Joseph Hannesschläger

Ein Pfundskerl von einem Kommissar

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Wer kennt ihn nicht: "Rosenheim-Cop" Korbinian Hofer (Joseph Hannesschläger).

Jeder kennt ihn, kaum einer mag ihn nicht: Korbinian Hofer, der dienstälteste "Rosenheim-Cop" ist ein sympathisches Urviech, wie man in Bayern sagt. Und wie findet Schauspieler Joseph Hannesschläger die Rolle seines Lebens?

Auch wenn es völlig absurd ist, dass ein Kriminalpolizist so wohnt: Dieser Chiemgau-Hof, in dem Rosenheim-Cop Korbinian Hofer mit seiner Schwester haust, ist natürlich der Wahnsinn. Traumhafte Aussicht auf die Bayerischen Berge, ein immergrüner Garten und ein rustikaler Tisch, auf dem gefühlt immer Weißbier nebst Brotzeit warten: So sieht es aus, das perfekte Oberbayern-Idyll und das angestammte Habitat des vermutlich beliebtesten deutschen Fernsehserien-Kommissars. Der Alltag im Revier ist bekanntlich hingegen nicht so sehr die Sache des wohlbeleibten Gemütsmenschen, der nun wirklich das ist, was man eine echte Marke nennt: Jeder kennt ihn. Im Interview merkt man Schauspieler Joseph Hannesschläger in jedem Augenblick an, wie stolz er darauf ist, eine so famose Identifikationsfigur erschaffen zu haben. Und doch weiß der 53-Jährige nach 16 Jahren Leben mit "Korbi" auch von den Schattenseiten der enormen Volksnähe seiner Hauptrolle im ZDF-Dauerbrenner "Die Rosenheim-Cops" (Wiederholungen derzeit immer dienstags, 19.25 Uhr, und auf Sky Krimi) ein Lied zu singen.

teleschau: Herr Hannesschläger, woran merken Sie, dass Sie das bekannteste Gesicht einer der erfolgreichsten deutschen Serienproduktionen sind?

Joseph Hannesschläger: Daran, dass ständig wildfremde Menschen ein Bier mit mir trinken wollen (lacht)!

teleschau: Was Sie gerne tun, oder?

Hannesschläger: Eher selten. Die Fans meinen ja eigentlich nicht mich, den Schauspieler, sondern den "Rosenheim-Cop" Korbinian Hofer. Und damit glauben sie, dass ich auf einem Bauernhof lebe und viel Weißbier trinke. Wenn man doch mal beisammen sitzt, merkt man, wie irritiert die Leute sind, wenn ich die Bestellung aufgebe.

teleschau: Was ordern Sie denn Ungewöhnliches?

Hannesschläger: Mineralwasser oder eine Apfelschorle. Und wenn Weißbier, dann nur alkoholfrei mit Zitronensaft und vielen Eiswürfeln. Du siehst förmlich, wie die Leute dann denken: "Bäh, so a greisligs Zeug trinkt doch der Korbi net."

teleschau: Es handelt sich also tatsächlich um zwei verschiedene Charaktere?

Hannesschläger: Ja, durchaus: Ich bin Schauspieler, kein Bauer und kein Kommissar. Vor meinem Engagement spielte ich alles Mögliche, viel am Theater, Shakespeare und andere Klassiker. Ich machte Musicals, Rockoper ... alles. Ich war in den früheren Rollen auch meistens der Bösewicht und selten der knuffige Kumpeltyp. Privat war ich allerdings schon immer eher der Hallodri.

teleschau: Wie würden Sie das übersetzen?

Hannesschläger: Sagen wir's mal so: Ich habe oder hatte offenbar ein sehr gewinnendes Wesen - also vor allem bei Frauen, meine ich. Aber zurück zum Beruf. Dass aus mir mal ein derart positiver Held in einer Polizeiserie werden würde, habe ich so nicht erwartet. Aber wie man sieht, hat das wunderbar funktioniert.

teleschau: Nun stehen Sie schon seit 16 Jahren als Kriminalhauptkommissar Korbinian Hofer vor der Kamera!

Hannesschläger: Ja, ein Wahnsinn. Ich wurde als erster Schauspieler überhaupt für die Serie besetzt. Ich war der erste "Rosenheim-Cop" - mehr Urgestein geht nicht.

teleschau: Haben Sie jemals an einen Ausstieg gedacht?

Hannesschläger: Nein, nie. Ich erlag auch nie der großen Verführung, die auf alle Serienstars wartet, wenn der Erfolg da ist: zu glauben, dass man sich dann in vermeintlich anspruchsvolleren Formaten beweisen muss. Eine Falle, in die ich manchen Kollegen habe laufen sehen. Meistens kommt nichts Besseres. Ich sage mir, einmal "Rosenheim-Cop", immer "Rosenheim-Cop", und fahre, denke ich, gut damit. Ansonsten habe ich noch meine Musik, meine Live- und Show-Band Discotrain, spiele ein bisschen Theater, mache Lesungen und habe meine erste CD rausgebracht: "München im Sommer" mit vielen Eigenkompositionen.

teleschau: Also wie ist es nun wirklich, das bekannteste Gesicht in einer Dauerbrenner-Serie zu sein?

