„Zimmer Frei!“ feiert Abschied

Sogar der Champagner war echt

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Sagen nach 20 Jahren und 700 Sendungen tschüss: Das seltsame Traumpaar von „Zimmer Frei!“, Christine Westermann und Götz Alsmann.

Rund 600 prominente Gäste waren seit 1996 zu Gast bei „Zimmer Frei!“ mit Götz Alsmann und Christine Westermann. Mit dem letzten WG-Bewerber Thomas Gottschalk (Sonntag, 18.09., 22.45 Uhr) und einem Abschieds-Special (Sonntag, 25.09., 22.15 Uhr) geht das legendäre WDR-Unterhaltungsformat zu Ende.

Bedenkt man, dass ihre gemeinsame Sendung ursprünglich nur als Lückenfüller geplant war, hielt das ungleiche Paar Christine Westermann und Götz Alsmann erstaunlich lange durch. Bis zur 700. Folge, um genau zu sein. Mit dieser runden Zahl tritt das WDR-Kultformat „Zimmer Frei!“ jetzt ab.

Eine Stunde Zeit für den Gast einer Unterhaltungssendung - wo gibt es das im deutschen Fernsehen noch? Bald also gar nicht mehr. Als letzten Bewerber für ein freies WG-Zimmer begrüßen Westermann und Alsmann am Sonntag, 18. September, 22.45 Uhr, Thomas Gottschalk. Eine Woche später (Sonntag, 25. September, 22.15 Uhr) will man mit vielen prominenten Gästen, die meisten davon ehemalige WG-Bewerber, einen überdreht-verrückten Abgang hinlegen. Vielleicht ist dessen angekündigter Bombast sogar hilfreich, um den Abschiedsschmerz für eine wahrhaft originellen Unterhaltungsshow nicht zu groß werden zu lassen.

1996 lancierte der WDR die als WG-Bewerbung getarnte Promi-Porträtsendung als einen von vielen Format-Testballons im Sommerprogramm. Doch aus dem „Bildschirmschoner“ (O-Ton Götz Alsmann) wurde eine Kultsendung. Die prominenten Gäste mussten mit Alsmann und Co. musizieren, sich in Spielen beweisen und bekamen ein „Themenzimmer“ eingerichtet, das intime Diskussionen übers Private anregte. Meistens klappte das ziemlich gut. Alsmann und Westermann, ein ungleiches Paar, das zudem keineswegs den üblichen Klischees männlicher oder weiblicher TV-Moderatoren entsprach, schafften es, selbst aus biederen Gästen Erstaunliches herauszuholen. Die überwiegende Mehrheit der Bewerber erhielt deshalb am Ende die „grüne Karte“ des Publikums als Beweis ihrer WG-Tauglichkeit. Zu jenen, denen sie abgesprochen wurde, zählen Frédéric von Anhalt, Rolf Zacher, Verona Pooth, Martin Sonneborn und Cherno Jobatey. Die Sendung des ZDF-Moderators vom 7. Februar 1999 gilt als Kult, weil sie erst über vier Jahre später, im November 2003, ausgestrahlt wurde. Alsmann hatte penetrant Witze über Jobateys Legasthenie gemacht. Unter anderem gab es Buchstabensuppe, ABC-Pflaster und ein Scrabble-Spiel. Jobatey verließ vorübergehend die Bühne und beteiligte sich anschließend nur noch widerwillig.

Beim Finale mit Thomas Gottschalk geht es nun natürlich weniger konfrontativ zu. Die TV-Legende jenseits des Zenits hat das Improvisieren nicht verlernt, was dem Sendekonzept zupasskommt. „Ich habe nie in meinen Sendungen darauf geachtet, keine Fehler zu machen“, sagt Gottschalk in „Zimmer Frei!“. Er erinnert sich an die Anfänge in den 70er-Jahren als Hörfunk-DJ und TV-Moderator. „Es gab damals kein Formatradio. Ich bin mit einem Stapel Platten in die Sendung gegangen, hab' gespielt, was ich wollte, erzählt, was ich wollte. Ich war dermaßen frei, auch später im Fernsehen.“ Gottschalk, der sich bei klassischer Hausmusik mit der Ballade „Heinrich der Vogler“ sowie als ausgewiesener Fan bei einem Beatles-Musikspiel beweisen muss, schaut dabei erstaunlich nüchtern auf seine Karriere zurück: „Ich habe ja immer die leichte Seite des Lebens für mich in Anspruch genommen und glaube nicht, dass mein Ruhm dieses Jahrhundert überstehen wird. Das letzte hat es gerade noch so überstanden, aber in den nächsten Jahren wird sich das, glaube ich, erledigen.“

Mit einem „Zimmer Frei - Der Abschied!“ genannten Special wird das Format, dessen Ende Alsmann schon vor anderthalb Jahren in der „Süddeutschen Zeitung“ verkündet hatte, dann endgültig eingemottet. Zur finale Show kommen Freunde, die in den letzten Jahren schon einmal in der schrägen WDR-WG zu Gast waren: Guido Cantz, Clueso, Kim Fisher, Jan Hofer, Maite Kelly, Guido Maria Kretschmer, Mariele Millowitsch, Katrin Müller-Hohenstein, Sabine Postel, Jens Riewa, Mary Roos, Florian Silbereisen, Oliver Welke oder Anne Will.

Gemeinsam bestreitet man in der zweistündigen Show kuriose Spiele, ein großes Musik-Quiz mit dem WDR Funkhausorchester sowie dem WDR Rundfunkchor steht an. Dazu gibt es eine Menge Konfetti und Champagner. Letzterer, so Götz Alsmann, war schon in früheren Folgen echt. So echt wie auch die an sich artifizielle Situation, dass zwei nicht mehr ganz junge, dafür aber umso seltsamere TV-Vögel einen Mitbewohner suchten, niemals störte. „Zimmer frei“ war erstaunlich authentisches, weil menschliches Unterhaltungs-Fernsehen. Einen vergleichbaren „Vibe“ zwischen verdruckster Anarchie und öffentlich-rechtlicher Wärme wird es im deutschen TV nicht mehr geben.

tsch

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