Prinz Pi

Eine komplexe Welt begreifbar machen

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Prinz Pi zählt zu den nachdenklicheren deutschen Rappern. Ein Beweis? "Der Sinn des Lebens ist auch mit anderen Menschen zu leben, deren Welt man vielleicht ein wenig besser macht", sagt er im Interview.

Prinz Pi oszilliert in seinem Tun zwischen Gesellschaftskritik und Battlerap. Im Interview erklärt sich der Berliner.

Nicht alles im deutschen HipHop ist sexistische Proll-Attitüde. Spätestens Vertreter wie Cro, Casper und Marteria sorgten für ein facettenreiches Rapdeutschland. Auch Friedrich Kautz ist Teil dieses Gegenbildes. Unter seinem alten Pseudonym Prinz Porno stand er zwar stets für Battle Rap in seiner Urform. Als Prinz Pi dagegen agiert der 36-Jährige als oberster Gesellschaftskritiker, anzuprangernde Missstände rücken in den Fokus seiner Kunst. Am 5. Februar steht die Veröffentlichung von Kautz' nächstem Album auf dem Plan, "Im Westen Nix Neues". Zum Interview lädt der Berliner in eine Kreuzberger PR-Agentur, unweit vom Kottbusser Tor. Es ist früher Abend. Prinz Pi wirkt geschafft vom ganztägigen Interviewmarathon, zeigt sich dennoch ausgesprochen freundlich und aufmerksam.

teleschau: Als Prinz Porno lag Ihnen stets Battle Rap am Herzen, Prinz Pi ist anders.

Prinz Pi: Als Prinz Pi versuche ich, relativ komplizierte Themen in meinen Songs zu erfassen und meinen Blick darauf zu zeigen. Das ist so, als wenn ich meiner kleinen Tochter etwas erkläre: Ich wähle genau die Dinge aus, von denen ich glaube, dass sie diese wissen muss, um den Sachverhalt zu verstehen. Den Rest lasse ich weg. Auf "Im Westen Nix Neues" möchte ich eine sehr komplexe und bedrohliche Welt ein Stück weit begreifbar machen. Für mich selbst, für meine Kinder irgendwann und für die Leute, die meine Musik hören.

teleschau: In Ihren Texten üben Sie häufig harsche Kritik an der Gesellschaft. Wie sähe denn Ihre persönliche Gesellschaftsutopie aus?

Prinz Pi: Diese Utopie muss jeder für sich selbst kreieren. Jeder würde es vermutlich anders definieren. Außerdem möchte ich andere damit nicht bevormunden, das machen Demagogen und Populisten. Meine persönliche Vorstellung sieht dennoch so aus, dass ich mich freuen würde, wenn ich mich vor jedem präsentieren kann, sodass er für sich selbst entscheidet, ob er mich mag oder nicht und eben keine Vorurteile überwiegen lässt.

teleschau: Schaffen Sie das selbst?

Prinz Pi: Ich versuche auch, Leute nicht nach etwas Kleinem zu beurteilen, sondern sie, so weit es eben geht, neutral zu sehen. In meinem Leben führte ich schon äußerst tiefsinnige Gespräche mit Leuten, die von außen keinen wahnsinnig tiefsinnigen Eindruck machen. Andersherum erlebte ich Leute, die sich den Anstrich eines Super-Intellektuellen verpasst haben und dennoch die hohlste Scheiße reden, die man sich vorstellen kann.

teleschau: Dachten Sie bereits darüber nach, wie Sie Ihre Kinder in Zukunft mit Ihrer Musik konfrontieren?

Prinz Pi: Das Album ist tatsächlich meinen Kindern gewidmet. Den Song "Füllung vom Kissen" adressiere ich an meine Tochter. Er handelt vom Wahrheits-Begriff. Wir alle sind so erzogen worden, dass man immer die Wahrheit sagen soll. Wiederum sind wir aber auch mit dem Glauben an den Weihnachtsmann aufgewachsen. Das ist eine Situation, in der uns unsere Eltern ganz bewusst angelogen haben. Nicht, weil sie uns etwas vorenthalten wollten, sondern, weil sie uns eine gute Illusion schenken wollten.

teleschau: Beschränkt sich diese Erfahrung lediglich auf die Kindheit?

