„Protokolle des Bösen“ lässt Killer sprechen

Stephan Harbort: „An Serienmördern ist absolut nichts faszinierend“

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Spielte sich selbst in den „Protokollen des Bösen“: Kriminalist Stephan Harbort, der mehrere Bücher über Psychogramme von Mördern schrieb.

Der Kriminalist Stephan Harbort führte über 50 Interviews mit verurteilten Serienmödern. Nun wurden diese Gespräche für eine Handvoll schauriger Kammerspiele nachinszeniert.

Stephan Harbort ist Deutschlands bedeutendster Experte für Serienmorde. Der Düsseldorfer Kriminalhauptkommissar arbeitet als Dozent und schrieb Bücher über das Phänomen der seriellen Tötung. In langen Interviews mit mehr als 50 verurteilten Tätern versuchte er herauszufinden, was einen Serienmörder ausmacht. Das True-Crime Format „Protokolle des Bösen“ des Pay-TV Senders A&E inszenierte nun fünf dieser Gespräche nach. Stephan Harbort spielt sich selbst, während bekannte Schauspieler wie Uwe Ochsenknecht, Fritz Wepper, Michaela May, Sven Martinek oder Detlef Bothe die Täter verkörpern. Das Interessante an diesen knapp 30 Minuten langen Kammerspielen: Sämtliche Dialoge haben genauso stattgefunden.

nordbuzz: Wann spricht man eigentlich von einem Serientäter?

Stephan Harbort: Darüber streiten sich die Gelehrten seit Jahrzehnten. Es gibt keine juristisch klare Definition - weder national noch international. Für mich ist ein Serienmörder einer, der mindestens zwei versuchte Tötungsdelikte begeht, die nicht miteinander im Zusammenhang stehen.

nordbuzz: Für „Protokolle des Bösen“ wurde Gespräche zwischen Ihnen und Serienkillern mit Schauspielern nachinszeniert. Was bringt diese Methode?

Harbort: Dadurch, dass wir die Gespräche so inszenieren, wie sie tatsächlich stattgefunden haben, entsteht etwas absolut Authentisches. Es weiß ja kaum einer, wie so etwas abläuft. Die Gesprächsteilnehmer, das Thema, die Situation - alles hier ist extrem ungewöhnlich. Außerdem ist es mir wichtig, dass der Mensch hinter dem „Monster“ sichtbar wird. Dabei geht es nicht um die Entschuldigung des Täters, sondern darum, Erkenntnisse zu gewinnen und für die Zukunft im Sinne einer Prävention zu verwenden.

nordbuzz: Kann man aus der Spielsituation etwas herausarbeiten, das eine Dokumentation nicht leisten würde?

Harbort: Es ist keine echte Spielsituation, sondern das exakte Nachstellen der echten Situation, mit Hilfe von Schauspielern. Es werden nur Sätze ausgetauscht, die während der Gespräche tatsächlich gesagt wurden. Der „Spielraum“ ist im wahrsten Sinne des Wortes eher gering.

„Ich war an sehr unappetitlichen Tatorten“

nordbuzz: Wie sind Sie eigentlich Deutschlands Serienmörder-Experte geworden?

Harbort: Das passierte eher aus Zufall. Ich hatte als Kriminalstudent mit einer Mordserie zu tun, bei der zwei junge Männer die Familie des Mittäters auslöschten, um „forciert erben“ zu können. Als wir damals einen Täter überführt hatten, war ich schockiert darüber, wie ein Mensch so gleichgültig über derlei Taten sprechen kann. Ich recherchierte und forschte, um zu erfahren, dass es an deutscher Fachliteratur auf diesem Gebiet fast nichts gab. Also machte ich einen Anfang - aus dem nun fast eine Lebensaufgabe geworden ist.

nordbuzz: Haben Sie eine Faszination für Serienkiller?

Harbort: Nein, Faszination ist nicht das richtige Wort. An Serienmördern ist absolut nichts faszinierend. Ich war an sehr unappetitlichen Tatorten und bei Obduktionen, ich musste Todesbotschaften überbringen. All das hat nichts Faszinierendes an sich, ist vielmehr dramatisch und traurig. Es gibt aber so etwas wie kriminalistische Neugier. Und die ist bei mir stark ausgeprägt.

nordbuzz: Was interessiert die Zuschauer an diesen Dingen?

Harbort: Ich nehme an, dasselbe. Und vielleicht auch die Frage: Wieviel von den Dingen, die Menschen zu Serientätern macht, steckt auch in mir.

nordbuzz: Nun gibt es aber unzählige Kriminalromane und Filme, deren Handlung samt bestialischer Verbrecher die Konsumenten tatsächlich faszinieren. Warum eigentlich?

Harbort: Ich gebe Ihnen recht. In der Fiktion darf man durchaus von Faszination sprechen. Allerdings machen sich die Leute dort auch falsche Vorstellungen von Serienmördern. In der Literatur sind solche Täter stark, charismatisch, hochintelligent und trickreich. Solche Merkmale findet man in der Verbrechenswirklichkeit eher selten. Und in dieser Kombination, die dem fiktiven Serienmörder zugeschrieben wird, eben gar nicht.

