Geht das Sommermärchen bei der UEFA Euro 2016 weiter?

Als ein Ruck durchs Land ging: zehn Jahre Public Viewing

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So sieht es aus, wenn die Straße des 17. Juni um Epizentrum der Fußball-Euphorie wird: die Fanmeile während der WM 2010.

Abertausende Menschen, die gemeinsam feiern, Trikots tragen und 90 Minuten lang gebannt auf eine Leinwand starren: Diesen kollektiven Rauschzustand kennt man spätestens seit der WM 2006 im eigenen Land unter dem Namen „Public Viewing“.

Fußball schaut man natürlich am besten im Stadion - oder eben bequem zu Hause auf der Couch. So war das mal - bis sich mit der unvergessenen Heim-WM 2006 auch das nachhaltig änderte: Das Massenphänomen Public Viewing wird in diesen Tagen zehn Jahre alt.

Es dauerte eine Weile an jenem sonnigen Nachmittag des 9. Juni 2006, bis die Münchner wirklich begriffen, was die im Radio schon seit Stunden gesendeten Verkehrsmeldungen zu bedeuten hatten. Erst die Fernsehbilder machten das Ausmaß fassbar: Nichts ging mehr im Umfeld des Olympiageländes, wo eine große Leinwand für Fußballfans aufgebaut war. Dort entwickelte sich im Laufe des WM-Eröffnungstages nur ein paar Kilometer von der Allianz Arena, dem Austragungsort der Auftaktpartie Deutschland - Costa Rica entfernt, eine wahre Massenhysterie. Das Fest nahm seinen Lauf - international, bunt, jung und friedlich.

Mit einem Mal ging ein kaum für möglich gehaltener Ruck durchs Land - sicher ursächlich mitbegründet vom erfrischenden Auftreten der deutschen Mannschaft unter Jürgen Klinsmann und befeuert vom rechtzeitig einsetzenden Sommerwetter. Seit diesen Tagen kennt jedes Kind den Scheinanglizismus, der für die öffentliche Liveübertragung von Sportereignissen auf Videowänden in den allgemeinen Sprachgebrauch aufgenommen wurde. Und seither weiß auch jeder, was eine „Fanmeile“ ist und dass das „Sommermärchen“ keine Geschichte der Gebrüder Grimm ist. Wobei deren Erzählungen deutlich nachhaltiger wirkten als die Euphorie jener Tage.

Denn zehn Jahre nach der WM im eigenen Land scheint die Gesellschaft gespaltener denn je. Von Euphorie ist angesichts der immer polemischer und aggressiver geführten Debatte um die Flüchtlingspolitik keine Rede mehr. Der positive, eben auch von Offenheit und Willkommenskultur geprägte Konsens, der die Deutschen 2006 mit ihren Gästen aus aller Herren Länder in den Straßen und Parks tanzen ließ, ist nur noch eine schöne Erinnerung.

Die Frage ist, ob das Sommermärchen wiederholbar ist, wenn am Freitag, 10. Juni, die Europameisterschaft in Frankreich beginnt. Doch selbst wenn: Würde sich wirklich etwas drehen im Land? - Es wäre schon pathologisch romantisch, darauf zu hoffen, dass die Fußball-Euphorie der Kitt für den tiefen gesellschaftlichen Riss sein kann. Wobei es durchaus eine vage Hoffnung gibt, wie der Hamburger Medienpsychologe Michael Thiel erklärt: „Wenn wir Menschen uns emotional gut fühlen, wenn wir gut drauf sind, dann werden wir in der Regel toleranter. Im Erfolg gönnen wir uns selbst mehr, aber auch allen anderen.“ Ja, er habe „die berechtigte Hoffnung, dass die Deutschen wieder etwas großzügiger und weniger angstvoll auf die so heftig umstrittene Flüchtlingsthematik blicken“. Andererseits wage er „kaum zu prognostizieren, was geschehen könnte, falls die EM nicht so erfolgreich wird“ ... Dann, so Thiel, „kann das Ding hier stimmungsmäßig auch so richtig in die Hose gehen“. Abwarten, meint auch der bekannte Psychologe.

Die Voraussetzungen für ein alle mitreißendes Fußballfest sind geschaffen. Sofern alles friedlich bleibt in Frankreich, wenn die Leistung der deutschen Elf stimmt und auch noch das Wetter mitspielt, steht einem kollektiven Freudentaumel wie 2006 oder auch 2014, als die Anstoßzeiten in Brasilien allerdings wenig Public-Viewing-freundlich waren, nichts im Wege. Der Bundesrat hat wie schon vor den vergangenen Fußball-Großevents einer Verordnung zugestimmt, die es Städten und Gemeinden ermöglicht, öffentliche Fußballübertragungen auch in den Nachtstunden zu genehmigen. Bundesweit ist damit die gesetzliche Lärmschutzregelung, die nach 22 Uhr lediglich bis zu 55 Dezibel erlaubt, für die Zeit der EM-Endrunde außer Kraft gesetzt. Die Ausnahmeregelung ermöglicht also jene Art abendlicher Massenveranstaltung, die als Treiber der landesweiten Euphorie gelten darf.

