Petra Schmidt-Schaller

"Das würde mein Leben zerreißen"

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"Auch das Fernsehen kann Cinemascope drehen": Petra Schmidt-Schaller bei der Berlinale 2011.

Dank der Rolle als "Tatort"-Kommissarin Katharina Lorenz an der Seite von Wotan Wilke Möhring wurde Petra Schmidt-Schaller zum Star. Eine großartige Schauspielerin war sie schon früher. Im Interview spricht sie über ihren "Tatort"-Ausstieg und die Zukunft des Fernsehens.

Die Schauspielerin Petra Schmidt-Schaller begeistert Publikum und Kritik in Kino- und Fernsehfilmen ebenso wie im Theater. Die am 28. August 1980 in Magdeburg geborene Wahl-Berlinerin stammt aus einer Schauspielerfamilie. Doch sie begann erst recht spät mit ihrem heutigen Beruf, studierte Schauspiel an der Hochschule für Musik und Theater "Felix Mendelssohn Bartholdy" Leipzig, wo bereits ihre Eltern gemeinsam studiert hatten. Zwischen 2013 bis 2015 war die Tochter des "SOKO Leipzig"-Stars Andreas Schmidt-Schaller als Ermittlerin Katharina Lorenz in sechs "Tatort"-Folgen neben Wotan Wilke Möhring zu sehen. Im ZDF-Thriller "Das Dorf des Schweigens" (Montag, 22. Februar, 20.15 Uhr) von Grimme-Preisträger Hans Steinbichler übernimmt Sie die Hauptrolle.

teleschau: Sie spielen in "Das Dorf des Schweigens" Eva, die einiges verkraften und ertragen muss. Wie haben Sie sich die Rolle erschlossen?

Petra Schmidt-Schaller: Durch mehrere Gespräche mit Regisseur Hans Steinbichler und - das finde ich sehr wichtig - die Strukturierung des Drehbuches, da wir nicht chronologisch drehen. Ich muss in jeder Szene wissen, wo bin ich, was weiß ich. Bei dem Buch war das unheimlich wichtig. Ich brauchte eine große Klarheit. Zur Vorbereitung habe ich noch im Netz und der Literatur geschaut, wie Menschen mit Lebenslügen umgehen. Eva ist allerdings in der Sondersituation, dass sie diese Lebenslüge gerade erst entdeckt. Für mich ist sie - auch am Ende des Films - noch in einem Schockzustand. Sie kann das für sich noch nicht einordnen.

teleschau: Sie wird von allen Vertrauten belogen. Passt das zu der Figur, die eigentlich weder naiv noch unwissend wirkt?

Schmidt-Schaller: Irgendwann im Laufe des Filmes sagt sie: "Ich habe das mein Leben lang." Sie weiß, dass etwas nicht stimmt, aber nicht was. Um sie herum ist eine Mauer des Stillschweigens errichtet, da kommt nix durch. Da stimmt irgendwas nicht, das weiß sie, aber da ist kein Durchkommen.

teleschau: Dieses Schweigen baut "Das Dorf des Schweigens" im Familienkreis auf. In allen Familien lauern tiefe Schluchten, gibt es Themen, die keiner anspricht. Ist das nicht eine wunderbare Konstellation, um Geschichten zu entwickeln?

Schmidt-Schaller: Jede Familie oder auch jeder Mensch hat diese Schluchten. Die Frage ist, wie er die behandelt. Sagt ein trockener Alkoholiker, er sei trockener Alkoholiker, ist das eine andere Situation, als wenn er sagt, er trinke heute nichts. Je offener wir damit umgehen, dass Menschen - gerade in der Familie - Stärken und Schwächen haben, desto weniger entstehen Schluchten. Das sind dann Gegebenheiten des Lebens. Jeder hat doch etwas, was mal nicht optimal lief. Die Schluchten entstehen durch die Geheimnisse, die darum gemacht werden.

teleschau: Haben diese Schluchten mit Idealen zu tun, die nicht zu halten sind?

Schmidt-Schaller: Letztlich schon, einige Ideale schafft man, andere nicht, deshalb heißen die auch Ideale.

teleschau: Den Film tragen eindeutig die weiblichen Figuren. Das ist eher eine Ausnahme. Nehmen Sie das als Problem wahr?

Schmidt-Schaller: Bis jetzt nicht. Es wird immer mehr geschrieben, wo Frauen genau so relevant wie die Männer sind. Da geht es nicht um Stärke, sondern um Thematiken, bei denen beide Seiten besser behandelt werden. Ebenso gibt es vermehrt Regisseurinnen und Drehbuchautorinnen. Auch dadurch wird die weibliche Seite öfter bedacht. Früher oder später wird sich das gänzlich aufheben, da es ja auch einen gesellschaftlichen Wandel gibt, der die Filme wieder beeinflussen wird.

teleschau: Am unfairsten ist das Geschlechterverhältnis, wenn man auf die Verteilung von Hauptrollen blickt, wo Männer im Alter momentan noch mehr Möglichkeiten haben. Sorgen Sie sich?

Schmidt-Schaller: Nein, da wirkt sicher der Pragmatismus des Schauspielerkindes. Ich bin zwar nicht wie ein Tänzer angetreten, aber im Wissen, dass es sich ab 45 lichten könnte. Das hat mit Glück zu tun und damit, wie man am Ball bleibt. Ich bin ein Stück weit darauf eingestellt. Momentan schaue ich, was noch drin ist. Auch wenn ich den Beruf liebe und wünschte, ich könnte ihn bis zum Lebensende ausüben. Ich weiß aber, dass das großes Glück wäre.

teleschau: Sie kommen aus einer Schauspielerfamilie, da hätte man vermuten können, dass Sie früher mit der Schauspielerei begonnen hätten. Was hat Sie in jungen Jahren gehindert?

