Billy Talent

Oh, wie schön ist Kanada

+
Billy Talent veröffentlichen am 29. Juli ihr fünftes Studioalbum namens „Afraid Of Heights“.

Hoch hinaus: Billy Talent sind mit „Afraid Of Heights“ zurück im Spiel.

Vier Jahre ist es her, dass Billy Talent mit „Dead Silence“ ihren Ruf als herausstechende Formation im Massenpool der Punk- und Alternative-Rockbands festigten. Vier Jahre, in denen viel passierte. Mit „Afraid Of Heights“ (ab 29. Juli) erscheint nun ein Nachfolger, der die Entwicklung weitertreibt, ohne an den Grundfesten zu rütteln. Anlass für ein ausgiebiges Gespräch mit der aus Toronto stammenden Band - über die Kreativität der Fans, die Erkrankung ihres Schlagzeugers Aaron Solowoniuk und den Zustand der Welt an sich.

„Als ich gestern hier ankam, dachte ich: Yes! Wir sind wieder in Deutschland. Das fühlt sich wie eine Art zweite Heimat an.“ Die Begeisterung ist Ben Kowalewicz anzumerken. Auf Nachfrage wird schnell klar, warum: „Wir haben eine langjährige und tief verwurzelte Liebesaffäre mit Deutschland“, beschreibt der Frontmann die Beziehung zur Bundesrepublik. „Es war tatsächlich das erste Land, welches uns begeistert aufnahm. Ich erinnere mich noch an die ersten Shows bei euch in den kleinen Clubs und daran, als Bands wie die Beatsteaks uns mit auf Tour nahmen.“

Ihr Debüt veröffentlichten Billy Talent 2003, seit dem Nachfolger „Billy Talent II“ (2006) zählen sie zu den prominenten Namen, wenn es um charttauglichen Punk-Rock geht. Und sie sind auch hierzulande regelmäßige Gäste auf den großen Festivals. Eine Kultur, welche die Band besonders beeindruckt. Denn überraschenderweise „fängt das in Kanada gerade erst an zu wachsen. Es gab das so eigentlich nicht.“ Bestes Beispiel: Rock am Ring. „Das gibt es seit so langer Zeit. Die Kids gehen jeden Sommer dorthin und sehen die besten Bands der Welt. Es wird Teil ihres Lebens, es prägt die Gesellschaft.“

Die 2016er-Ausgabe von Rock am Ring sollte einige Tage nach dem Interview von Unwettern heimgesucht werden. Billy Talent hatten das Glück und durften noch vor dem Abbruch auf die Bühne. Auch „Afraid Of Heights“ bewegt sich oft abseits von sonniger Feierlaune. „Diese Platte hat viel mit Kämpfen und Schwierigkeiten zu tun“, wird Kowalewicz ernst. „In Bezug auf verschiedene Aspekte. Am Ende des Tages geht es aber darum, ein guter Mensch zu sein. Darum, einander zu helfen.“ Es sei eine sehr „weltliche“ Platte. Wobei Billy Talent immer eine Band gewesen sei, die zwar eine Meinung zu verschiedenen Themen hat, andererseits aber dem Hörer auch immer die Freiheit ließ, sich eine eigene Meinung zu bilden. „Als wenn du mit deinen Freunden in die Bar gehst und eben verschiedene Dinge diskutierst.“

Der Austausch mit den Fans erfolgt jedoch nicht nur abstrakt, sondern auch konkret: Im Rahmen des sogenannten „Afraid Of Heights-Contests“ wurde vorab der Text des Titelsongs zur Verfügung gestellt. Verbunden mit dem Aufruf, diesen kreativ zu verarbeiten. Die Idee dahinter ist leicht nachzuvollziehen: „Wir stellten fest, dass es unter unseren Fans so viele talentierte Leute gibt. Maler, Musiker, Bildhauer, Tänzer, ... Warum sollen diese Menschen uns nicht mal ihre Talente zeigen? Wir zeigen ihnen schließlich immer unseres.“ Hunderte von Einsendungen gab es, die Ergebnisse konnten sich sehen lassen: „Es haute uns echt um, wie viel Zeit investiert und wie ernst die Sache genommen wurde“, staunt der redefreudige Sänger. „Und wir nahmen sie ebenfalls sehr ernst. Das war echt unglaublich inspirierend.“ Auch die Fans untereinander seien dadurch stärker miteinander in Kontakt gekommen.