Hannesschläger: Im Prinzip wunderschön, aber es gibt auch Schattenseiten. Es ist natürlich toll, wenn man mit seiner Arbeit den Leuten so viel Freude bereitet, dass sie überall auf einen zukommen und das mitteilen wollen. Ich kann gut damit leben, ein kleiner Plausch oder ein Handyfoto - immer gerne. Aber es gibt Orte und Situationen, in denen man gerne seine Ruhe hätte.

teleschau: Wann zum Beispiel?

Hannesschläger: Wenn jemand von hinten kommt und mir mit Wucht auf die Schultern klopft, wenn mir jemand unversehens im Vorbeigehen in den Bauch kneift oder wenn mich ein wildfremder Mensch umarmt, als wären wir seit Jahrzehnten befreundet, das empfinde ich als grenzwertig. Es gibt Gelegenheiten, bei denen man lieber privat sein möchte, zum Beispiel beim Essen im Restaurant oder im Wellnesstempel.

teleschau: Sie beehren solche Einrichtungen mit Ihrer Anwesenheit?

Hannesschläger: Öffentliche Bäder eher nicht mehr. Ich erinnere mich an einen Besuch in der Therme in Erding vor etlichen Jahren: Als ich im FKK-Bereich im Bademantel aufmarschiert bin, haben gefühlt alle zu mir hergeglotzt: Achtung, gleich ist der Kommissar aus den "Rosenheim-Cops" nackig! Das war mir hochgradig unangenehm, ich habe eine Viertelstunde gebraucht, um mich des Bademantels zu entledigen. Seitdem war ich in keinem solchen Bad mehr.

teleschau: Das alte Lied vom Fluch und Segen einer lebensnahen Rolle!

Hannesschläger: Genau, und ich weiß: Ein größeres Kompliment kann es für meine Arbeit eigentlich nicht geben als all diese Menschen, die auf Tuchfühlung gehen wollen, weil der Korbinian Hofer von den "Rosenheim-Cops" so ein Pfundskerl ist ... Ich habe die Rolle natürlich auch ein gutes Stück mitkreiert und freue mich, dass der Korbinian so beliebt ist.

teleschau: Hofer ist ein Genussmensch, was sehr ungewöhnlich für einen deutschen Fernsehkommissar ist ...

Hannesschläger: Womit ich mir übrigens 2015 übrigens den offiziellen Titel "Botschafter des guten Geschmacks", der von der Bayerischen Fleischerinnung vergeben wird, eingehandelt habe. Hat man mir beim Metzgerball in München verliehen - so etwas gehört dann auch zu den Privilegien eines prominenten Volksschauspielers. Man erlebt überhaupt viel Schönes.

teleschau: Was fällt Ihnen auf Anhieb ein?

Hannesschläger: Beeindruckende Begegnungen mit berühmten Persönlichkeiten aus meiner Kindheit. "Aktenzeichen XY"-Erfinder Eduard Zimmermann outete sich mir gegenüber genauso als Fan der "Rosenheim-Cops" wie Joachim Fuchsberger, mit dem mich dann später bis zu seinem Tod eine Freundschaft verband. Dr. Bernhard Vogel, der ehemalige Ministerpräsident Thüringens, steckte mir mal, dass er am Dienstagabend keine Termine wahrnimmt - weil er immer "Die Rosenheim-Cops" schaut. Und mitten in das Gespräch mit Vogel platzte Hans-Dietrich Genscher, der mir die Hand schüttelte und rief: "Das lass' ich mir jetzt nicht nehmen. Sie machen mir immer so viel Freude!" Da war ich baff.

teleschau: Ist so viel Resonanz und Bekanntheit auch eine Bürde?

Hannesschläger: Natürlich. Ich merke schon, dass bei mir ganz genau hingeschaut wird - daneben benehmen darfst du dich da nicht. Sonst heißt es: "Schau, da hockt der arrogante Schauspieler!" Alles, was ich sage und tue, wird bewertet. Auch wie ich mich am Set benehme. Ich habe immer die volle Aufmerksamkeit, damit muss man umgehen lernen.

teleschau: Nehmen Sie als Schauspieler viel Einfluss auf Bücher und Charaktere?