Prinz Pi: Auch heute als erwachsene Menschen gibt es noch Situationen, in denen wir bewusst angelogen werden. Vor gar nicht allzu langer Zeit wurde noch geleugnet, dass man abgehört wird. Es gibt unterschiedliche Auffassungen der Wahrheit. Das kann man an recht Harmlosen wie dem Weihnachtsmann erklären, aber man kann sich auch Gedanken darüber machen, ob es immer nötig ist, die Wahrheit zu sagen.

teleschau: Kleine Unwahrheiten haben manchmal auch etwas Gutes.

Prinz Pi: Alles, was man nicht weiß, kann einen nicht verletzen. Habe ich zum Beispiel große finanzielle Sorgen, muss ich das dann meinen minderjährigen Kindern erzählen? Oder finde ich einen Weg, dass sie es nicht mitbekommen? Vermutlich wissen sie nicht einmal, was der Unterschied bedeutet, ob Papa einen neuen Mercedes oder einen alten Golf fährt.

teleschau: Neben sehr persönlichen Themen behandelt "Im Westen Nix Neues" auch essenzielle Fragen wie das Leben nach dem Tod.

Prinz Pi: Was nach dem Tod passiert, weiß ich leider nicht. Für das Album habe ich ursprünglich 30 Songs geschrieben und schließlich ausgewählt. Deutlicher werde ich in einem Song, der nicht veröffentlicht wurde. Zumindest ist es eine Idee davon. Irgendwie war er mir im Endeffekt aber nicht ernst genug. Ich finde, mit etwas so tragischem wie dem Tod, den man nicht greifen kann, muss man sich mit einem gewissen Humor auseinandersetzen, um es verarbeiten zu können.

teleschau: Auch die Frage nach dem Sinn des Lebens kommt auf.

Prinz Pi: Die hat mein Kollege Casper einst mit "Der Sinn des Lebens ist leben" ganz gut beantwortet. Ich möchte das noch erweitern: Der Sinn des Lebens ist nicht nur selbst zu leben, sondern auch mit anderen Menschen zu leben, deren Welt man vielleicht ein wenig besser macht.

teleschau: Im Gegensatz zu vielen anderen Künstlern halten Sie die Musik und das gesamte Drumherum vollständig in Eigenregie.

Prinz Pi: Stimmt. Das Label heißt "Keine Liebe Records", und wir haben zwei Künstler: eRRdeKa und mich. Zwei Partner und ich schmeißen das Label, außerdem gibt es noch zwei Mitarbeiterinnen, die uns helfen. Wir sind ein äußerst kleines Team, aber alle sind sehr hingebungsvoll und lieben, was sie tun.

teleschau: Welche Vor- und Nachteile bringt die Selbstständigkeit mit sich?

Prinz Pi: Der große Vorteil ist natürlich, dass du tun und lassen kannst, was du willst. Der große Nachteil ist, dass dir niemand sagt, wo es langgeht. Du gehst stets volles Risiko. In einer großen Struktur kannst du es dir leisten, mal ein Ding an die Wand zu fahren. Das geht nicht, wenn du für alles dein eigenes Geld einsetzt.

teleschau: In der Rapszene scheint davon aktuell genügend vorhanden zu sein.

Prinz Pi: Wenn ein Majorlabel ein Album eines großen Rappers plant, gibt es meist ein paar 100.000 Euro Vorschuss und es wird eine krasse PR-Agentur bezahlt, es gibt diverse teure Videos und so weiter. So was geht bei uns natürlich nicht. Dafür ist Musik bei "Keine Liebe" aber Herzblut und eben keine Aktie, die steigt und fällt.

Prinz Pi auf Tournee:

05.02.2016, Frankfurt am Main, Batschkapp

11.02.2016, Hannover, Capitol

12.02.2016, München, Muffathalle

18.02.2016, Dortmund, Westfalenhalle 3A

19.02.2016, Nürnberg, Löwensaal

20.02.2016, Stuttgart, LKA Longhorn

25.02.2016, Würzburg, Posthalle

04.03.2016, Rostock, Zwischenbau

05.03.2016, Hamburg, Docks

06.03.2016, Erfurt, Stadtgarten

10.03.2016, Herford, X

11.03.2016, Saarbrücken, Garage

17.03.2016, Düsseldorf, Stahlwerk

18.03.2016, Leipzig, Haus Auensee

19.03.2016, Berlin, Columbiahalle

26.03.2016, Wien (AT), Arena

27.03.2016, Dresden, Schlachthof

01.04.2016, Kiel, Max

02.04.2016, Münster, Skaters Palace

03.04.2016, Kempten, Kultbox

08.04.2016, Bremen, Aladin

14.04.2016, Köln, Live Music Hall

15.04.2016, Köln, Live Music Hall

Musiker Prinz Pi

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