Neben dem 40-jährigen quirligen Frontmann sitzt Jordan Hastings am Tisch. Eigentlich ist er als Drummer im Dienste der Post-Hardcore-Band Alexisonfire bekannt. Bei Billy Talent sprang er für den an Multipler Sklerose erkrankten Aaron Solowoniuk ein, der jedoch alles andere als unbeteiligt war: „Die Jungs hatten ja ungefähr schon zwei Jahre an dem Album gearbeitet“, erinnert sich Hastings. „Mein Job war einfach: reinkommen und die Sachen spielen. Aaron hat sie mir sozusagen zurechtgelegt.“ Und Kowalewicz ergänzt: „Wir haben echt Glück, dass Jordan als guter Freund von uns hier ist. Und als Schlagzeuger ist er auch ganz okay.“ Kurzes Stutzen, dann ein Lachen: „Nein, natürlich nicht. Er ist fantastisch!“

Angesichts der Krankheitsgeschichte von Aaron Solowoniuk war es den Herren in der letzten Zeit allerdings alles andere als zum Lachen zumute. Ein Schicksal, welches das Bewusstsein der Band verändert hat: „Es war wahrscheinlich das härteste Jahr für die Band überhaupt“, gesteht sich Kowalewicz ein, der von Anfang an dabei ist. „Es war ein Kampf. Auch für uns. Aaron ist unser Bruder, er ist Teil der Familie. Ich spiele mit John (Jonathan Gallant - Bass, Anm.d.Red) und Aaron, seit ich 15 oder 16 war.“

Damals waren sie jung. Und alles sei großartig gewesen, man fühle sich in diesem Alter irgendwie unbesiegbar. Aber: „Wenn du älter wirst, kommen neue Dinge in dein Leben. Eine Situation wie diese hat uns bewusster gemacht, wie glücklich wir sein können. Dass wir um die Welt reisen und unsere Songs spielen können.“ Nicht selbstverständlich: „Alles, was Aaron will, ist hier bei uns zu sein. Jetzt, in diesem Moment. Aber sein Körper lässt ihn nicht.“ Trotzdem endet die Antwort mit einer positiven Note: „Er ist entschlossen, zurückzukommen. Erst kürzlich machte er langsam Fortschritte. Es sind kleine Schritte, aber ich sehe sie in seinem Gesicht. Er sieht besser, kräftiger aus.“

Trotz aller Widrigkeiten deckt „Afraid Of Heights“ viele unterschiedliche Gefühlszustände ab. Die Aussage, dass es ein ebenso typisches wie vielfältiges Billy-Talent-Album sei, erfreut die beiden Gesprächspartner. „Genau das hatten wir uns erhofft“, kommt die Bestätigung, verbunden mit dem Hinweis auf die unterschiedlichen Quellen, aus denen sich der Stil speist: „Wir lieben Black Sabbath und Led Zeppelin genauso wie Public Enemy und Nirvana. Das ist das Tolle an der Band.“ Und so überrascht es nicht, dass von Party-Songs über wütende Punk-Rocker bis hin zu nachdenklichen Tönen alles vorhanden ist.

Wobei die jüngste Entwicklung auch von äußeren Umständen angestoßen wurde: „Wir waren es früher gewohnt, viel zorniger zu sein“, schlägt Kowalewicz einen Bogen zu den Anfangstagen. „Wir sind immer noch zornig. Aber auch etwas erschrocken. Erschrocken über die Donald Trumps dieser Welt, all die Kämpfe und den Hass.“ Immer wieder würden sie sich fragen, wie es soweit kommen konnte. „Ich dachte, wir sind darüber hinweg. Aber wir sind es nicht“, ereifert er sich.

Wenige Tage später, auf dem Rock-am-Ring-Festival, wird sich nach der Aufforderung des Sängers denn auch ein Meer aus ausgestreckten Mittelfingern in Richtung des republikanischen US-Präsidentschaftskandidaten Trump richten. Wobei die Anmerkung, dass auch in Europa bedenkliche Tendenzen zu beobachten sind, auf wissendes Kopfnicken stößt. Grund genug für eine Band, die immer stolz auf ihre Herkunft war, zum Abschluss eine großzügige Einladung auszusprechen: „Wisst ihr was? Ihr könnt alle mit uns nach Kanada kommen. Im Winter ist es zwar ein bisschen kühl, aber im Sommer einfach großartig. Und dann machen wir alle ein großes Barbecue im Garten hinter'm Haus!“.

tsch

Kommentare

Das könnte Dich auch interessieren