Dagmar Manzel

Plötzlich "Tatort"-Star

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Sie wollte nie Krimistar werden, dennoch wurde Dagmar Manzel im reiferen Schauspielalter zu dieser Aufgabe berufen: Die Ur-Berlinerin spielt Kriminalhauptkommissarin Paula Ringelhahn im Franken-"Tatort". Am 22. Mai ermittelt die 57-Jährige in ihrem zweiten Fall "Das Recht, sich zu sorgen".

Die Schauspielerin Dagmar Manzel war bereits zu DDR-Zeiten ein Theaterstar und setzte sich auch im wiedervereinigten Deutschland durch. Viele kennen die 57-jährige Berlinerin jedoch erst seit sie der BR als Franken-"Tatort"-Kommissarin inthronisierte.

Mit Dagmar Manzel und Fabian Hinrichs wählte der Bayerische Rundfunk für seinen Franken-"Tatort" zwei hochkarätige Schauspieler aus, die jedoch eher Theater- und Arthouse-Filmfans ein Begriff waren. Dennoch holte das Debüt des Duos vor einem Jahr selbst für "Tatort-Verhältnisse überragende 12,1 Millionen Zuschauer. Dies ist jedoch nicht jene Art von Ruhm, nach der Dagmar Manzel sucht. Neben ihrem Ausflug in die Krimi-Primetime sieht sich die 57-Jährige vor allem als akribische Arbeiterin in Sachen Schauspielkunst. Nach der Ausbildung an der berühmten Berliner Mimenschmiede "Ernst Busch" war sie bereits in der DDR ein Star am Deutschen Theater. Sie veröffentlicht Chanson-Alben und singt regelmäßig an der Komischen Oper. Im Interview zum zweiten Einsatz als Kommissarin Paula Ringelhahn spricht die Ur-Berlinerin über ihr Frankenbild, die eigene Furcht vor Star-Einsätzen und das Konzept ihres erzählerisch durchaus anspruchsvollen Edelkrimis "Das Recht, sich zu sorgen" (Sonntag, 22. Mai, 20.15 Uhr, ARD).

teleschau: Ihre Kommissarin wirkt emphatisch und gleichzeitig gelassen. Ist das eine Kombination, die auch Sie beschreibt?

Dagmar Manzel: Ja, im Privaten würde ich das unterschreiben. Da bin ich sehr ruhig und bodenständig. In den Rollen, vor allem auch im Musiktheater, wäre das auf Dauer vielleicht ein bisschen öde. Da bin ich schon, denke ich, wandlungsfähig.

teleschau: Haben Sie die Figur Paula Ringelhahn mitentwickelt?

Dagmar Manzel: Ja. Was mich mit ihr verbindet ist vielleicht, dass ich mich in meinem Beruf vor allem als akribische Arbeiterin sehe. Passt ja auch zu meinem Berufsabschluss. Auf meinem Zeugnis steht nämlich "Facharbeiterin für Schauspielkunst" (lacht). Wenn aber in der Arbeit starke Emotionen hochkommen, lasse ich die durchaus zu. Was einen auch mal kurz vom Boden wegführen kann.

teleschau: Sie stehen sehr viel auf der Bühne, halten sich aber von roten Teppichen fern ...

Dagmar Manzel: Weil ich mich nicht als "Grande Dame" oder Diva sehe. Ich spiele zwar mal solche Frauen, könnte das aber abseits des Berufs nicht aushalten, wenn ich selbst so wäre. Es gibt Diven, die tolle Schauspielerinnen und auch spannende Menschen sind. Aber das ist halt nicht meins. Es war auch das Erste, wovor ich beim "Tatort" Angst hatte (lacht): dass ich plötzlich Preise entgegennehmen oder verleihen muss. Ich tue das auch - aber es macht mir keine Freude.

teleschau: Was genau stört Sie daran?

Dagmar Manzel: Solche Veranstaltungen sind mir einfach zu laut. Ich bin gern laut - als Schauspielerin und Sängerin. Aber nicht abseits davon. Ich hatte mich sogar schon mit Kollegen und Regisseuren in den Haaren, die meinten, man müsse dieses Spiel mitmachen, um an gute Rollen zu kommen. Das ist totaler Unfug, finde ich. Es gibt keine Rolle, die ich im Film, Fernsehen oder auf der Bühne gespielt habe, die ich durch derlei Aktivitäten bekommen hätte. Wirklich keine einzige.

teleschau: Was genau meinen Sie mit "zu laut"? Haben Sie ein Problem mit Menschenmengen?

Dagmar Manzel: Nein, überhaupt nicht. Ich gehe zum Beispiel sehr gerne in die Oper oder ins Konzert. Ich stehe auch gerne auf der Bühne. Aber dieses "sich zeigen", das ist nicht meines. Da geht es doch nur darum, wie man aussieht. Ob man vielleicht ein paar Kilo zu- oder abgenommen hat. Ob man noch mit diesem oder jenen zusammen ist. Ich gehe jetzt auf die 60 zu. Diese ganzen Fragen sind nicht mehr meine. Eigentlich waren sie es noch nie, jetzt allerdings kann ich dazu auch ganz klar stehen.

teleschau: Das Team im Franken-"Tatort" ist keines, bei dem die privaten Themen offen vor dem Zuschauer ausgebreitet werden. Bleibt das so in Folge zwei?

