Sofia Helin

"Meine Narbe zeigt meine wilde Seite"

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"Es war gar nicht so einfach, jemanden zu spielen, dem es so schwerfällt, Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen": Sofia Helin ermittelt ab dem 14. Februar wieder im ZDF als Saga Norén in der dritten Staffel von "Die Brücke - Transit in den Tod".

Sofia Helin spielt in "Die Brücke - Transit in den Tod" die autistische Kriminal-Kommisarin Saga Norén.

Blond, hübsch, süß - so startete die Schauspielerin Sofia Helin ihre Karriere am Theater. Doch erst ein schwerer Fahrradunfall, der eine tiefe Narbe im Gesicht der Schwedin hinterließ, brachte eine weitere Seite von ihr zum Ausdruck: die wilde, die unbezähmbare. In der dänisch-schwedisch-deutschen Erfolgs-Serie "Die Brücke - Transit in den Tod" (dritte Staffel ab 14. Februar, 22.00 Uhr, ZDF) ist die 43-Jährige nun wieder in der Hauptrolle der autistischen Kriminal-Kommissarin Saga Norén zu sehen. Im Gespräch verrät die zweifache Mutter, wie es ist, in die Haut einer "gefühlsarmen" Person zu schlüpfen, wie sie ihre eigene Mitte gefunden und sich dennoch für ein Leben am Abgrund entschieden hat.

teleschau: Die von Ihnen verkörperte Kriminal-Kommissarin Saga Norén leidet am Asperger-Syndrom, was sie sozial zur Außenseiterin, beruflich aber sehr erfolgreich macht. Wie haben Sie in diese Rolle hinein gefunden?

Sofia Helin: Es war gar nicht so einfach, jemanden zu spielen, dem es so schwerfällt, Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen, der so in sich gekehrt ist.

teleschau: Wie ist es Ihnen trotzdem gelungen?

Helin: Ich habe Leute getroffen, die an diesem Handicap leiden und versucht, so viel wie möglich von ihnen abzuschauen. Danach habe ich eine imaginäre Wand um mich herum aufgebaut und bin als Saga Norén durch Stockholm gelaufen.

teleschau: Wie haben die Passanten auf Sie reagiert?

Helin: Gar nicht. Ich war unsichtbar für sie. Jemand der nicht mit seinem Umfeld interagiert, verunsichert es, man wendet sich von dieser Person instinktiv ab.

teleschau: Wie gut würden Sie sich mit Saga Norén verstehen, wenn Sie sie auf einen Kaffee treffen würden?

Helin: Ich hätte vor allem Mitleid mit ihr. Ich finde es traurig, dass sie keine Nähe zulassen kann, das macht sie sehr einsam.

teleschau: Andererseits ist die Hauptfigur ein richtiger Workaholic. Gibt es da zumindest eine Parallele zwischen Ihnen?

Helin: Mit Sicherheit. Wir lieben beide unsere Arbeit, ziehen viel Kraft daraus. Ich mag es, mich meiner Vorstellungskraft hingeben zu können. Wenn ich in eine Rolle, eine Geschichte, eintauche, dann entwische ich der Realität. Das war bei mir schon als Kind so. In der Schule wollte ich immer nur Theater spielen.

teleschau: Also war es früh klar, dass es beruflich in diese Richtung gehen würde?

Helin: Nein, gar nicht. Meine Mutter ist Krankenschwester, mein Vater Geschäftsmann. Ich wusste nicht, dass die Schauspielerei, ein realistisches Berufsziel sein könnte. Ich hatte mich erst für die Psychologie entschieden. Es hat ein paar Jahre gedauert, bis ich mich getraut habe, meinem Herzen zu folgen.

teleschau: Sie waren 23 Jahre alt, als Sie einen schweren Fahrradunfall hatten, inwiefern hat Sie das in Ihrem Entschluss beeinflusst?

Helin: Ich war damals jung, wild und orientierungslos. Der Unfall war wichtig, um mich einzubremsen. In den drei Monaten, in denen ich in der Rehabilitation war, hatte ich genügend Zeit nachzudenken. Und da wurde mir klar, dass der Moment gekommen war, mich zusammenzureißen und mich endlich an der Schauspielschule zu bewerben.

teleschau: Sie waren schwer verwundet, auch im Gesicht. Hatten Sie nicht Angst, dass etwaige Narben eine Karriere als Schauspielerin hinderlich sein könnten?

