschreibt die Zeit, in der Zweig als Exilant abgeschnitten ist von seiner kulturellen Lebensader. Es geht dabei gar nicht so sehr um Deutschland und Österreich allein. Sondern um das Europa, das er immer bereist hatte und wo er gut vernetzt war“, beschreibt der zweifache Vater den Film. „Es war durch den Beginn des Zweiten Weltkrieges ein Gefühl von Eingesperrtsein“, so seine Deutung. „Stefan Zweig konnte den amerikanischen Kontinent nur noch unter Lebensgefahr verlassen.“

Als ihm die Rolle angetragen wurde, zögerte Hader offenbar nicht. „Maria Schrader hat mich getroffen und mir das angeboten. Ich habe mich vom ersten Moment weg entschlossen, mutig zu sein, und das als Chance zu betrachten“, erzählt der Kabarettist, Schauspieler und Drehbuchautor. „So eine Art von Rolle hat mir noch nie jemand angeboten. Das war wahrscheinlich schauspielerisch die größte Herausforderung, vor der ich je stand. Aus dem Grund habe ich gar nicht lange überlegt. Letztendlich kann ich ja nur scheitern“, sagt Josef Hader mit der ihm eigenen Lakonie. „Dann weiß ich sicher: So etwas kann ich nicht. Oder ich kann es ein bisschen - mal schauen. Aber ich hätte es nicht ausgehalten, das aus Angst nicht zu machen. Im Moment, wenn's um die Wurst geht, neige ich eher zu sportlichen Entscheidungen.“

Die Vorbereitung auf die Rolle fiel dabei nicht leicht - auch wenn der „Schachnovelle“-Autor natürlich gut dokumentiert ist. „Für mich war wichtig, seinem Leben und seiner Zeit näher zu kommen. Es gibt nur sehr spärliche Ton- und Bilddokumente, die mir geholfen haben“, sagt der ehemalige Lehramtsstudent. „Weil niemand von uns weiß, wie Stefan Zweig wirklich war, muss man sich eine Variante erarbeiten, wie man ihn sich vorstellt. Ob die dann glaubhaft ist, entscheiden andere. So einer historischen Figur kann man nur näher kommen. Man kann nicht eine Art Wahrheit finden.“

Dabei half ihm durchaus die Kostüm-Abteilung, die Hader für seine Zweig-Rolle in maßgeschneiderte Anzüge einkleidete. „Die Kleidung war tatsächlich eine große Hilfe, weil man ganz anders geht und spielt, wenn man einen Anzug trägt“, sagt er. Sprachlich konnte er sich vergleichsweise leicht an den Stefan-Zweig-Zungenschlag gewöhnen. „Er klingt wie viele alte Österreicher, die einen großbürgerlichen Hintergrund haben. Es ist eine Sprache, die ich noch aus meiner Kindheit kannte.“

Die eleganten Anzüge haben es Hader, der sonst auf der Kinoleinwand meist in schäbigen Simon-Brenner-Parkas zu sehen war, sehr angetan. „Wenn man Hosen aus der Zwischenkriegszeit anzieht, merkt man erst, was für ein enormer Rückschritt in der Gegenwart passiert ist. Es ist unvorstellbar, wie bequem diese Anzughosen für mich waren“, schwärmt er. Auch das Hut-Tragen hat ihm gut gefallen. „Die waren in der Sonne ganz hilfreich“, sagt der Grimme-Preisträger über Stefan Zweigs Borsalinos. „Ich bin ja keiner, der Kopfbedeckungen ablehnt. Ich fahre ja immer mit Kappen durch die Welt. Das war sehr angenehm.“ Und den markanten Schnauzer ließ er sich selber stehen. „Das war ein eigener. Wenn man den jeden Tag ankleben müsste, wäre irgendwann die Haut blutig. Das tut unglaublich weh“, so Hader.

Und ob die Großschriftsteller-Rolle vielleicht sogar doch etwas abfärbt und etwa einen eigenen Josef-Hader-Roman beflügelt? „Ich glaube, dass ich das nicht kann“, weist er die Idee zurück. Allerdings schreibt er natürlich selbst viel und ist stolz darauf, dass er bei seinem ersten eigenen Regie-Projekt, dem „Die wilde Maus“-Film, der im Februar des nächsten Jahres in die Kinos kommen soll, auch wieder selbst das Drehbuch geschrieben hat. „Falls ich einen schrecklichen Misserfolg mit diesem Film erleide, dann wäre ja noch immer der Weg zum Romanautor offen“, scherzt Hader.

Selbst schreibt er - Bühnentexte und Filmprojekte - am liebsten an öffentlichen Orten. Gerne in italienischen Straßencafés. Und das gerade, weil er die vielen Stimmen um ihn herum dann nicht versteht und sich trotzdem unter Menschen fühlt, denen er gerade nicht zuhören muss. „Ich bin nicht so polyglott wie Stefan Zweig. Für mich ist es viel einfacher: Ich muss ja nicht so viele Kilometer zurücklegen, um dort hinzukommen, wo ich die Sprache nicht verstehe. Da kann ich dann sehr gut ein paar Tage schreiben“, sagt Hader. „Ich kann nur Speisekarten-Italienisch. Kroatisch und Tschechisch gar nicht. Insofern bin ich in wenigen Stunden dort, wo ich nichts mehr verstehe. Ich könnte natürlich auch nach Vorarlberg fahren oder in die Schweiz“, witzelt er. „Oder unter Umständen auch in die Oberpfalz. Wenn die Leute dort in ihren Dialekt wechseln, wird's für mich auch sehr schwierig. Das sind Mutproben, die ich mir noch aufhebe.“

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