Das Reden der Lämmer

Amanda Knox

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Schuld oder Unschuld - das ist hier zur Abwechslung nicht die Frage. Die Netflix-Dokumentation „Amanda Knox“ befasst sich vielmehr mit den Gefühlswelten der Protagonisten des Mordfalls Meredith Kercher, der um die Welt ging.

Netflix blickt zurück auf den Mordfall Meredith Kercher und lässt (fast) alle wichtigen Figuren darin zu Wort kommen.

„Entweder ich bin eine Psychopathin im Schafspelz oder ich bin wie du“, das sagt Amanda Knox unverhohlen in die Kamera. Dabei gibt es nicht wenige, die die Amerikanerin tatsächlich für ein Monster halten, das mit seinen stechend blauen Augen und dem guten Aussehen davongekommen ist. Beinahe zehn Jahre ist es her, als Knox' Mitbewohnerin Meredith Kercher am 1. November 2007 ermordet vorgefunden wurde. Das Opfer war in der Berichterstattung schnell Nebensache. Es ging nur um sie, um den „Engel mit den Eisaugen“, um Amanda Knox, nach der nun eine exklusive Netflix-Dokumentation benannt ist.

Seit vergangenem Jahr ist entschieden: Amanda Knox und ihrem Liebhaber während ihres Auslandssemesters in Perugia, Raffaele Sollecito, ist nichts nachzuweisen. Jahre des Tabloid-Horrors sind vorbei, Jahre des realen Horrors, denn gerade Amanda Knox' Gesicht kennt jeder. Dass nun ein Strich unter der Sache gezogen wurde, höchstgerichtlich zumindest, sahen die Filmemacher Rod Blackhurst („Here Alone“) und Brian McGinn („Chef's Table“) als Chance, einen neuen Blickwinkel für ihre filmische Wiederaufbereitung zu wählen.

Wie sie im Interview erklären, ginge es ihnen nicht um die Frage, wer schuldig sei, wer unschuldig. Vielmehr gelte ihr Interesse den Personen: „Diese Geschichte wurde stets von außen betrachtet und erzählt. Und das natürlich nicht ohne Filter zwischen den Protagonisten und uns. Viele von den Beteiligten hatten nie die Chance, direkt ihre Sicht der Geschehnisse zu schildern“, erläutert McGinn bei einem Gespräch in London.

In ihrer Dokumentation haben die beiden Regisseure sie vor sich, die Hauptakteure des Falls: Knox steht Rede und Antwort genauso wie Sollecito, aber auch Hauptankläger Giuliano Mignini und der britische Sensationsjournalist Nick Pisa. In einem scheinbar kahlen Raum vor dunkelgrauer Wand erzählen sie allesamt die Geschichte aus ihrer Perspektive. Auch wenn es nicht die Absicht der Filmemacher war: Die unweigerliche Frage nach der Schuld treibt „Amanda Knox“ voran: „Mit dem Verlauf des Films erhöht sich die Informationsdichte, deshalb kehren wir immer wieder zurück an bestimmte Orte und zu teils ikonischen Bildern des Falls, die mit mehr Wissen plötzlich ganz anders auf uns wirken“, schildert McGinn einen der gelungenen Kniffe der Dokumentation.

Doch die einzelnen Mitspieler in diesem Irrsinn werfen weitere Fragen auf: Wie viel Sexismus erkennt man in Migninis Erläuterungen, etwa: Es muss eine Frau gewesen sein, denn ein Mann hätte die Leiche niemals nach dem Mord zugedeckt. Wie sehr ließen sich die Ermittler von der öffentlichen Meinung leiten, geprägt von Egomanen wie Nick Pisa? Ein Spürnase für Skandale, die Kritik an der eigenen Arbeitsweise mit einem schmierigen Grinsen zu ignorieren scheint - ja gar nicht verstehen will. Konfrontiert werden sie ohnehin nicht mit möglicher Kritik, alle bekommen einen nie dagewesenen Freiraum.

Mit Archivaufnahmen, einige davon exklusiv, und eben diesen Interviewblocks hangeln sich Blackhurst und McGinn entlang der Ereignisse. Man wollte nicht denselben Fehler wie die berichtenden Medien machen und das Opfer Meredith Kercher außer Acht lassen, eine damals erst 21-jährige Studentin der University of Leeds. So kommt etwa auch Merediths Mutter am Ende kurz zu Wort. Zu mehr ließ sie sich nicht überreden, der Schmerz ist ihr nach wie vor anzusehen. Trotzdem rückt das Verbrechen immer wieder in den Mittelpunkt des Films. Kamera und Erzählkurve lassen den Tatort nie für einen längeren Zeitraum aus dem Auge.

„Es handelt sich hier um zwei Tragödien: Die ultimative natürlich ist, dass jemand sein Leben verlor. Die zweite, dass alle anderen sich in der Öffentlichkeit nun über diesen Fall definieren lassen müssen, dass sie nur noch durch diese Brille gesehen werden“, erklärt McGinn die sich weiterdrehende Zwickmühle hinter dem Fall. Der Einblick, wie vor allem Knox und Sollecito nun versuchen, mit diesem riesigen Ballast klarzukommen, ist beachtlich gut gelungen. Man wünscht ihnen, dass ihnen ein „Leben danach“ gelingt. Es sei denn, sie sind doch Psychopathen im Schafspelz. Auch nach „Amanda Knox“ kann man sich da nicht sicher sein.

tsch

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