Helin: Klar hatte ich diese Befürchtung. Andererseits gefielen mir diese Narben paradoxerweise auch. Weil sie eine andere Facette von mir gezeigt haben. Sie machten das Wilde sichtbar. Davor war ich nach außen hin einfach nur blond und süß gewesen - mein Wesen war aber schon immer facettenreicher.

teleschau: Hatten Sie je Zweifel, ob Sie die richtige Abzweigung genommen haben?

Helin: Immer wieder. Aber eine gewisse Gefahr und Unsicherheit sind wichtig für mich. Das Leben am Abgrund ist ein Antrieb, ständig wachsam zu sein und sich nicht auf dem Erreichten auszuruhen.

teleschau: "Die Brücke" war bislang der Höhepunkt Ihrer Karriere. Wie ist der enorme Erfolg der Serie, vor allem in Skandinavien und Großbritannien, zu erklären?

Helin: Ich denke die Zeit war reif dafür. Die Henning-Mankell- und Stieg-Larsson-Verfilmungen haben den Weg geebnet, wir sind ihm gefolgt. Dazu kommt, dass "Die Brücke", als Verbindung zwischen Dänemark und Schweden, ein eigenes Universum darstellt, das sich schon in der Farbgebung von der Realität abgrenzt und eine gewisse Magie ausstrahlt.

teleschau: Apropos Grenzverbindung. Wie stehen die beiden Nachbarländer eigentlich zueinander?

Helin: Sie fühlen sich stark verbunden, aber es gibt auch Vorbehalte. Die Dänen denken, die Schweden seien politisch überkorrekt und schnöselig. Die Schweden wiederum glauben, dass ihre Nachbarn wild und ungehobelt sind.

teleschau: In der dritten Staffel von "Die Brücke" geht es auch um gesellschaftliche Themen, etwa um das Aufbrechen von Traditionen, um gleichgeschlechtliche Beziehungen und feministische Aspekte. Welche Rolle spielen diese Themen in Ihrem Leben?

Helin: Das sind Dinge, die die westliche Welt derzeit sehr beschäftigen. Auch in Schweden, besonders in den Großstädten, verändert sich viel. Das Leben wird offener, das ist eine positive Entwicklung, bringt aber auch Schwierigkeiten und Zündstoff mit sich.

teleschau: Sie selbst engagieren sich für Frauenrechte und humanitäre Projekte, etwa als Botschafterin der internationalen Hilfsorganisation "WaterAid". Was ist Ihre Motivation dafür?

Helin: In diesem Fall geht es darum, die Wasserversorgung in Entwicklungsländern zu verbessern. Die weiten Wege bis zum nächsten Brunnen sind ein Problem, das vor allem die Frauen und Mädchen betrifft. Wer den ganzen Tag damit beschäftigt ist, Wasser heranzutragen, der hat keine Zeit für Schulbildung.

teleschau: Waren Sie schon in einem der Projekt-Gebiete?

Helin: Nein, aber eine Reise ist demnächst geplant. Kürzlich habe ich für das schwedische Fernsehen Flüchtlinge an der Grenze zwischen Ungarn und Österreich besucht, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Es ist gut, wenn man zumindest einen kleinen Beitrag leisten kann.

teleschau: Waren Sie immer schon so engagiert?

Helin: Nein, das kam erst mit dem Alter. Wenn man jung ist, ist der Blick nach innen gerichtet, man muss erst mal mit sich selbst klarkommen. Jetzt jedoch, in der Mitte meines Lebens, geht der Fokus nach außen. Ich frage mich inzwischen oft, was ich für diese Welt bislang getan habe.

teleschau: Wie finden Sie Antworten darauf?

Helin: Indem ich meditiere. Normalerweise mache ich das täglich. In stressigen Zeiten, wie gerade jetzt, komme ich leider nicht dazu, aber es fehlt mir sehr. Wenn man ruhig wird und in sich geht, dann wird plötzlich alles klar.

Schauspielerin Sofia Helin

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