Welche Pop-Masche siegt beim Eurovision Song Contest 2016? (Samstag, 14. Mai, 21 Uhr, ARD)

Sechs Stunden im Träller-Olymp

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Bunt genug für den ESC? Jamie-Lee Kriewitz singt für Deutschland das Lied "Ghost".

Der ESC-Zirkus gastiert 2016 in Stockholm. Was erwartet den Zuschauer auf der Mammut-Sendestrecke, die das Erste wie gewohnt mit einem Warm-Up von der Hamburger Reeperbahn beginnt?

Für die einen ist der ESC eine popkulturelle Parallelwelt, die nichts mit dem zu tun hat, was junge und nicht mehr ganz so junge Menschen ansonsten cool finden. Andere wieder sagen: Es ist das europäische Pop- und Geschmacksbarometer des kleinsten gemeinsamen Vielfachen. Und das ist im wertemäßig gegenwärtig doch arg auseinander driftenden Europa doch mal ganz interessant. Wenn am Samstag, 14. Mai (ab 21 Uhr), in Stockholm mehr als zwei Dutzend Nationen zum Sängerwettstreit antreten, wird die ARD inklusive der von Barbara Schöneberger moderierten Vorberichterstattung ("Countdown für Stockholm", 20.15 Uhr) und einem Nachklapp ("Grand Prix Party", 0.30 Uhr) sechs Stunden live auf Sendung sein. Wie erfolgreich das Wettsingen im deutschen Fernsehen jedoch ist, wird sich noch zeigen. Denn die Resonanz auf den "ESC" unterliegt durchaus großen Schwankungen.

Eigentlich ist es ja jedes Jahr das Gleiche. Radio-Veteran Peter Urban, von Haus aus promovierter Musikjournalist, darf - mit leichter Ironie gewürzt - zwei Dutzend Auftritte aus dem Schutze des Offs kommentieren, die auf einer europäischen Großbühne um Stimmen für einen Song buhlen. In der Regel sind die Dance-Pop-Hymnen oder lustigen Sing-Alongs des ESC schon am übernächsten Tag vergessen. Oder kennen Sie noch, sagen wir, auf Anhieb die deutschen Teilnehmer der letzten fünf Jahre?

Zurückgerechnet von der letzten Veranstaltung in Wien 2015 wären das: Ann Sophie (Platz 27), Elaiza (Platz 18 in Kopenhagen), Cascada (Platz 21 in Malmö), Roman Lob (Platz 8 im Baku) und zweimal Lena (Platz 10 und 1, in Oslo und Düsseldorf). In diesem Jahr tritt nun die letztjährige "Voice of Germany"-Siegerin Jamie-Lee Kriewitz mit dem Lied "Ghost" an, dem von internationalen Buchmachern - meist eine prognostisch gute Quelle - nicht wirklich Chancen eingeräumt werden. Für einen Sieg in Schweden 2016 favorisieren die Wett-Auguren den Russen Sergei Lasarew ("You Are The Only One"), dessen optisch martialisch mit Muskeln und Feuer aufgewerteter Dance Pop genauso öde klingt, wie es der Titel verspricht. Ist das Europas (Klang)vision? Na dann, gute Nacht!

Da hört man sich doch lieber die besten "Ohrwürmer" des Wettbewerbs an, denen die Wettbüros ebenfalls Chancen attestieren: Der sanft gerappte, süße Teen-Pop des 17-jährigen Schweden Frans ("If I Were Sorry") oder das wirklich positiv stimmende französisch-englische "J'ai cherché" von Amir (Frankreich). Natürlich darf auch das ganz und gar Skurrile beim ESC nicht fehlen. Nicht verpassen sollte man Kurt Cobain, der jetzt unter dem Namen Ivan für Weißrussland Dance-Pop macht ("Help Me Fly"). Eigentlich wollte der Künstler mit echten Wölfen auf der Bühne stehen, was jedoch nicht erlaubt wurde. Ebenso aus Zeit und Geschmack gefallen sind andere osteuropäische Perlen (Rumänien, Polen, Bosnien) oder auch die Telly Savalas-Barry White-Gedenkveranstaltung von San Marino (Sehat "I Didn't Know").

Doch wie immer ist auch mindestens ein künstlerisch wirklich bemerkenswerter Auftritt dabei: Jamala aus der Ukraine singt "1944" - ein in diesem Umfeld irritierend modernes Lied, das Ethno-Elemente mit Dubstep-Rhyhthmen und Soul-Stimme mixt. Der Song handelt von Krimtartaren, die 1944 von den Russen vertrieben wurde. Parallelen zu aktuellen Ereignissen lassen sich natürlich ziehen - sind aber "nicht beabsichtigt", so die Sängerin.

Gewollt bei den Unterhaltern des NDR, die das Programm wie immer für die ARD betreuen, ist hingegen, dass die sechs Stunden lange Sendestrecke außergewöhnlich gut eingeschaltet wird. Ein Blick auf die Zahlen der letzten Jahre zeigt jedoch, dass die Schwankungen diesbezüglich beträchtlich sind. Vor allem, wenn man bedenkt, welche Tradition der ESC für viele TV-Zuschauer besitzt und dass man zudem jedes Jahr ein ziemlich verlässlich-ähnliches TV-Erlebnis geboten bekommt.

Der Verdacht liegt nahe, dass die Quoten stark von Namen und Bekanntheit des deutschen Beitrags beeinflusst werden. So holte die im Vorfeld bereits mit guten Siegchancen in Oslo 2010 gewettete Lena (Meyer-Landrut) irre 14,7 Millionen Zuschauer, die auch im Jahr darauf beim Heimspiel in Düsseldorf (ebenfalls mit Lena als Interpretin) fast vollzählig dabei waren. 14 Millionen wollten damals sehen, wie Deutschland zum ersten Mal seit 1983 wieder einen "Grand Prix", wie das Ganze früher einmal hieß, veranstaltet.

Doch schon die ARD-Übertragung aus Baku ein Jahr später musste gewaltig Federn lassen. Der deutsche Teilnehmer Roman Lob sorgte 2012 für 9,8 Millionen. Sicher war da noch ein ESC-Hypeeffekt der beiden Vorjahre zu spüren. Deutlich runter mit den Quoten ging es dann in den drei folgenden Jahren: 8,2 Millionen (2013), 8,7 Millionen (2014) und 8,1 Millionen (2015). Dies waren die Veranstaltungen mit deutschen Teilnehmern wie Cascada, Elaiza und Ann Sophie. Künstler, die eben nicht jeder kannte und denen nur wenige Chancen einräumten. Ob Jamie-Lee Kriewitz für ein Heraufschnellen der Zahlen 2016 sorgen kann, darf bezweifelt werden. Das gerade 18 Jahre alt gewordene "Manga-Mädchen" aus Niedersachsen könnte - trotz ihrer bunten Outfits - zu wenig scharfkantig für die große europäische Knallbonbon-Bühne sein.

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