Campino

Als der Punk noch Kinderschuhe trug

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Deutschlands bekanntester Punk-Musiker: Campino ist seit 1982 Sänger der Toten Hosen. Für ARTE unternahm er eine Reise „auf den Spuren des Punk“.

Eine Nostalgiereise: Toten-Hosen-Frontmann Campino wurde mit Punk sozialisiert. Zum Jubiläum der vor 40 Jahren auf der Bildfläche erschienenen Jugendkultur suchte er im ARTE-Auftrag Kultorte von dereinst auf.

Als „Experte für das musikalische und kulturelle Genre, von dem wir hier sprechen“, wird Campino (54) von Hannes Rossacher bezeichnet. Der Sänger der Toten Hosen spielt den Ball zurück: Als der Regisseur anrief, hätte er nicht lange nachdenken müssen. Die beiden kennen sich, arbeiteten bereits zusammen, unter anderem für den Hosen-Livemitschnitt „Im Auftrag des Herrn“ (1996). Diesmal stand „London's Burning“ auf dem gemeinsamen Projektplan, eine Dokumentation über die Entstehungsgeschichte des Punk, welche der Fernsehsender ARTE am Samstag, 13. August, 22.50 Uhr, im Rahmen des Themenschwerpunkts „Summer Of Scandals“ ausstrahlt. Filmemacher Rossacher und der britische Musikjournalist Simon Witter begleiteten Campino „auf den Spuren des Punk“. Ein Gespräch über Wurzeln, Provokation und die Sache mit dem Hakenkreuz.

nordbuzz: Campino, welche Eindrücke haben Sie bei Ihrem London-Aufenthalt gewonnen?

Campino: Im Gegensatz zu Deutschland wird das 40-jährige Jubiläum der Punkexplosion in der Öffentlichkeit viel deutlicher wahrgenommen. Auch die Stadt London zelebriert das offiziell. Dieser Widerspruch, dass der damalige Angriff auf Regierung und Institutionen heutzutage wie ein Kulturgut abgefeiert wird, ist auch für unsere Dokumentation ein Aspekt gewesen.

nordbuzz: Der Fernsehsender ARTE strahlt die Dokumentation als Teil des „Summer of Scandals“-Schwerpunkts aus. Punk war aber doch mehr als nur ein Skandal.

Campino: Ja, die Überschrift des Themas ist reißerisch. Diesen Kompromiss bin ich aber eingegangen, weil ich ARTE generell als Sender sehr schätze und wusste, dass der Versuch gemacht würde, das Ganze nicht zu laut werden zu lassen. Aber es geht eben doch um mehr. Ich mag persönlich auch nicht allzu lange über diese Momente reden, in denen es um schiere Provokation ging. All das Konstruktive, das danach kam, hatte eine ganz andere Wertigkeit und war für mein Leben entscheidend.

nordbuzz: Inwiefern?

Campino: Als wir mit den Hosen anfingen, war Punkrock der ersten Generation ja eigentlich schon für tot erklärt worden. Insofern waren wir schon eine Reaktion auf die ersten inhaltlich klar umrissenen Regeln der Bewegung. Es hat uns nie interessiert, diese Klischees zu bedienen: Lederjacken, Nieten, Toughness und als kleinster gemeinsamer Nenner gegen die Bullen. Das war uns zu platt. Wir haben versucht, etwas Dadaistisches mit reinzubringen. Eher wie Johnny Moped oder die Undertones, die haben uns beeindruckt.

nordbuzz: Viv Albertine von den Slits spricht in dem Film davon, dass der Punk „streng“ gewesen wäre. Waren Die Toten Hosen am Anfang auch mit sich streng?

Campino: Unser erster Plan war: „Wir wollen nie wieder so sein wie ZK!“ Das war ja meine Vorläuferband, eine Fun-Combo. Die mussten auf der Bühne Spaß machen, ob sie wollten oder nicht. Da gab es vorher eine Schlägerei, und wir kamen raus und machten Witze. Das ging mir irgendwann so auf die Nerven, dass wir die Band letztendlich auch deshalb auflösten. Wir haben uns ganz klar gesagt: „Als Toten Hosen wollen wir uns nicht mehr nach einem Image verhalten, weder die bösen Buben noch die spaßigen Jungs sein. Ab heute benehmen wir uns so, wie wir uns gerade im Moment fühlen.“

nordbuzz: „Streng“ bedeutet in diesem Zusammenhang auch, dass die Szene mit sich streng umging.

