Eine Bilanz der ersten EM-Woche bei ARD und ZDF

Poldi, Packing, Peinlichkeiten

+
„80 Prozent von euch und auch ich, wir kraulen uns auch mal an den Eiern.“ Lukas Podolski hat noch keine Einsatzminute in Frankreich gehabt, aber er brachte den bislang besten Spruch der EURO.

Spärliche Offensivbemühungen und Krawall jenseits der Spielstätten: ARD und ZDF haben es nicht leicht, die Faszination Europameisterschaft in die deutschen Wohnzimmer zu vermitteln. Übers Ziel hinausgeschossen ist aber nur einer: Malente-Tourist Reinhold Beckmann.

Packing oder nicht Packing, das ist die Frage. Eine Glaubensfrage, möchte man meinen. Während die ARD hinter dem forschen Anglizismus ein spektakuläres neues Instrument zur Analyse von Fußballspielen vermutet, ist das ZDF bis auf Weiteres Packing-freie Zone. Im Zuge der Berichterstattung von der Europameisterschaft in Frankreich lassen die Mainzer lieber den Ex-Trainer Holger Stanislawski virtuelle Viererketten am Taktik-Screen verbinden als nackte Zahlen aufs Publikum los. Die Packingrate, wenn man das bei den ARD-Kollegen richtig verstanden hat, zeigt an, wie viele gegnerische Akteure per Pass oder Dribbling überspielt wurden. Überspielte Verteidiger zählen mehr als überspielte Stürmer oder Mittelfeldspieler. War mit Sicherheit hoch kompliziert in der Entwicklung, was der Ex-Profi Stefan Reinartz und der noch aktive Profi Jens Hegeler da mit ihrer gemeinsamen Firma „impact“ auf den Markt brachten. Dafür ist es auch die auffälligste Neuerung in Sachen TV-Berichterstattung, die nach der ersten Turnierwoche hängen geblieben ist.

Hübscher Nebeneffekt: Der ARD-Experte Mehmet Scholl und sein ZDF-Pendant Oliver Kahn, die schon zu gemeinsamen Bayern-München-Zeiten nicht die engsten Freunde gewesen sein sollen, haben in der Packing-Frage einen bislang etwas einseitig geführten Social-Media-Zwist vom Zaun gebrochen. Während Trainerscheininhaber Scholl vor laufenden Kameras vom „Heiligen Gral“ der Fußballanalyse schwärmte, giftete der Ex-Titan während des enttäuschenden Auftritts eines Mitfavoriten bei Twitter: „Aus meiner Sicht müssten die Belgier einfach nur ihre 'Packingrate' erhöhen.“

Den schönsten, weil trockensten Kommentar zum Analysehype hatte indes einer in petto, der dank seiner Passgenauigkeit doch eigentlich mit die besten Packingwerte in der deutschen Mannschaft vorzuweisen hat: „Ich weiß nicht, was es ist, aber schön dass ich Zweiter bin“, gab Jerome Boateng unter dem Gelächter zahlreicher Journalisten bei einer Pressekonferenz zu Protokoll.

Noch lustiger ging es auf dem DFB-Podium nur zu, wenn sich Lukas Podolski den Reporterfragen stellte. Ihn auf seine Packingrate anzusprechen, wäre sinnlos gewesen, da „Poldi“ bislang überhaupt nicht eingesetzt wurde. Dafür entschärfte der frühere Kölner auf unnachahmliche Weise den aufgebauschten Eklat um ein öffentlich dokumentiertes Intimzonenhandspiel des Bundestrainers: „80 Prozent von euch und auch ich, wir kraulen uns auch mal an den Eiern.“ Gelächter, Applaus, Standing Ovations. Thema beendet. Bester Medienmoment der ersten Turnierwoche. Wenn einer die wirklich drängenden Probleme der Welt mit einem Spruch in Wohlgefallen auflösen kann, dann ist es Lukas Podolski.

Deutlich sachbezogener, aber weiß Gott nicht immer bierernst führten die Moderatorenteams von ARD und ZDF durch die überraschend torarme erste EURO-Woche in Frankreich. Ein höchst problematisches Turnier dank marodierender Hooliganhorden, überforderter Einsatzkräfte und der damoklesschwertartig dräuenden Terrorgefahr. Da tut es gut, dass der „heute-show“-erprobte ZDF-Mann Oliver Welke seinen Vornamensvetter immer wieder aus dem Krampfmodus zu piesacken weiß. Seinen bislang besten Moment hatte Oliver Kahn in der allerdings dankbaren Disziplin des Cristiano-Ronaldo-Bashings. „Es ist langweilig, immer die gleichen Bilder zu sehen. Diese Selbstinszenierung, dieses Gehabe.“ Wer den einigermaßen vermurksten Auftritt der Portugiesen gegen Island sah, konnte da nur zustimmen.

Beim Fanvolk beliebter, das zeigen Umfragen, ist dennoch das ARD-Gespann Matthias Opdenhövel und Mehmet Scholl. Auf halbwegs identischer Ironiewellenlänge führen die beiden bisher traumwandlerisch sicher durchs Geschehen. Scholl verströmt dabei viel Liebe fürs Spiel und das Gastgeberland, und wie früher Günter Netzer hat er auch immer ein niemals aufgesetzt wirkendes Anekdötchen aus dem Ex-Profi-Nähkästchen zur Hand. Die Packingkrücke hätte so einer gar nicht nötig. Scholl ist ganz groß, wenn er die einfachen Dinge erklärt. Was es mit der Körperspannung im richtigen Moment zu tun hat, wenn einer den Ball stoppen kann. Oder warum man heutige Innenverteidiger damit überfordert, wenn sie Mann gegen Mann spielen müssen.

Scholl, Kahn und weitere Legionen vor allem im ZDF beschäftigter Experten und Moderatoren haben in der Auftaktwoche schon so viel erklärt, gequasselt und gedeutet, dass man sich fast sorgt, ob die das alle noch drei weitere Wochen durchhalten. Die Sendestunden der sogenannten Rahmenberichterstattung, das belegen Statistiken, schießen seit Jahren ins Kraut. Da kann nicht alles sinnvoll sein, was zwischen Fanmeile und DFB-Quartier zusammenreportiert wird. Aber etwas derart Verstrahltes wie Reinhold Beckmanns bizarre Nachtrevue aus der mythenumrankten „Sportschule“ Malente hätte man trotzdem nicht für möglich gehalten.

Bereits die dritte Ausgabe leitete der Sprecher beim Intro mit dem trotzig-ironischen Hinweis ein, nun folge die „schlechteste Fußballsendung aller Zeiten“. Recht hat er wahrscheinlich, aber das macht die Melange aus gespieltem Herrenwitz, schwitzigem Kumpeltalk und pseudosatirischem Hintersinn nicht erträglicher. Andererseits: Mit seiner Fernbedienung kann ja jeder aus Gründen taktischer Selbstverteidigung derart zähe Programmstrecken bis zum nächsten Anpfiff ganz leicht überspielen. Wer will, kann das auch „Packing“ nennen.

tsch

Kommentare

Das könnte Dich auch interessieren