Aber wie funktioniert so eine Euphoriewelle eigentlich? Thiel nennt es den „Halo-Effekt“: „Der Erfolg der Mannschaft überträgt sich Schritt für Schritt quasi auf alle, auf eine ganze Gesellschaft.“ Der Schalter werde im Kopf eines jeden Einzelnen umgelegt: „Er fühlt sich als Teil des Erfolges und ist bestärkt, weil er überzeugt ist, selbst seinen durchaus entscheidenden Beitrag geleistet zu haben.“ Die Bilder von den Fanfesten im Fernsehen täten dann ein Übriges, um die Welle durchs ganze Land schwappen zu lassen. Beim Erlebnis Public Viewing gehe es „vor allem darum, dass man sich - eher unterbewusst - als wesentlichen Teil der Veranstaltung wahrnimmt: Ich bin nicht nur der passive Zugucker vor der Großbildleinwand, sondern es ist mein Ereignis. Ohne mich würde es dieses Fest gar nicht geben!“ Und, so unterstreicht Thiel: „In der Euphorie ticken wir eben alle irgendwie gleich.“

Rasend schnell setzten sich 2006 genau diese Mechanismen in Gang, die zumindest vorübergehend vieles veränderten. Zum Guten. Michael Thiel: „Alle Umfragen, die 2006 angestellt wurden, haben belegt, dass die Wirtschaftslage besser eingeschätzt wurde als vorher, dass die Menschen viel zuversichtlicher in die Zukunft sahen, dass sie mehr investieren wollten ... In einer solchen Phase wird mehr angepackt und gewagt - man ist einfach risikofreudiger und positiver. So war es auch 2014 beim Titelgewinn in Brasilien.“

Public Viewing (im amerikanischen Englisch bezeichnet der Begriff die öffentliche Aufbahrung eines Verstorbenen, die Briten benutzen ihn gar nicht) wurde zum Phänomen verklärt, das nicht nur die Massen fesselte, sondern auch die Völker verständigte und selbst seriöseste Soziologen und Psychologen auf den Plan rief, um über die Bedeutung simultaner Erlebnisse von Freude und Trauer Auskunft zu geben. In Talkshows wurde im Sommer 2006 eifrig über die neue Lebensfreude der Deutschen schwadroniert, und natürlich wurde nebenbei ausdiskutiert, ob denn der neue Patriotismus gesund ist - Autofähnchen finden seither jedenfalls vor jedem Fußballturnier reißenden Absatz. Aber was sollte man dagegen schon vorbringen? Es war ja alles gut. „Die Nachkriegszeit ist ab sofort beendet.“ - Behauptete 2006 jedenfalls „Bild“-Kolumnist Franz Josef Wagner.

Deutschlands größte Fanmeile wird auch diesmal am Brandenburger Tor eingerichtet, die Straße des 17. Juni wird zur Partymeile. 2014 empfingen dort Hunderttausende die Weltmeister von Brasilien, und der Auflauf auf der zur „Fanmeile“ umgestalteten Straße des 17. Juni in Berlin-Tiergarten stellte schon 2006 alles in den Schatten. Schätzungsweise 300.000 Menschen hatten damals zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule, im Epizentrum der allgemeinen Hochstimmung, das Eröffnungsspiel der Fußball-WM auf mehreren Großleinwänden live mitverfolgt. Bei der Achtelfinalbegegnung zwischen Deutschland und Schweden waren es 750.000.

In München ist das Olympiagelände die Kulisse des größten-Public-Viewing-Events in Bayern. Die ersten beiden Deutschlandspiele werden auf einer Videowand auf Pontons im Olympiasee übertragen, wo rund 12.000 Zuschauer mitfiebern können. Weitere Partien sollen - im Erfolgsfalle - dann im Olympiastadion übertragen werden. Auch in Rheinauhafen in Köln, an den Flughäfen von Dresden, Nürnberg und Essen/Mülheim sollen bei der EURO 2016 jeweils Zehntausende gemeinsam jubeln. Genau wie in der Frankfurter Commerzbank Arena, im Bochumer Westpark und auf dem Heiligengeistfeld in Hamburg ...

Interessant am Rande: Eine von ARD und ZDF schon nach der EURO 2008 in Auftrag gegebene Befragung ergab, dass 39 Prozent der EM-Zuschauer nicht nur zu Hause die Spiele verfolgten. Rund 14 Prozent schauten auf Großleinwand bei öffentlichen Veranstaltungen. Das Gros der Außer-Haus-Seher war jedoch nicht etwa beim Public Viewing in den Citys, sondern man sah sich die Spiele mehrheitlich bei Nachbarn, Bekannten und Verwandten (22 Prozent) an. Eine aktuelle Umfrage von „Netzwerk Nachbarschaft“ bestätigt dieses Ergebnis: Die Deutschen, so teilte die Organisation dieser Tage mit, bangen, hoffen, jubeln am liebsten gemeinsam mit ihren Freunden, Nachbarn und Mitbewohnern. „Der große Trend für den Sommer 2016 sind Public Viewings unter Nachbarn“, wurde Erdtrud Mühlens von „Deutschlands größter Community für Nachbarn“ zitiert.

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