Campino: Absolut, dieses gegenseitige Kritisieren, das genaue Lauern darauf, wie jemand aussieht. Man hat sich damals zum Beispiel auch über die großen Badges lustig gemacht. Je kleiner, umso cooler. Und wer die großen hatte, war ein Vollidiot. Es gab eine Stil-Polizei, unbestritten. Meinungsmacher bestimmten die Szene. Die hatten das Sagen, was gerade geht und was nicht geht. Bei uns in Düsseldorf war das unter anderem Janie, also Peter Hein (bekannt geworden als Sänger der Band Fehlfarben - Anm. d. Red.). Dessen Wort zählte sehr viel. Und am Anfang auch das von Jürgen Engler, dem Chef von Male. Das waren die Bosse sozusagen. Die haben gesagt: „Guck mal, der sieht ja lächerlich aus!“ Oder eben nicht. Es wurde immer unterschieden, wer Poser ist und wer Punk. Das war schon sehr elitär.

nordbuzz: Wie sehen Sie im Rückblick die Thematik der Vereinnahmung dieser kulturellen Bewegung?

Campino: Viele von uns Punks, Jugendlichen damals zwischen 14 und 18 Jahren, haben die Sache sehr ernst genommen und nicht als Mode begriffen. Aber die Macher drumherum, die hatten das alles schon erlebt. Die Hippie-Bewegung und alles. Die waren etwas älter als wir und hatten eine Distanz dazu. Sie ahnten: Das Leben geht nach Punkrock weiter - das war für uns überhaupt nicht vorstellbar. Also haben wir ganz anders gelebt.

nordbuzz: Apropos Mode: Interessant ist, dass im Film die Thematik des Hakenkreuzes als quasi „provokantes Accessoire“ behandelt wird.

Campino: Da spielt es eine entscheidende Rolle, dass wir Deutsche sind. Unser Verhältnis zum Hakenkreuz ist mit Recht belastet. Anders ist es da schon für die Engländer. Die machen sich auch schon mal über die Symbole des damaligen Feindes lustig. Prinz Harry war in seiner Teenagerzeit ja auch mal in einer Naziuniform auf einer Party, ein unglücklicher Witz, er ist dafür weltweit in den Medien kritisiert worden. Das Hakenkreuz als provozierende, aber letztendlich nicht ernst gemeinte Zurschaustellung ist ein Aspekt, der im Film vorkommt: „Ich habe nicht im Krieg gegen die Nazis gekämpft, damit du heute so rumläufst und dich so benimmst.“ Solche Sätze waren damals von englischen Eltern oft zu hören, und nichts anderes wollten die Kids erreichen. Um die Eltern noch weiter aus der Reserve zu holen, haben sie dann sporadisch diese Hakenkreuze rausgeholt. Dieser Schwachsinn hat aber nicht lange gehalten und wurde sehr schnell als Geschmacklosigkeit erkannt, die zu weit ging. Trotzdem kann man diesen Disput nicht mit Deutschland vergleichen.

nordbuzz: Ist das in Deutschland so nicht vorgekommen?

Campino: Nein. Vielleicht bis auf ein paar Idioten, die ein Bild über Punk in London in der Zeitung sahen und dachten, sie müssten das für ein Wochenende ausprobieren. Die sind sofort zurechtgestutzt worden. Hier herrschte diesbezüglich eine ganz andere Sensibilität. Ich fand es übrigens ganz interessant, dass alle, die jetzt in London darauf angesprochen wurden, sagten: „Unsere Überlegung war der Anschiss an die Eltern, aber gleichzeitig wurde uns ganz schnell klar, dass diese Provokation idiotisch war. Es war nur eine Frage von Wochen, in denen das lief. Und irgendwann war es völlig weg.“

nordbuzz: Sind Sie persönlich auch damit konfrontiert worden?