Hannesschläger: Nicht mehr in dem Maße wie früher. Natürlich haben wir am Anfang die Rollencharaktere mitentwickelt. Auch in die Bücher haben wir unsere Ideen eingebracht, und das war ganz gerne gesehen. Seit wir zur Weekly geworden sind, drehen wir so viel, dass für Bucharbeiten oder ähnliches keine Zeit mehr ist. Aber natürlich dürfen wir beim Dreh nach wie vor Vorschläge äußern, und wenn sie gut sind, werden sie auch genommen.

teleschau: Was macht den Charakter von Korbinian Hofer aus?

Hannesschläger: Er liebt das Land, ist heimatverbunden, traditionsbewusst, aber hinterfragt auch, welche Traditionen noch Sinn machen. Er ist Neuem gegenüber durchaus aufgeschlossen, prüft aber auch hier, ob das Neue nicht nur eine kurzfristige Mode ist. Er hat ein gutes Gespür für die Menschen und eine gesunde Portion trockenen Humors.

teleschau: Wie hat sich die Serie, abgesehen von Mode oder Technik, im Laufe der Jahre verändert?

Hannesschläger: Die "Rosenheim-Cops" sind mit den Sehgewohnheiten mitgewachsen. Früher wurde langsamer und gemütlicher erzählt, heute gibt es mehr Szenen mit flotteren Schnittfolgen. Auch drehen wir heute viel mehr Folgen pro Jahr. Früher war die Serie auf die beiden Kommissare konzentriert, heute verteilen sich die Geschichten auf viele Figuren, die neu dazugekommen sind. Was natürlich auch mehr Abwechslung bringt.

teleschau: Gibt es eigentlich ein Nord-Süd-Gefälle, was den Zuspruch angeht?

Hannesschläger: Nein, die Leute reagieren in München, Berlin oder Hamburg eigentlich gleich. In Bayern schwingt meistens ein bisschen lokaler Stolz mit, in den nördlichen Regionen findet man die bayerischen Cops dafür einfach lustig. Eine Umfrage hat ergeben, dass wir Deutschlands beliebteste Fernsehserie sind.

teleschau: Ist das bayerische Kolorit für den Erfolg der Serie maßgeblich?

Hannesschläger: Natürlich sind die schönen Landschaftsbilder wichtig: die Berge, die Seen, die Natur, Korbinians Bauernhof mit dem traumhaften Panorama. Aber natürlich tragen die vielen guten Schauspieler die Serie. Der Dialekt hat auch seinen Anteil, denn ich finde, dass nur Filme, die im Dialekt gedreht werden, wirklich lebensnah rüberkommen. Das spricht den Zuschauer an. Außerdem haben Umfragen ergeben, dass Bairisch deutschlandweit beliebt ist.

teleschau: Sind Sie manchmal neidisch auf die Kollegen aus den "Tatort"-Kommissariaten?

Hannesschläger: Nicht im Geringsten! Ich habe keinerlei Minderwertigkeitskomplexe in dieser Hinsicht. Warum sollte ich?

teleschau: Weil um den "Tatort" ein Riesenhype gemacht wird und Sie für Ihre Arbeit bei den "Rosenheim-Cops" vielleicht auch gerne die verdiente Anerkennung der Medien hätten?

Hannesschläger: Ich finde, dass die Medien mit den "Rosenheim-Cops" ganz gut umgehen. Wir haben ja doch hervorragende Quoten, und das fällt auf. Wir werden gemocht. Was will man mehr!

teleschau: Würden Sie gerne mal mit einem "Tatort"-Kommissar tauschen?

Hannesschläger: Nein, mir ist das inzwischen meistens zu blutig. Außerdem brauchen sie so lange, bis sie einen Fall lösen - an die 90 Minuten. Wir schaffen das in 43. Natürlich ist der "Tatort" Kult, und manche Teams schaue ich auch ganz gerne.

teleschau: Ist ein Wohlfühl-Krimi nicht ein aberwitziges Paradoxon?

Hannesschläger: Ich glaube nicht. Das funktioniert nach einem ähnlichen Muster wie bei der volkstümlichen Schlagermusik, die ja sehr erfolgreich ist. Mich wundert das nicht, denn ich glaube, viele Leute wollen sich in ihrer Freizeit gerne mit Dingen beschäftigen, die sie kennen, die keine bösen Überraschungen in sich bergen, bei denen alles seinen gewohnten Gang geht: einfach etwas Verlässliches mit einem gewissen Wohlfühlfaktor.

teleschau: Weshalb?

Hannesschläger: Vielleicht weil die Welt, weil der Alltag schlimm genug ist. Ich finde es jedenfalls nicht verwerflich, eine Krimiserie zu mögen, bei der der Krimi eine kleinere Rolle spielt. So eine TV-Serie erfüllt ja eine soziale Funktion: "Die Rosenheim-Cops", das ist ein bisschen wie Gottesdienst. Das Programm ist wie ein Mantra, es lenkt ab und beruhigt, in einem gesunden Sinn, und es richtet sich an alle. Jeder ist eingeladen, jeder kann jederzeit einsteigen.

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