Keine Sinnlichkeit im Land der Genüsse

Sehnsucht nach der Dachterrasse

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Kühles Hightech-Ambiente, aber ein Bild, gefühlt tausendmal gesehen: Moderator Matthias Opdenhövel (links) im Studiogespräch mit Fußballexperte Mehmet Scholl.

Seit vier Wochen gibt es Fußball satt, aber wenig über „Land und Leute“. Ein Glück, dass die Tour de France jetzt rollt.

Ernüchterung an Tag eins nach dem EM-Aus. Zeit, Bilanz zu ziehen. Der deutschen Nationalmannschaft ist trotz der 0:2-Niederlage gegen Frankreich eine starke Leistung zu attestieren. Fürs Fernsehen ist die EURO 2016 sowieso ein gigantischer Erfolg. 29,82 Millionen Fans (80,6 Prozent Marktanteil!) fieberten am Donnerstagabend bei der Halbfinal-Übertragung aus Marseille mit - der Topwert beim Turnier in Frankreich. Gegen die grundsolide Qualität der Spielübertragungen kann man wenig vorbringen, umso mehr jedoch gegen die dürftige Rahmenberichterstattung.

Eigentlich fing es ganz vielversprechend an: Jochen Breyers Dokumentation „Zwischen Verehrung und Verachtung“, die das ZDF am 10. Juni im Anschluss an das Eröffnungsspiel ausstrahlte, erwies sich als griffiges Stimmungsbild. Wie geht's dem von Terror und Krisen gebeutelten Nachbarland vor der EURO 2016? - Breyer ging der Sache auf den Grund, traf sich unter anderem mit Ex-FC Bayern-Star Bixente Lizarazu und sogar mit dem französischen Staatspräsidenten François Hollande.

Vier Wochen und 50 Live-Spiele später allerdings muss man feststellen: Wir sahen viel Fußball, aber wir erfuhren wenig von Frankreich und den Franzosen. Wer etwas über die Gastgeber lernen und die Atmosphäre außerhalb der Stadien oder Fanmeilen erspüren wollte, sah im deutschen Fernsehen in die Röhre. Dass derzeit so viele frotzeln, sie seien diesmal trotz der guten Auftritte von „la Mannschaft“ einfach nicht so recht in Stimmung gekommen, könnte auch mit der lieblosen und komplett durchgetakteten Präsentation des Fußballs zu tun haben.

Keine Frage, die Spiele werden im Fernsehen hochprofessionell als TV-Event abgefeiert. Aber genau das ist das Problem: Die EM-Partien sind ein Premiumprodukt, schick verpackt, aber bar von Flair und Sinnlichkeit.

Internationale Fußballturniere sind, vielleicht nicht ganz im Maße der anderen „schönsten Nebensache der Welt“, immer auch eine sinnliche Angelegenheit. Die Wahrheit ist aufm Platz, schon richtig so. Aber für die sorgt Lust in der Liebe wie im Fußball eben auch das ganze Drumherum. Frankreich ist keine so exotische Kulisse wie Brasilien vor zwei Jahren, aber ein wunderschönes und jederzeit hochspannendes Land. In den vergangenen Wochen kam davon wenig rüber, der Zuschauer daheim erlebte am Bildschirm Spiele, die im Grunde überall auf der Welt hätten stattfinden können.

Ungeachtet der Tatsache, dass der politisch-korrekte UEFA-Werbespot mit Schiedsrichterlegende Pierluigi Collina und „This One's For You“, David Guettas quietschige EURO-„Hymne“, schon nach ein paar Tagen kaum mehr zu ertragen waren, setzt uns das Fernsehen rund um die Spiele das immer gleiche Ritual vor. Jede Menge Geplapper in einem nichtssagenden Hightech-Studio, das Sehnsüchte nach den Dachterrassen Rio de Janeiros oder der Bregenzer Seebühnenkulisse entflammt, dann der selten erhellende Schwenk ins deutsche Lager, gefolgt von jeweils zehnminütige Porträts der aktuellen Kontrahenten, und schließlich: ab ins Stadion, wo die Spieler im Tunnel stehen und schon mit den Stollen scharren ... Auch nach den Spielen wurde stets das gleiche Protokoll abgearbeitet.

