Oscar-Preisträger plaudert im Stammlokal

Neuer Film: Jean Dujardin über „Mein ziemlich kleiner Freund“

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Oscar-Preisträger Jean Dujardin, hier aufgenommen beim letztjährigen Festival des französischsprachigen Films in Angoulême, kommt am 1. September mit der Komödie „Mein ziemlich kleiner Freund“ in die deutschen Kinos.

Frankreichs Schauspiel-Star Jean Dujardin erzählt von seiner Einstellung zu seinem Metier und wie er in seinem neuen Film „Mein ziemlich kleiner Freund“ auf der Leinwand um fast ein Viertel einschrumpfen konnte.

Einige Wolken sind da, aber trotzdem ist es an diesem Sommertag sehr sonnig in Paris. Vom Zentrum des auf einem Hügel gelegenen Vororts Saint-Cloud bietet sich ein herrlicher Blick über die Dächer der Seine-Metropole. Saint-Cloud gehört zu den wohlhabendsten Gemeinden Frankreichs. Doch die Leute besitzen nicht nur Geld, sondern auch Humor. So wird das Handyverbot in der Kirche Saint Clodoald damit begründet, dass der Anruf Gottes kaum auf telekommunikativem Weg erfolgen wird. Hier lebt Jean Dujardin, seit „The Artist“ weltberühmt als Komödiant mit leicht tragischem Einschlag, ein Talent, das er nun auch in „Mein ziemlich kleiner Freund“ zeigt. Aus Anlass des deutschen Kinostarts lädt der Oscar-Preisträger zum Gespräch ins örtliche Stammlokal.

Es ist ruhig im „Le Comptoir“. Die Einheimischen sind in den Ferien am Meer, und die Scharen amerikanischer Touristen konzentrieren sich auf die großen Attraktionen im Pariser Zentrum. Unter den Sonnenschirmen sitzt ein junger Vater, eng neben sich die Kinderkarre mit der kleinen Tochter, an einem anderen Tisch flirten Jugendliche. Nichts zeugt von der Anwesenheit eines Weltstars, der Gerüchten zufolge bald auch im nächsten „Transformers“ zu sehen sein soll.

Tatsächlich wartet im hinteren Teil des Lokals mit Jean Dujardin einer, der wie du und ich erscheint. Das Haar ist vielleicht schon etwas weiter zurückgewichen als auf Fotos erkennbar, das Gesicht von der Sonne leicht gerötet, das unauffällige, dezent olivgrüne Hemd aufgekrempelt. Mal hat Dujardin die Arme verschränkt, mal gestikuliert er mit einer Hand. Er hört sich die Fragen zu „Mein ziemlich kleiner Freund“ und zu seiner Arbeit als Schauspieler aufmerksam an, nimmt sich Zeit, um möglichst präzise zu antworten. Zwischendurch grüßt er kurz Vorübergehende, die er kennt. An Dujardin sind keinerlei Allüren zu bemerken. Wie sich im Laufe der Unterhaltung herausstellt, passt das gut zu seiner Auffassung von Schauspielerei - besagt aber vielleicht auch, dass er auf dem Teppich geblieben ist.

Anders als beispielsweise sein kaum älterer und ebenfalls sehr populärer Kollege Vincent Cassel lagen dem 1972 geborenen Jean Dujardin die Bühne und der Film aufgrund seiner Herkunft sehr fern. Aus einer Handwerker-Familie stammend, absolvierte er nach dem Abitur eine Glaser- und Schlosser-Lehre und war im väterlichen Betrieb tätig. Dass seine komödiantische Ader während des Militärdienstes entdeckt worden sei, wie es manchmal in Berichten über ihn heißt, relativiert er: „Es ging einfach darum, dass man sich eben als junger Mann fragt, was man denn nun machen wird. Ich wollte versuchen, ob ich von der Schauspielerei leben konnte. Schon als Kind habe ich es geliebt zu spielen.“ Und fügt ganz ernst, ohne Anflug von Ironie, hinzu: „Damals hieß es, dass ich Blödsinn mache, heute, dass ich Schauspieler bin.“

Der Durchbruch kam für Dujardin mit der Was-sich-neckt-das-liebt-sich-Sketchreihe „Un gars, une fille“, die von 1999 bis 2003 im französischen Fernsehen lief. Mit dem damaligen Co-Star Alexandra Lamy war er einige Jahre verheiratet. Die TV-Popularität verhalf ihm zu immer größeren Filmrollen. Aber trotz seines eindrucksvollen Auftritts in „Kleine wahre Lügen“ (2010) wurde Dujardin dem deutschen Kinopublikum erst durch die weltweit erfolgreiche nostalgische Komödie „The Artist“ bekannt. Als narzisstischer Schauspieler, der durch das Ende der Stummfilm-Ära in eine berufliche Krise gerät, aber auch die Liebe seines Lebens findet, gewann er 2012 den Oscar - als erster französischer Schauspieler in einer Hauptrolle überhaupt.