Campino. Ja. Ich erinnere mich an einen mehrseitigen Artikel im „Spiegel“, in dem irgendwo ein Punk mit einem Hakenkreuz vorkam. Menschen, die das gelesen hatten, sprachen mich daraufhin an: „So etwas findest du also gut?“ Die Leute haben das nicht verstanden.

nordbuzz: Inwiefern kamen die Themen und Fragen in der Dokumentation von Ihnen?

Campino: Das war ein Mix. Wir mussten ja eine Linie einhalten. Wir wollten verschiedene Aspekte abdecken: einmal Punk als Einstellung und Lebenshaltung. Dann aber auch die Mode und die grafische Ästhetik. Mode ist zum Beispiel ein Bereich, der mich früher nicht wirklich intensiv interessiert hat. Vivienne Westwood und so. Da war es dann ok, dass ich von der Redaktion vorbereitet wurde. Andere Sachen hingegen habe ich eingebracht, weil sie mir wichtig waren.

nordbuzz: Kannten Sie alle Interview-Partner vorher?

Campino: Nein. Ungefähr die Hälfte von ihnen. Tony James zum Beispiel war ich bis dahin noch nicht begegnet. Auch Viv Albertine kannte ich nicht persönlich. Von ihr war ich völlig überrascht und positiv beeindruckt.

nordbuzz: Warum?

Campino: Weil sie nach all dem, was sie erlebt hat, noch so frisch wirkt, so präsent und höflich ist. Und gleichzeitig unterschwellig diese Schärfe hat. Eine tolle Frau, die einfach unglaublich gut über das, was geschehen ist, reflektiert hat.

nordbuzz: Das Herzstück des Films sind die Gespräche. Oder besser gesagt: Auszüge aus Gesprächen.

Campino: Gerade mit Viv Albertine oder auch mit Bob Geldof hatten wir tolle Gespräche, die in ihrem Verlauf eine Dynamik bekamen. Im Film geht es aber natürlich auch um Tempo, deshalb wurden oft nur Statements hervorgehoben. Da hat mir schon das eine oder andere Mal das Herz geblutet. Außerdem hätte ich als Verantwortlicher das Ganze von der Sprache her im Original gehalten und Untertitel verwendet. Synchronisation finde ich bei solchen Dokumentationen immer etwas schade. Aber das sind Kompromisse, die man eben machen muss.

nordbuzz: Gibt es eine Aussage, die Sie besonders überrascht hat?

Campino: Ich kenne Bob Geldof und seine provozierenden Thesen schon seit vielen Jahren. Er meinte in einem Statement: „In gewisser Weise hatte Punkrock die Härte von Maggie Thatcher.“ Dieser Satz hat mich umgehauen, aber er war nur auf die Art und Weise ihres Handelns bezogen. Dieser Stil des knallharten Umkrempelns, der Kompromisslosigkeit und das Radikale dessen, was sie gemacht hat. Eine Frau als Regierungschefin war im stockkonservativen England ein Erdrutsch. Das hat bei uns in Deutschland deutlich länger gedauert. Natürlich meint Bob aber nicht wirklich, dass Thatcher mit Punk gleichzustellen wäre.

nordbuzz: Was haben Sie persönlich für sich aus der Arbeit an dem Film mitgenommen?

Campino: Die intensiven Gespräche mit den einzelnen Leuten bedeuten mir viel. Das Thema als solches ist ja eigentlich altbekannt. Es wurde über Punk schon alles gesagt, und jeder Stein wurde schon zehntausendmal umgedreht. Aber der Blick der Protagonisten von damals verändert sich mit der Zeit.

nordbuzz: Inwiefern das?

Campino: Zehn, 15 Jahre nach der Punkrock-Welle waren viele Zeitzeugen irgendwie verhärtet und wollten mit der Vergangenheit nichts mehr zu tun haben. Wenn du damals Bob Geldof zu einer Stellungnahme über Punkrock gebeten hättest, hätte er wahrscheinlich gesagt: „Fuck Off! Das ist vorbei, Punk ist tot.“ Jetzt, wo diese Generation immer älter wird, wird sie wieder gnädiger und ist viel eher bereit, über damals zu reden. Und jeder dieser Menschen verortet diesen Zeitabschnitt mit einem anderen Stellenwert in seinem Leben. Das finde ich spannend.

tsch

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