Mindestens so kühl und routiniert, wie ein Manuel Neuer seinen Kasten hütet, und manchmal auch ebenso selbstgefällig wie ein Cristiano Ronaldo beim Freißstoß zogen ARD und ZDF ihre Fußballnächte durch. Nichts gegen Neuer oder Ronaldo, aber etwas mehr Thomas Müller und Aron Gunnarsson täte uns Zuschauern in diesen langen, zähen, exakt durchgetimten Übertragungsnächten schon gut. Da war man schon beinahe dankbar, wenn man um Mitternacht von „Beckmanns Sportschule“ heimgesucht wurde - die in ihren besten Momenten eine wirklich ziemlich irre Show ist, bei aller Kritik, das einzige EM-Format, das wirklich verblüffen konnte.

Zugegeben, die Verantwortlichen haben es nicht gerade leicht. Vermutlich werden sie sich bei ARD und ZDF sehr genau daran erinnert haben, wie ihnen die mitunter ausufernde Rahmenberichterstattung in Brasilien um die Ohren gehauen wurde. Bei der WM 2014 waren Fußballtage mit acht Stunden Übertragung am Stück keine Seltenheit. Kritiker maulten, dass dabei der Fußball selbst tatsächlich meist nur eine untergeordnete Rolle gespielt hätte. Jedenfalls war fleißig über Schweizer Trompeter, brasilianische Tanztrainer, deutschstämmige Dorfbewohner und sonstige Nebensächlichkeiten berichtet worden: bunte Reportagen und Hintergründe ohne Ende statt der Frage nach Raum- oder Manndeckung bei Standardsituationen ...

Aber jetzt haben wir den Salat: Wir sehen sehr viel Delling, Scholl, Kahn, Welke, Stanislawski, Opdenhövel, Müller-Hohenstein, wir erleben seit vier Wochen mit, wie sämtliche gängigen Social-Media-Hypes (die sympathischen Isländer brüllen „Huh“, die sympathischen Nordiren singen „Will Grigg's On Fire“, die nicht so sympathischen russischen Hooligans vermöbeln Leute) ausgereizt werden, aber wir werden so gut wie gar nicht überrascht.

Wo sind sie, die kleinen, aber feinen Recherchestücke? Die originellen Storys, die von fußballverrückten Franzosen und ihrem Leben erzählen? Die charmanten, berührenden oder auch mal kritischeren „Geschichten über Land und Leute“, wie es im Reporterjargon früher so schön hieß? 2014 durften wir in Varelas und Dschungeldörfer blicken und Dante Bonfims Vater kennenlernen, 2016 bleibt es weitgehend bei den Impressionen von anonymen Fans und der Massen beim Public Viewing: Bilder, deren Reize naturgemäß nicht an die unvergessenen Eindrücke von der Copacabana heranreichen können.

Fußballkenner wissen: Wer den Titel holen will, muss das richtige Maß finden - zwischen Offensive und Defensive. Auch für die Fernsehmacher ist die Frage nach der Balance entscheidend: Wie gewichtet man das Sportliche, wie tief steigt man in Debatten um Dreier- oder Viererketten ein? Wie stark fokussiert man die Nebenschauplätze, und was bleibt für Land und Leute übrig?

ARD und ZDF haben diesmal fast ganz auf den Sport gesetzt - vielleicht getrieben von den Vorwürfen der Vergangenheit, vielleicht auch ein wenig inspiriert vom immer erfolgreicher werdenden Fußballfachfernsehen auf Sky, wo allerdings, anders als bei einem solchen Turnier, ausschließlich der kundige Fan mitfiebert. Der Sky-Zuschauer hat auch kein Problem damit, wenn die Rahmenberichterstattung zu den Fußballspielen ausschließlich aus Fachsimpelei über, na klar, Fußball besteht. Für all die anderen, das ganz normale Eventpublikum, lieferten ARD und ZDF (vom SAT.1-Kurzeinsatz war ohnehin nicht mehr zu erwarten) ausgerechnet aus dem genussfreudigsten Land der Welt eine viel zu fleischlose Vorstellung ab.

Aber immerhin: Seit einer Woche gibt es doch noch Frankreich satt im TV: Die Tour de France im Ersten und auf Eurosport liefert mit reichlich Postkartenmotiven und Anekdoten wie jedes Jahr die verlässliche Vollbedienung für alle Frankophilen und solche, die es werden wollen.

tsch

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