„Meist hat man es mit gescheiterten Existenzen zu tun“

nordbuzz: Wie sind denn die echten Serientäter?

Harbort: Meist hat man es mit gescheiterten Existenzen zu tun, die am Rande der Sozialgemeinschaft leben: Schul- und Berufsversager, durchschnittlich intelligente Menschen, wenig charismatisch. Im Grunde genommen, sehr gut zu beschreiben, aber letzten Endes kann man sie im Vorfeld der Verbrechen schwer von vielen ähnlichen Menschen unterscheiden, die ein absolut unauffälliges Leben führen.

nordbuzz: Was ist dann der Auslöser für die Taten?

Harbort: Eine ganz spannende Frage. Nach 25 Jahren, die ich mich damit beschäftige, muss ich sagen: Wir wissen es noch nicht. Weil wir noch nicht genug Daten gesammelt haben. Was wir tun, um es herauszufinden, ist, dass wir Menschen, die diesbezüglich auffällig werden, nach Eigenschaften „clustern“, also bezüglich ihrer Merkmale zusammenfassen. Es ist jedoch so, dass die häufigste Persönlichkeitsstörung, die Serientäter haben, eine Mischform ist. Auffällig oft sind dissoziale und instabile Persönlichkeiten dabei. Die Menschen leiden unter einem schwachen Selbstwertgefühl. Aber wir reden hier lediglich über Häufigkeiten von 25, maximal 30 Prozent unter den Tätern. Ganz sicher gibt es keine monokausale Erklärung dafür, warum Menschen auf diese Weise töten.

nordbuzz: Gibt es Traumata, die viele Serienmörder teilen?

Harbort: Klar gibt es Sachen, die sich bei vielen in der Biografie wiederfinden: negative Kindheitserfahrungen, oft gab es Gewalt in der Familie. Dazu kommt Vernachlässigung. Trotzdem werden viele Menschen unter solchen Bedingungen groß und eben nicht zu Tätern.

nordbuzz: Gibt es typische Auslöser-Situationen, die die Tötungshemmung bei Ihren Probanden aufheben?

Harbort: Grundsätzlich ist es so, dass die meisten Täter einen hohen Leidensdruck haben, aus unterschiedlichen Gründen. Das senkt schon mal die Schwelle. Andererseits verspüren sie eine hohe Motivation zu töten. Das können zum Beispiel starke Fantasien sein, die umgesetzt werden wollen. Es kommen aber auch materielle Nöte in Frage. Die erste Tat fällt den meisten in der Regel noch schwer. Bei den Folgetaten ist die Hemmschwelle niedriger. Da geht es den Tätern wie normalen Menschen mit den Herausforderungen des Alltags.

„Die serielle Tötung ist ein recht seltenes Phänomen“

nordbuzz: Sie sagen, es gibt über Serienmörder zu wenige Daten, die Forschung stecke noch in den Kinderschuhen. Aber man kennt Serienmörder doch schon seit hunderten von Jahren?

Harbort: Das stimmt, aber man ist nicht wissenschaftlich mit diesen Fällen umgegangen. Sehen Sie, vor 70 Jahren wurde in Braunschweig gegen den so genannten „Totmacher“ verhandelt. Damals kam der Gerichtspsychiater, eine Koryphäe dieser Zeit, in seinem Gutachten zur Konklusion, dass der Angeklagte ein blutrünstige Bestie, einfach ein geborener Verbrecher sei. Man schob alles auf schlechte Gene, damit schien alles gesagt. Und das war damals Lehrmeinung.

nordbuzz: Trotzdem müsste man doch in den letzten Jahrzehnten Daten gesammelt haben.

Harbort: Die serielle Tötung ist selbst international betrachtet ein recht seltenes Phänomen. Dazu kommt, dass viele mögliche Serientäter bereits nach ihrer ersten Tat gefasst und dadurch aus dem Verkehr gezogen sind. Und noch eine Sache müssen Sie bedenken: Jedes Gutachter-Urteil bleibt letztendlich eine Hypothese, von der man nicht weiß, ob die wahren Umstände und Gründe einer Tötung korrekt erfasst wurden.

nordbuzz: Warum waren die Serienmörder in den Gesprächen mit Ihnen so offen?

Harbort: Ich habe meine Gesprächspartner aufgesucht, als das Urteil gegen sie längst gefällt war. Ich war weder Ermittler noch Richter. Vielmehr gab ich Ihnen die Möglichkeit, einem Menschen, der sich für sie interessierte, von sich zu erzählen. Es waren aber auch insgesamt sehr viele Gespräche. Für die Filme wurden jene ausgewählt, bei denen tatsächlich eine Öffnung des Täters stattfand. Ich bin nicht so ungeheuer begabt, dass alle meine Gespräche derart ergiebig sind.

tsch

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