Sky bringt die HBO-Serie "Vinyl" parallel zum US-Start nach Deutschland

Das rockt!

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Der Frust muss raus: Plattenboss Richie Finestra (Bobby Cannavale) weiß, dass das nirgendwo besser geht, als bei einem schwitzigen Rockkonzert.

Das Fernsehen ist unrockbar? Mick Jagger und Martin Scorsese zeigen mit "Vinyl", dass es gelingen kann, das Laute und Wilde des Rock in ein TV-Serienformat zu packen.

Es mag in der abgeklärten, übersättigten und professionalisierten Popkultur von heute vielleicht nicht mehr jedem so vorkommen, aber wer die Rockmusik wirklich liebt und sich regelmäßig in lärmende Konzerthallen und schwitzige Clubs stellt, weiß natürlich Bescheid: Rock'n'Roll spricht nicht nur die Ohren an, sondern wummst, wenn's richtig gut ist, direkt in alle Sinne auf einmal. Aber kann auch eine Fernsehserie rocken? Yes, it can!

Wie aufregend muss es erst früher gewesen sein! Am Anfang der 70er-Jahre, als das Publikum noch gierig nach Neuem war und sich am Lebensgefühl nach Woodstock Art sowie eine Menge verbotenem Zeug berauschte. Als immer mehr Bands begriffen, was aus so einem Röhrenverstärker alles rauszuholen ist. Als die Schallplattenfirmen die ersten Millionen mit blässlichen, kajaläugigen Adrenalinjunkies scheffelten und zu Konzernen aufstiegen. Dass "Sex, Drugs & Rock'n'Roll" eben doch keine Legende ist, sondern die verdammte heilige Dreifaltigkeit und Grundlage von allem, was junge Menschen auch heute noch ihre Musik nennen, davon erzählt die HBO-Serie "Vinyl" auf sehr plastische Art. Sie wurde ganz offensichtlich von Menschen gemacht, die den Rock lieben und Bescheid wissen: Die Idee hatte ein gewisser Mick Jagger.

Alles ist laut, wild und sexy: "Vinyl" setzt der Rockszene der 70er-Jahre ein furioses Denkmal und hat die eingebaute Hitgarantie: Die in New York spielende Dramaserie produziert die Stones-Legende mit keinen Geringeren als Martin Scorsese und dessen "Boardwalk Empire"-Kumpel Terence Winter. Thematisch entführt "Vinyl" in die drogengeschwängerte Hochzeit des Rock, und ähnlich wie in "Boardwalk Empire" kulminiert die Story vor realem historischen Hintergrund um eine zentrale, fiktive Figur: Plattenboss Richie Finestra, mit Hingabe gespielt von Bobby Cannavale, der für seine Nebenrolle in "Boardwalk Empire" einen Emmy erhielt, erlebt den Aufstieg des Rock und die goldene Ära der Musikindustrie.

Sky präsentiert "Vinyl" parallel zur US-Ausstrahlung in der Nacht zum 15. Februar auf Sky Go, Sky On Demand und Sky Online. Die lineare Ausstrahlung startet am 7. April auf Sky Atlantic HD. Bei der Vorpremierenfeier am Donnerstagabend in München staunte das Publikum nicht schlecht über die enormen Schauwerte der spielfilmlangen Pilotfolge. Die Autos (Finestra fährt ein goldfarbenes Mercedes SLC Coupé mit Telefon), die fantastischen Kleider der Frauen, die Schlaghosen-Anzüge, die Designer-Möbel, all die Kassettenrekorder, Tonbandgeräte, Plattenspieler, Marshallverstärker und Gibson-Gitarren: "Vinyl" ist bis ins Detail ein Fest für Vintage-Fans, die Ausstattung hat "American Hustle"-Niveau und muss Millionen verschlungen haben, und natürlich spielt auch die Musik selbst eine gewichtige Rolle, mitunter werden Songs bei Livekonzerten in voller Länge runtergerockt - Freunde des harten 70er-Jahre-Sounds werden begeistert sein.

So authentisch das Setting auch ist, die Story wirkt hoffnungslos überzeichnet. Koks und Whiskey und Prostituierte in rauen Mengen und allüberall - auch wenn Richie Finestras Plattenfirma "American Century Records" in der Krise steckt und die Verkaufsverhandlungen mit der deutschen "Polygram" ins Stock geraten sind. Zu allem Überfluss droht der Boykott des Labels durch eine der größten Radiosender-Ketten des Landes. Doch Richie stemmt sich mit Macht gegen die Zerstörung seines Lebenswerks.

Überzeichnet? Von wegen, grinste BR-Moderatoren-Urgestein Fritz Egner im Anschluss an die Vorführung: "Es war so!" Er erinnerte sich an jene Ära als ein "Schlaraffenland - alles blühte auf". Er habe einige dieser Protagonisten kennengelernt, die alle vereint sind in der Figur des Hauptdarstellers, erklärte Egner. "Mir fallen da Leute ein wie Walter Yetnikoff von CBS oder Henry Stone in Miami. Das waren alles Gauner, aber trotzdem auch Musikfreaks. 'Vinyl' ist sehr nahe an der Realität dran." Das sah auch Musiker Leslie Mandoki so: "Was die Serie grandios zeigt - wir auf der Bühne wissen, um wen es hier wirklich geht -, ist, was einen wahren Musiker ausmacht. Ein junger Mann brennt für seine Musik, seine Visionen, seinen Traum, und dabei ist ihm das Kommerzielle völlig egal."

Den vielleicht bemerkenswertesten Satz des Abends steuerte Herbert Hauke, Betreiber des Rockmuseums im Münchner Olympiaturm, bei: "Es gibt eine Zeit vor dem Internet." Das klingt natürlich erst mal banal und nach dem üblichen "alte Säcke schwelgen in Erinnerungen"-Lamenti. Aber das macht nichts. Wahrscheinlich ist "Vinyl" ja wirklich die perfekte TV-Serie für nostalgische Rockfans, die in den 70er-Jahren ihre musikalische Sozialisierung erlebten. Aber alle Jüngeren haben jetzt wenigstens endlich mal einen genauen Eindruck, was die Altrocker meinen, wenn sie von ihrem "Damals" erzählen. Dieses Damals, es war eine Urgewalt. Das kommt nie wieder. Definitiv nicht. "Vinyl" ist vor allem ein Historienepos.

Nach dem Stones-Konzertfilm "Shine A Light" (2008) ist "Vinyl" die zweite Zusammenarbeit zwischen Scorsese und Jagger. Für Jaggers Sohn James ein Glücksfall, denn nur so konnte der 30-jährige Schauspieler in Papas Serie eine Hauptrolle bekommen. Er spielt Kip Stevens, den Sänger einer Punkrockband namens The Nasty Bits. Neben den Hauptdarstellern Bobby Cannavale als Richie Finestra und Olivia Wilde ("Rush - Alles für den Sieg") als dessen Ehefrau Devon sind Emmy-Preisträger Ray Romano ("Alle lieben Raymond"), Jungstar Juno Temple ("Black Mass") und Ato Essandoh ("Django Unchained") zu sehen.

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