Politik statt Sitcoms

ProSieben Plötzlich erwachsen?

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Der Mann, dem man bei ProSieben auch politische Themen zutraut: Stefan Gödde bekommt nicht nur das politische Reisemagazin „Inside“, sondern führt am 11. Juli auch durch den Themenabend „Green Seven 2016: Save the Water“. Der globale Kampf ums Wasser wird an diesem Tag aus unterschiedlichsten Perspektiven beleuchtet.

Im Sommer starten drei neue Wissens-Sendungen bei ProSieben, die sich durchaus ambitioniert zeigen: „Uncovered“ mit Thilo Mischke, „Inside mit Stefan Gödde“ und das junge Reportermagazin „Follow Us“. Dafür wird man insgesamt weniger Sitcoms zeigen. Sucht der Sender ein neues Image?

ProSieben, eine Fernsehstation mit politischer Ambition? Bisher verband man mit dem Münchener Privatsender Unterhaltung, Hollywood und eine Liebe zu Amerika, zum Glamourösen und Jungen. Sieht man vom kurzen Experiment mit Stefan Raabs Talkshow ab, scheute ProSieben lange Zeit alles Politische wie der Teufel das Weihwasser. Dies scheint sich gerade zu ändern - auch wenn Art und Weise, wie Politik behandelt wird, sicher nicht jedem schmeckt. Im täglichen Wissensmagazin „Galileo“ spricht man plötzlich über das System Erdogan statt über bunte Seifenblasen. Und mit zwei neuen Auslandsreportage-Formaten macht ProSieben sogar dem Korrespondenten-Netzwerk von ARD und ZDF Konkurrenz.

Aiman Abdallah ist das ewige Gesicht von ProSieben. Seit 18 Jahren moderiert der 51-Jährige das Wissensmagazin „Galileo“. Ein Format, das bei Kindern und „bildungsfernen Haushalten“ beliebt ist. Abonnenten von Qualitätszeitungen und Menschen, die das böse Privatfernsehen erst gar nicht auf ihrer Fernbedienung finden, hassen es hingegen - selbst wenn sie es gar nicht kennen. Wirft man einen neutralen Blick auf das, was „Galileo“ bietet, unterscheiden sich die Themen heute gar nicht mehr so sehr von einem Service-Magazin bei ARD oder ZDF.

Am 6. Juni, einem zufällig ausgewählten Montag, finden sich folgende Top-Themen im Programm: Zwei „Galileo“-Reporter reisen mit dem sinnfreien Plan nach Ankara, ein verbotenes Selfie vor Recep Tayyip Erdogans Prunkpalast aufzunehmen. Parallel und recht ausführlich gibt es allerdings auch die Biografie des türkischen Präsidenten zu sehen - als kurzes Biopic mit Spielszenen aus verschiedenen Lebensphasen. Später in der Sendung werden die Wege von Zierfischen aus ihrer exotischen Heimat bis zum deutschen Zoofachgeschäft überprüft und verschiedene Regionalsiegel aus dem Supermarkt kritisch unter die Lupe genommen.

An dieser Stelle soll nicht beurteilt werden, wie solide und tiefschürfend die Recherche der „Galileo“-Journalisten war. Die thematische Ambition ist den Filmbeiträgen allerdings nicht abzusprechen. „Galileo“, das man irgendwo zwischen lustigem Physikexperiment und dreisten Budenzauber in der Erinnerung festhält, hat sich in letzter Zeit verändert. „Als wir anfingen“, erinnert sich Aiman Abdallah, „hieß unser TV-Genre noch 'Wissenschaft'. Wir haben aber immer gesagt: Wir machen Wissens-TV. Das ist ein Unterschied, denn es geht uns auch um eine unterhaltsame Vermittlung. Mittlerweile ist 'Wissen' ein etabliertes Genre in vielen Medien geworden. Es gibt Beilagen und Sonderhefte im Print. Und im Fernsehen haben uns viele andere auch ein bisschen nachgeahmt.“

Tatsächlich täuscht der Eindruck nicht, dass sich öffentlich-rechtliche Magazinsendungen und „Galileo“ aufeinander zubewegt haben. Viele „Markencheck“- und ähnliche Verbrauchersendungen von ARD und ZDF, denen es nur darum geht, Themen zu finden, die vielen „Verbrauchern“ zwangsläufig im Alltag begegnen, sind journalistisch erschreckend schwach auf der Brust. Und das Privatfernsehen? Traut sich mittlerweile, politische Themen anzufassen. Wenn auch auf seine eigene Art. Erdogans Lebensgeschichte als Filmbeitrag? Ist im Prinzip „alte Galileo-Schule“, denn hier wird eine Wissenslücke geschlossen. Nach dem Motto: „Woher kommt überhaupt dieser Typ, über den sich alle so aufregen? Warum ist der so, wie er ist?“