In einem so ungewöhnlichen Film mitzuwirken, der in Schwarzweiß und bis auf wenige Dialoge am Schluss ohne Sprechton gedreht ist, hat ihn als Herausforderung gereizt - ebenso wie der Part des kleinwüchsigen Alexandre in „Mein ziemlich kleiner Freund“. Dieser Alexandre ist ein bekannter und gefragter Architekt, sehr reich, charmant und witzig, aber nur einen 1,36 Meter groß. Das wird zum Problem, als er sich in eine normal gewachsene Frau verliebt.

„Ich versuche mich immer an neuen Dingen in meinem Metier; ständig das Gleiche zu machen, interessiert mich nicht“, führt Dujardin auf die Frage an, warum er die Rolle übernommen hat. „Das ist das erste Mal, dass ich einen Menschen von einem Meter vierzig und weniger gespielt habe.“ Den Zugang zur Figur erleichterte, dass sich Dujardin in seine Kindheit versetzt fühlte, als er mit neun, zehn Jahren eine vergleichbare Größe hatte. Dujardin empfand seine Verkörperung des Alexandre wie den Eintritt in ein „großes Spielzimmer“ der Möglichkeiten.

Die damit verbundenen Anstrengungen beim Drehen sieht Dujardin zumindest im Rückblick als Abenteuer. Damit seine stattliche Größe von einen Meter achtzig einschrumpfte, waren mehr als technische Tricks am Computer gefragt. „Das war kompliziert für das Team und sehr aufwändig“, erinnert sich Dujardin. „Einen Tag habe ich auf Knien gespielt, einen anderen auf einer Erhöhung, an einem dritten haben wir wieder etwas anderes probiert. Es ging vor allem darum, dass das Ganze glaubwürdig blieb.“

Dabei hat Dujardin eine respektvolle Haltung gegenüber der Figur, die er spielt. Und das nicht, weil es stets der Charakter und seine Geschichte ist, die ihn dazu bringt, einen Part zu übernehmen. „Wir haben die ganze Zeit realistisch gespielt, ganz und gar keine Farce, ich fühlte mich wohl in meiner Haut, denn Alexandre ist ein fröhlicher und netter Typ.“ Nichtsdestoweniger sei „Mein ziemlich kleiner Freund“ aber eben doch eine Art „Märchen“ jenseits der Realität. Um die Realität zu zeigen, wäre es einfach seriöser gewesen, Alexandre von jemandem darstellen zu lassen, der tatsächlich kleinwüchsig ist.

Dennoch ist es Dujardin wichtig, Filme zu machen, die zum Nachdenken anregen. „Es ist vor allem ein Film über abschätzige Blicke und blöde Bemerkungen, wenn man nicht den Vorstellungen des perfekten Mannes oder der perfekten Frau entspricht, die die Werbung tagaus, tagein verkaufen.“ Gerade in der Distanz zur Wirklichkeit sieht Dujardin die Chance, eine solche Botschaft zu transportieren. Sicher kommt ein solches Konzept Jean Dujardins Freude an der Schauspielerei sehr entgegen - die besteht darin, „Ferien vom Ich“ zu machen, und zwar so phantastisch und amüsant wie möglich.

Es ist darum kein Wunder, dass Dujardin als seine absolute Lieblingsrolle die des eitlen Agenten in den Persiflagen „OSS 117 - Der Spion, der sich liebte“ und „OSS 117 - Er selbst ist sich genug“ nennt. Alle politischen, kolonialistischen und rassistischen Klischees werden darin gnadenlos ad absurdum geführt. Offenbar kann Jean Dujardin mitten im Nobelviertel Saint-Cloud so bescheiden dasitzen, weil ihm das Leinwand-Leben alles andere reichlich beschert.

tsch

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