Ashton Kutcher

Provinzielle Welten entschlüsseln

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Exklusiv für Netflix schuf Ashton Kutcher die Sitcom "The Ranch".

Ashton Kutcher über seine neue Serie "The Ranch", die Arbeit für Netflix und die politische Psychologie der Provinz.

In den frühen Nullerjahren galt Ashton Kutcher wahlweise als angehimmelter Newcomer oder Garant für himbeernominierte Hollywood-Blödeleien. Dabei waren die Rollen des Frauenschwarms ohnehin meist Nebensache: Der Mord an seiner damaligen Freundin durch einen Serienkiller 2001, die Ehe mit Superstar Demi Moore, später die Beziehung zu Mila Kunis, mit der er seit 2014 eine Tochter hat ... - Das Privatleben des MTV-Moderators und Start-Up-Investoren stand immer im Mittelpunkt. Mit seiner aktuellen Netflix-Sitcom "The Ranch" kehrt der 38-Jährige, der in bescheidenen Verhältnissen in der Provinz Iowas aufwuchs, zu seinen familiären Ursprüngen zurück. Und zu denen seiner Karriere: Die begann der spätere "Two And A Half Men"-Darsteller 1998 in der Comedy-Sitcom "Die wilden Siebziger" an der Seite von Danny Masterson, mit dem er die aktuelle Netflix-Serie "The Ranch" erdachte und produzierte.

teleschau: Gab es einen besonderen Grund, die Veröffentlichung der ersten Staffel Ihrer Serie "The Ranch" in zweimal zehn Episoden aufzuteilen?

Ashton Kutcher: Eine Sitcom zu drehen, hat einfach andere Voraussetzungen als ein Drama beispielsweise. Die Filmcrew kommt nur zweimal in der Woche - daher produzieren wir das eher wie ein Bühnenstück. Drei Tage lang proben wir, freitags und donnerstags wird gedreht. Aus wirtschaftlicher Perspektive und mit Blick auf die Angestellten sind 20 Episoden im Jahr einfach sinnvoller. Wir schlossen mit Netflix den Kompromiss, diese in zwei Teile aufzuteilen, ein gänzlich neues Modell.

teleschau: "The Ranch" ist ein Netflix-Original. Wenn Sie für einen normalen Sender produziert hätten - wäre es eine andere Serie geworden?

Kutcher: Höchstens zur Hälfte. Tatsächlich werden die üblichen Medien-Plattformen etwas langweilig. Schaut man sich klassische Situations-Comedy wie "I Love Lucy" an - dann unterscheiden sich heutige TV-Sitcoms davon kaum. Klar, ein wenig wurde geändert, man wagte mehr. In unserer Serie "Die wilden Siebziger" rauchten wir Pot im TV, was damals noch sehr rabiat wirkte.

teleschau: Mit "The Ranch" wollten Sie weitere Grenzen übertreten?

Kutcher: Wir wollten konzeptuell über das Übliche hinausgehen. Mehr noch allerdings suchten wir eine Herausforderung als Schauspieler. Indem wir dramatische Elemente in eine Sitcom einfließen lassen, das Medium herausfordern. Normale Sitcoms ähneln impressionistischen Gemälden, man braucht Teile der Realität nicht - es geht eher darum, was man beim Schauen empfindet. Wir wollten dem Genre mehr Realismus hinzufügen, im Wortsinn: realistischere Sets, realistischere Beleuchtung, echtes Wetter. Und es gab nur einen Partner, der uns dabei völlig freie Hand ließ.

teleschau: Netflix ...

Kutcher: Als ich mit Ted Sarandos sprach, sagte der, wir könnten machen was und wie wir es wollen. Wir schlugen ihnen das Format vor und entwickelten dafür ein Geschäftsmodell. Das war's. Durch diese Freiheit, die sie uns in der Entwicklung und Ausführung der Serie gaben, konnten wir etwas Neues ausprobieren. Und weil "The Ranch" dennoch auf klassischen Sitcoms basiert, mag das einen Schritt in die Zukunft des Formats bedeuten.

teleschau: Gibt es denn schon Pläne für eine Fortsetzung?

Kutcher: Solange Netflix weiter bestellt, sind wir noch nicht fertig. Wir haben viele Ideen, etwa dahingehend, was man auf einer Bühne vor Live-Publikum noch machen kann. Wir wollen die Erwartungen der Zuschauer herausfordern. Wenn man Netflix schaut, erwartet man schließlich mehr. Das liegt auch in unserer Verantwortung.

teleschau: Inzwischen erwartet man auch mehr Hollywood-Stars in Serien. Mit Sam Elliott und Debra Winger holten Sie zwei klassische Filmschauspieler an Bord ...

Kutcher: Als Debra zusagte, fragten wir sie: "Du weißt aber schon, dass wir eine Sitcom machen?" Sie ist schließlich Oscargewinnerin, und Sam ein ernsthafter Dramen-Darsteller. Das war Teil unseres Konzepts für einen Hybrid aus Drama und Comedy: Schauspieler zu holen, die keine traditionellen Comedians sind.

teleschau: Für einen Kino-Darsteller ist es mittlerweile eine Ehre, in großen Serienproduktionen zu spielen. Früher war das anders ...

Kutcher: Ich erinnere mich noch, als man mich fragte, ob ich in "Two And A Half Man" mitspielen will. Damals drehte ich einige Filme und befürchtete, die Rolle könne meine Spielfilm-Schauspielerei beeinflussen. Schließlich hatte ich hart für meinen Status gearbeitet. Ich ging das Risiko ein, und merkte schnell: Es geht sowohl als auch! Manche Leute wie James Franco spielten in einer Soap Opera, und wurden trotzdem später für Oscars nominiert. Da wurde ein Trend losgetreten - plötzlich sieht man all diese Schauspieler beides tun. Das ist wundervoll befreiend.

teleschau: Ist es für einen Schauspieler mittlerweile interessanter, eine Serien-Rolle zu übernehmen, als fürs Kino zu spielen?