Der Ansatz, Fragen zu beantworten, die sich viele Menschen nicht zu stellen trauten, machte lange Jahre einen Teil des „Galileo“-Erfolges aus. Wenn die Themen des Magazins heute deutlich politischer sind, ist dies wohl auch einer stärker politisierten Zuschauerschaft zu verdanken. Ein Prozess, den Aiman Abdallah übrigens auch an sich selbst beobachtete: „Ich kam damals vom Sport zu 'Galileo'. Früher wollte ich keine Nachrichten machen, das Politische war journalistisch nicht so mein Ding. Heute sehe ich das anders. Wenn man neugierig ist und sich für viele Dinge interessiert, so wie ich, landet man irgendwann automatisch auch bei politischen Themen. Ich habe Informatik studiert, mich interessiert Technik. Auch Technik ist unter bestimmten Gesichtspunkten politisch, wie man am Beispiel soziale Netzwerke und dem Thema Datenschutz sehen kann. Heute stellen wir bei 'Galileo' solche Bezüge her. Insofern sind wir in den 18 Jahren auch ein Stück weit erwachsener geworden.“

Was man in Abdallahs Sendung eher als sanften Wandel hin zu „mehr Relevanz“ - wie es beim Sender etwas schwammig heißt - bemerken kann, zeigt sich bei neuen „Factual“-Formaten, die im Sommer 2016 auf Sendung gehen, noch viel deutlicher. Hinter „Inside mit Stefan Gödde“, das den Moderator in den Iran, nach Russland, China und Fukushima führt, verbirgt sich ein politisches Reisemagazin, das sich über Begegnung mit Menschen verbotenen Zonen und umstrittenen Gesellschaften nähert. Auch „Uncovered“ mit Thilo Mischke (ab Montag, 11. Juli 2016, 22.15 Uhr) ist eine Art Auslandsmagazin. Nur dass der Fokus stärker als bei Gödde auf einem persönlichen „Gefahrenexperiment“ des Reporters liegt. So interviewt, singt und feiert Mischke beispielsweise mit der japanischen Mafia oder sucht die Nähe von Drogenkartellen und Gangs in Südamerika.

Dass sich ProSieben mit gleich zwei „Factual“-Formaten ins Ausland begibt, darf man als Ausbau eines auch bei „Galileo“ zu beobachtenden Trends sehen. Entsprechend sieht Senderchef Daniel Rosemann sein altes Wissensschlachtschiff mit den neuen Sendungen durchaus verknüpft, wenn er sagt: „'Galileo' setzt seit bald 18 Jahren Trends in der schwierigen Disziplin Wissens-TV. 'Galileo Big Pictures' läuft samstags zur Primetime teilweise erfolgreicher als große Shows der Konkurrenz. Unsere Zuschauer wollen Wissens-TV auf ProSieben sehen und so haben wir die Programmfarbe mit 'Uncovered' und 'Inside mit Stefan Gödde' ausgebaut.“

Für seine neue „Factual“-Welt will ProSieben, so heißt es von Seiten des Senders, vor allem in der Programmfarbe Sitcom sparen. Dass man das Experiment mit Politik und Gesellschaft wagt, ist dennoch nicht ganz freiwillig passiert. Das alte „Galileo“, lange Zeit ein Quotenflaggschiff des Senders, ließ in den letzten Jahren deutlich Federn. Betrachtet man jeweils die ersten sechs Monate 2010 bis 2015, schalteten immer weniger Menschen den Magazin-Dino ein. 2010 erreichte man in der anvisierten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen im Sechsmonats-Mittel noch 13,7 Prozent Marktanteil. Danach wurden es bis ins Jahr 2015 mit 10,1 Prozent kontinuierlich weniger. Erst das gerade ablaufende erste Halbjahr 2016 gibt wieder Anlass zur Hoffnung: 11,6 Prozent Zuschauerinteresse wurden bislang gemessen.

Grund genug für ProSieben, auf weitere „Factuals“ zu setzen, wie zum Beispiel das neue Reportermagazin „Follow Us“, das noch im laufenden Sommer von jungen Reportern und ihren persönlichen Geschichten berichten wird. Von „Killer-Robotern aus dem 3D-Drucker, Hahnenkämpfen in der Karibik, Terrortraining für Zivilisten und Punks in Burma“ ist da die Rede. Auf ein bisschen Knalleffekt kann man sich bei ProSieben eben nach wie vor verlassen. Zwanghaft erwachsen und öffentlich-rechtlich seriös gibt sich ja schon die Konkurrenz.

tsch

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