Roger Willemsen

Ein intellektueller Enthusiast

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Roger Willemsen starb im Alter von 60 Jahren.

Die deutsche Mainstreamkultur verliert ein großes Stück ihres intellektuellen Gewissens: Roger Willemsen ist am Sonntag im Alter von 60 Jahren gestorben.

Ein jungenhaftes Gesicht, als könnte er kein Wässerchen trüben, ein leicht maliziöses Lächeln auf den Lippen - und hinter dem schlauen Blick aus der dickumrandenden Woody-Allen-Brille ein Verstand, scharf wie ein Samurai-Schwert, anscheinend direkt verbunden mit einem ebenso gefährlichen Mundwerk: Als der Publizist Roger Willemsen Anfang der 90er-Jahre die TV-Bühne betrat, repräsentierte er einen völlig neuen Typus des Fernsehmoderators, rasant avancierte der eloquente Interviewer zu einer Art intellektuellem Gewissen des deutschen Fernsehens. Auch in dieser Funktion wird er dem Kulturbetrieb fehlen. Am Sonntag ist Willemsen, einer der bekanntesten deutschen Intellektuellen, an einer im vergangenen August diagnostizierten Krebserkankung verstorben. Roger Willemsen wurde 60 Jahre alt.

Roger Willemsen, der sich zu seinen erfolgreichsten Zeiten mit dem Klischee des intellektuellen Entertainers mit der Hornbrille gut zu arrangieren verstand, war bekannt und mithin auch berüchtigt für seine klare Haltung. Dass er seine Prominenz immer wieder dafür einsetzte, sich für mehr kulturelle Inhalte und gegen die Verflachung des Fernsehens stark zu machen, wurde ihm von Kritikern gerade in den späteren 90er-Jahren auch als Arroganz ausgelegt. Doch der studierte Germanist, Philosoph und Kunsthistoriker hatte durchaus seinen Spaß an der wohlfeilen Provokation.

"In Deutschland ist Kultur nur etwas für Regentage, und im Fernsehen kommt sie erst nach 23 Uhr", schimpfte Willemsen einmal in einem Interview. Er bezeichnete es als "im Grunde skandalös, dass das Medium einen subtilen Hass gegen die Kultur hegt, weil die Sendungen zumeist schlechte Quote haben. Inzwischen wird Kultur so aufbereitet, dass sie keine mehr ist. Sie wird nicht nur in Häppchen zerlegt, sondern auch noch durch Glamour und fremde Themen ergänzt."

Für die Anfeindungen brachte Willemsen sogar Verständnis auf. "Wenn ich mich ständig von außen sehen müsste, würde ich auch sagen: 'Das ist doch der, der immer über Kultur redet.' Das kann einem schon auf die Nerven gehen." Es war wohl genau diese besondere Mischung aus Selbstbewusstsein und der Fähigkeit zur Selbstironie, die Roger Willemsen bei einem breiten, längst nicht nur dem Feuilleton zugeneigten Publikum so beliebt werden ließ. Dabei bekannte er sich durchaus zur Eitelkeit. Aber, so schränkte er ein: "Im Fernsehen ist jeder eitel - außer vielleicht Gerd Ruge. Sonst kann man mir nur wenig vorwerfen. Ich habe keine Steuern hinterzogen, keine Bauruinen im Osten, und für meine Kolumne musste ich in den neun Jahren noch keine einzige Gegendarstellung abdrucken." Roger Willemsen, der Mann, der als einer der besten Interviewer aller Zeiten gilt, verstand es fraglos trefflich, als eloquenter Gesprächspartner auch selbst Fragen zu beantworten.

Der aus Bonn stammende Roger Willemsen promovierte 1984 mit einer Doktorarbeit über Robert Musil. Seine Fernsehkarriere begann er in den früheren 90er-Jahren beim Bezahlsender Premiere mit der Sendung "0137", einer Interviewshow ohne Tabus, die ihm 1993 den Grimme-Preis einbrachte. Die Gesprächsreihe ging als Kult in die Fernsehgeschichte ein: vom Kannibalen Sagawa, der eine Holländerin verspeist hatte, bis zu Maria Schell und Audrey Hepburn, vom Szenedichter, der während der Sendung erst eine Flasche Wodka und dann sich selbst vom Stuhl kippte, bis zu Palästinenserführer Arafat oder gar zum Bankräuber, der noch im Studio verhaftet wird, kreierte Roger Willemsen zahlreiche einzigartige Momente.

Mit seinem Wechsel zum ZDF wurde der freche Schöngeist dann aber zum geradezu omnipräsenten TV-Phänomen: Ab 1994 machte er sich mit der ZDF-Talksendung "Willemsens Woche" einen Namen beim breiten Publikum, die Sendung gilt noch heute als Inbegriff des intellektuellen Boulevardtalks. Im Schweizer Fernsehen moderierte Willemsen den "Literaturclub", und im ZDF nahm er sich in jüngerer Vergangenheit als Moderator besonders der Klassik-Formate an, verdingte sich aber auch zunehmend als erfolgreicher Autor. Als famoser Geschichtenerzähler war er stets ein gerne geladener Talkgast. Willemsen, der vor allem mit essayistischen Reisebüchern ("Die Enden der Welt") bekannt wurde, landete zuletzt mit seinem Buch "Das Hohe Haus" (2014) einen Bestseller. Er hatte ein Jahr lang das Geschehen im Bundestag von der Tribüne als Zuhörer verfolgt.

Auf die Frage, was ihn antreibe, antwortete Willemsen schon vor 15 Jahren prompt mit einem Wort: "Enthusiasmus". Er "mache nur das, wofür ich aufrichtige Begeisterung empfinde", erklärte der vielreisende Publizist. "Eigentlich bin ich nur an der Qualität meiner eigenen Arbeit interessiert, nicht an Karriere oder so etwas. Doch ich weiß auch, dass ich im Fernsehen zur Minderheit gehöre und meiner eigenen Abschaffung entgegengehe." Roger Willemsen wird der deutschen Kulturlandschaft fehlen. Dem Mainstreamfernsehen, das die streitbaren Charakterköpfe längst von seinen prominenten Sendeplätzen verbannt hat, fehlt er schon seit vielen Jahren.

Medienberichten vom Montag zufolge starb Willemsen am Sonntag in seinem Haus in Wentorf bei Hamburg.

Moderator, Autor Roger Willemsen

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