Schmidt-Schaller: Das, was ich zu Hause mitbekommen habe. Was da für ein Stress war. Man nimmt die Rollen mit, geht mit denen schwanger und kann die nicht wie Akten zurück im Büro lassen. Da wird dann gestritten und gehadert. Das fand ich als Kind ungeheuer belastend. Ich habe mich damals immer gefragt, warum meine Eltern sich nicht zu Hause entspannen. Das macht - glaube ich - keiner, egal in welchem Beruf. Aber für mich war das damals ein Ideal, dass man zu Hause, wenn man zusammen ist, loslässt. Dieses ewige Reden und diese Konflikte, das hat mich gehindert.

teleschau: Sind Ihre Eltern stolz, dass Sie Schauspielerin geworden sind?

Schmidt-Schaller: Schwer zu beantworten. Ich glaube, die freuen sich, dass ich mich schon zehn Jahre durch diesen Beruf alleine ernähren kann. Am Anfang war da große Sorge. Aber wir reden da nicht drüber. Ich möchte das auch nicht.

teleschau: Sie sind nach einigen Folgen an der Seite von Wotan Wilke Möhring recht schnell wieder aus dem "Tatort" ausgestiegen. Wieso wollten Sie Ihre Rolle nicht weiter entwickeln?

Schmidt-Schaller: Wir improvisierten im ersten Teil viel, da wollte ich mit der Rolle auf eine Reise gehen. Aber ich habe schnell gemerkt, dass sie für mich endlich ist. Wie nahe das Ende ist, wusste ich nicht, aber ich merkte, dass ich nicht zweimal im Jahr sagen konnte: Hallo Frau Lorenz. Letztendlich war der Übergang super, und die neue Kollegin ist auch schon da. Alles wunderbar.

teleschau: Was macht der "Tatort" mit einem?

Schmidt-Schaller: Erkannt wird man viel mehr, das nimmt aber wieder ab, wenn gerade kein Film gelaufen ist. Es gab auch Regisseure, die sagten: "Wir drehen wieder, wenn du nicht mehr beim 'Tatort' bist." Die hatten darauf keinen Bock. Die Popularität ist gewachsen. Gerade durch die Pressemaschine, die Wotan hinter sich stehen hat. Da hing ich dran.

teleschau: Haben Sie das Gefühl, Ihnen sei eine tolle Rolle durch die Lappen gegangen?

Schmidt-Schaller: Nein, so denke ich nicht. Es gibt so viele Sachen, die jetzt in diesem Moment passieren. Würde ich darüber nachdenken, würde das mein Leben zerreißen.

teleschau: Sie sind in Film und Fernsehen vertreten. Spielten "Tatort" genau wie "Stereo" - die beiden Projekte sind gefühlt von einander entfernt wie Arktis und Antarktis. Wie nehmen Sie die Film- und Fernsehlandschaft wahr?

Schmidt-Schaller: Ich habe mehr Lust, Projekte wie "Stereo" zu starten. Wir sind Vagabunden und müssen sehen, wie wir die Miete bezahlen. Die einen mehr, die anderen weniger. Da wägt man zwischen Angeboten ab. Ich wünschte sehr, dass wir mehr Möglichkeiten hätten, diese absurden Bücher, die da draußen geschrieben werden, auch zu verfilmen - und dann auch mit einer anderen PR-Maschine. Das macht ganz viel aus. In Deutschland ist das schwierig. Schade.

teleschau: Wie könnte sich das ändern?

Schmidt-Schaller: Ich merke, dass Sender sich bewegen müssen, und sie tun es auch - endlich. Dafür sorgt das Internet, und darüber bin ich froh. Ich wünsche mir mehr Filme über Crowdfunding, da liegt Potenzial. Es gibt so viele Möglichkeiten, bunter Filme zu drehen - und ohne Angst. Das sagt jeder, der das Filmgeschäft kennt. Film geht durch so viele Kontrollen, weshalb das Gewagte am Ende glatt gebügelt ist.

teleschau: Wie wird das Internet, mit den sich verändernden Sehgewohnheiten, Ihren Beruf beeinflussen?

Schmidt-Schaller: Ich denke, es ist vielleicht keine so starke Veränderung im Beruf und eher eine sich vergrößernde Bandbreite. Es wird nicht schmaler, sondern breiter.

teleschau: Gibt es da noch eine Zukunft für das Kino?

Schmidt-Schaller: Ich habe kürzlich einen riesigen, hochmodernen Flatscreen gesehen und mich gefragt, was das wohl mit dem Kino macht, wer da wohl noch hingeht. Aber dieser Akt, zu diesem dunklen Raum zu gehen, der eine riesige Leinwand hat und wo auch noch andere Zuschauer sind ... - Ich habe das Gefühl, das wird nicht enden. Genau wie das Theater. Da sagt man immer wieder: Lass uns das mal wieder machen. Kino wird nicht vergehen, aber die Grenzen verschwimmen. Wegen Beamern und Co. machen die Leute auch andere Fernsehfilme als früher. Der Unterschied wird weniger groß sein. Auch das Fernsehen kann Cinemascope drehen, da der Zuschauer die Möglichkeit hat, das auch zu Hause zu sehen.

Schauspielerin Petra Schmidt-Schaller

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