Dagmar Manzel: Ja. Ich empfinde das als große Qualität, wenn es so ist. Es ist doch viel spannender, wenn man fünf Kollegen bei feinsinnigen Dialogen und gutem Schauspiel zusehen kann, um so ganz subtil und nach und nach etwas über diese Figuren zu erfahren. Für uns als Schauspieler ist das spannender und für den Zuschauer auch. Diese Hauruck-Plots mit klar gekennzeichneten Charakteren mag ich nicht. Nehmen Sie die dänische Serie "Borgen", von der ich ein großer Fan bin. Da wurden extrem spannende Geschichten aus der Politik erzählt und ganz nebenbei erfährt man etwas über die Menschen, die das spielen. So etwas nenne ich vorbildhaft für serielles Erzählen von Charakteren. Leider muss man immer noch oft ins Ausland schauen, um dafür Beispiele zu finden.

teleschau: Was finden Sie persönlich an Krimis interessant?

Dagmar Manzel: Mich interessiert, wie Menschen, die als Ermittler arbeiten, langfristig mit der Belastung umgehen. Sie sind ja immer von Tod, Boshaftigkeit und Verbrechen umgeben. Normale Menschen schauen vielleicht einige wenige Male im Leben über diesen menschlichen Abgrund hinweg. Ein Ermittler bei der Mordkommission tut dies täglich. So etwas muss einen Menschen verändern - und für diese Prozesse interessiere ich mich.

teleschau: Sie sind eine Ur-Berlinerin. Erinnern Sie sich noch, was Sie von Franken wussten, als Ihnen die Rolle angeboten wurde?

Dagmar Manzel: Ich wusste, dass Franken zu Bayern gehört, dass sich Franken und Bayern aber nicht unbedingt grün sind (lacht). Die Franken sind stolze Leute. Deshalb waren sie auch ungeheuer stolz darauf, dass es jetzt einen Franken-"Tatort" gibt. Man hat uns sehr gastfreundlich behandelt während der Dreharbeiten. Viel gastfreundlicher, als man das sonst gewohnt ist. Darum bin ich auch froh, dass die bisherigen Filme so gut geworden sind. Weil wir auf diese Weise etwas zurückgeben können.

teleschau: Aber Sie hatten vor dieser Rolle nicht viel zu tun mit der Region Franken?

Dagmar Manzel: Nein, rein gar nichts. Ich war vielleicht zweimal da. Aber das ist ja das Schöne, das ich diese Gegend in Deutschland nun über die Dreharbeiten richtig gut kennenlerne. Wann hat man das schon mal, dass man vier Wochen am Stück irgendwo in einer anderen Umgebung ist und sich diese Stück für Stück erschließen kann. Mir macht das großen Spaß.

teleschau: Wie würden Sie die Franken charakterisieren?

Dagmar Manzel: Es sind zurückhaltende Menschen. Wenn man sie aber kennenlernt, offenbaren sie schnell einen ausgeprägten Humor. Ich kann gut mit dieser Art umgehen. Die Franken sind sehr herzliche Zeitgenossen.

teleschau: Wie kommt es, dass mit Fabian Hinrichs und Ihnen zwei Schauspieler für das Format zusammengebracht wurden, die beide so gar nichts mit der Region verbindet?

Dagmar Manzel: Dass wir beide das spielen, war die Idee der BR-Redakteurin Stephanie Heckner. Ich weiß, dass sie so an diesen "Tatort" herangegangen ist, dass sie sich überlegte, wen sie gerne zusammen spielen sehen würde. Und da sie Fabian und mich sehr schätzt, wurden wir gefragt. Übrigens schon sehr lange bevor dann tatsächlich gedreht wurde. Stephanie Heckner wollte einfach wissen, ob wir uns das vorstellen können - und wir konnten das. Auch, weil Fabian und ich uns sehr schätzen und mögen.

teleschau: Hat der "Tatort" überhaupt noch regionale Themen zu erzählen?

Dagmar Manzel: Ich finde, schon. Dafür müssen die Kommissare auch nicht aus Franken kommen. Wir erzählen von bestimmten Orten in Franken, über die Menschen, die dort leben. Auf diese Weise lernt man ein Land, seine Menschen, ihre Sprache, den Humor und die Mentalität tatsächlich auch irgendwie kennen.

teleschau: Gibt es etwas, von dem Sie sagen würden: Das unterscheidet den Franken-"Tatort" von allen anderen?

Dagmar Manzel: Dass er ganz explizit mit Entschleunigung arbeitet. Wir nehmen uns Zeit, um die Geschichten der Opfer, der Ermittler und Täter zu erzählen. Und sie vielleicht auch ein bisschen genauer anzugucken.

teleschau: Ihr neuer Fall erzählt drei Fälle parallel, das gibt es auch nicht so oft beim "Tatort". Macht das Sinn?

Dagmar Manzel: In allen drei Fällen geht es um einen Verlust. Daher auch der Titel "Das Recht, sich zu sorgen". Der Film schaut sich dieses Gefühl einfach anhand verschiedener Beispiele an - und das wirft Fragen auf. Zum Beispiel die, wie sehr man um einen Menschen kämpfen muss. Oder ob man ab einem gewissen Punkt lieber loslassen sollte. Für mich hat sich das emotional harmonisch zusammengefügt - auch wenn es erst mal seltsam klingt.

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