Kutcher: Für mich absolut. Schließlich kann man dabei einen Charakter über Stunden entwickeln, auch in seinen vielfachen Beziehungen. Umso besser, wenn man die Serie dann noch produziert und die Figuren mit den Autoren abspricht.

teleschau: War es auch ein Vorteil, dass Sie und Danny Masterson als Freunde zusammengearbeitet haben?

Kutcher: Es existiert ein Feedback-Loop, den du mit deinen Freunden teilst, aber mit niemandem sonst. Deine Freunde können dir etwas Ehrliches und auch Beschissenes über dich erzählen. Das kann ein Fremder nicht. Wenn Danny mich kritisiert, macht er das mit guten Absichten in meinem Interesse - nicht, um etwas für sich herauszuholen. Er will, dass ich besser werde. Das wiederum setzt in der ganzen Crew eine Dynamik frei.

teleschau: Den Stoff entwickelten Sie gemeinsam - als Sitcom, die im Grunde jedoch ein klassisches Familiendrama beschreibt ...

Kutcher: Vor allem auch eines über die weltweit vorherrschende Angst junger Menschen vor dem Scheitern. Man geht in die Schule, macht einen College-Abschluss, geht als Experte für irgendwas auf den Arbeitsmarkt - doch da ist kein Job! Oder man bekommt einen, kann sich davon aber verdammt nochmal die Miete nicht leisten. Und dann zieht man zurück zu seinen Eltern - und es fühlt sich wie ein Scheitern an: Worin ich gut bin, davon kann ich nicht leben - was zur Hölle ...?

teleschau: Für junge Erwachsene ein Verlust der gerade erst gewonnenen Freiheit ...

Kutcher: Plötzlich ist die Unabhängigkeit, von der man dachte, man besäße sie, passé. Ebenso aus Elternsicht: Du glaubtest, mit der Kindererziehung durch zu sein, dass sie endlich verschwunden wären - und nun stehen sie wieder vor der Tür! "The Ranch" erforscht auch diese Familien-Dynamiken zwischen Eltern und erwachsenen Kindern. Ebenso zwischen Brüdern: Wenn man mit jemandem aufwächst, weiß man genau, wie man ihn verärgern kann und was bei ihm verdammt noch mal falsch läuft - auch wenn man das oft nicht einmal bei sich selbst merkt. Egal ob aus der Kleinstadt oder der Großstadt - das kennt jeder.

teleschau: "The Ranch" beleuchtet das traditionelle, konservative Leben auf dem Land. Soll die Serie Empathie für die sonst belächelte Provinz schaffen?

Kutcher: Großartige Serien entschlüsseln Welten, die uns interessieren. Die konservative Perspektive in den USA ist für viele eine Black Box. Man schaut sich die derzeitige politische Situation an und fragt sich: Was zur Hölle denken diese Leute? So denken die Menschen in Amerika? Und man hat Angst davor, regt sich darüber auf, macht sich Sorgen. Zusätzlich glorifizieren die Medien gern radikale Positionen. Die Serie entschlüsselt nun die Psychologie dieser fremden Welt - vielleicht sogar auf ehrlichere Weise, als es die Medien mit der Politik tun.

teleschau: Sie stammen selbst aus einer Kleinstadt in Iowa. War es Ihnen auch ein persönliches Anliegen, die Provinz auf diese Weise zu zeigen?

Kutcher: Mir liegt das sehr am Herzen. Die Geschichte dreht sich um die Werte der Leute aus meiner Heimatgegend. Sehr viel aus meinem Leben steckt in der Serie. Die meisten Provinzserien werden von liberalen Großstädtern geschrieben und machen sie über das Landleben lustig. "The Ranch" hingegen handelt von Menschen, die sich über den liberalen Lebensstil lustig machen. Mögen können es hingegen alle: Schaut man die Serie aus liberaler Metropolen-Perspektive, kann man über die Ansichten der Charaktere lachen. Schaut man sie hingegen aus konservativer Sicht, lacht man gemeinsam mit den Figuren über den Rest der Welt. Jede dieser Perspektiven zählt und ist wertvoll.

teleschau: Verstehen Sie die Serie demnach auch als Möglichkeit der Annäherung?

Kutcher: Wenn man mehr Zeit damit verbrächte, den Standpunkt der anderen zu verstehen, fände man darin sicher etwas Brauchbares. Die Serie beginnt auf einer extrem konservativen Basis, samt Anerkennung und Würdigung der konservativen Werte. Im Laufe der Handlung treffen die Charaktere dann auf soziale Situationen, in denen diese Werte auf die Probe gestellt werden.

teleschau: Was ja durchaus derzeit eine Entsprechung in der Realität besitzt.

Kutcher: Ja! Die Vater-Figur in der Serie würde bei der US-Wahl ohne Zögern Ronald Reagan als Vorbild erwähnen. Ebenso wie alle derzeitigen Kandidaten der Republikaner herausstellten, wie großartig Reagan war. Was sie jedoch nicht realisierten: Dass Reagan zwei Supreme-Court-Urteile unterstützte, die Pro-Choice argumentierten. Dass er absoluter Einwanderungs-Befürworter war. Wenn man den Namen eines Toten beschwört, der so etwas wie der Heilige Gral deiner Kampagne ist, dann sollte man vielleicht auch auf dessen Werte als Messlatte für den Konvervatismus setzen. Und ich glaube, "The Ranch" besitzt eine gewichtige Stimme in dieser politisch-sozialen Schlacht, die gerade stattfindet.

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