Im Interview: Dennis Gansel

Petersen, Emmerich, Gansel?

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Der Überblick als Regisseur ist das Ein und Alles: Dennis Gansel drehte nun erstmals einen Film mit Hollywood-Geldern.

Wenn Hollywood ruft, packen sie ihre Koffer: Mit Dennis Gansel hat es erneut ein Deutscher auf einen Regiestuhl in der großen Filmwelt geschafft.

„Die Welle“, „Napola“, „Die vierte Macht“, „Wir sind die Nacht“: Zweifellos hat sich Dennis Gansel in Deutschland seine Meriten verdient. Und wer sich hierzulande auch mal an etwas anderes traut als die immergleichen RomComs, Historienschinken und Kinderfilme, der fällt auch auf der anderen Seite des großen Teichs auf. Mit Jason Statham, Tommy Lee Jones und Jessica Alba drehte der 42-jährige Hannoveraner, ausgebildet an der Hochschule für Fernsehen und Film München, den Fortsetzungs-Actioner „Mechanic: Resurrection“ (ab 25.8. im Kino). Doch als reiner Haudrauf-Film-Regisseur will sich Gansel nicht etablieren - vielmehr setzt er sich für ein vielseitigeres deutsches Kino ein, wie er im Interview verrät.

nordbuzz: „Mechanic: Resurrection“ ist Ihr erster Film in Hollywood. Wie ist es dazu gekommen?

Dennis Gansel: Seit „Napola“ habe ich in den USA einen Agenten und war immer wieder für Projekte im Gespräch. In diesem Fall war es so, dass die Produzenten mich schon von „Wir sind die Nacht“ kannten und mir ein Drehbuch mit Jason Statham als Schauspieler anboten. Da habe ich natürlich zugesagt, auch als großer Statham-Fan. Ich las das Buch, war total begeistert und habe meine Ideen vorgetragen, was ich mir mit dem Charakter vorstelle und wie ich versuchen würde, die Action-Szenen noch origineller zu gestalten.

nordbuzz: Und schon ging es los ...

Gansel: Nicht ganz. Ich saß dann erst einmal in den USA tagelang im Hotelzimmer, niemand meldete sich und ich dachte mir: Das geht ja gut los. Am fünften Tag klingelte das Telefon: Jason, der sich entschuldigte und mich ins Beach House nach Malibu einlud. Dort saß er ganz locker in seiner Jogginghose, er kam gerade vom Training. Wir quatschten sechs Stunden durch. Er fand das toll, was ich mit dem Stoff vorhabe.

nordbuzz: Wie haben sich die Dreharbeiten von denen unterschieden, die Sie in Deutschland gewohnt sind?

Gansel: Das Team ist sehr viel größer. In Thailand gab es Tage, da waren über 200 Mann am Set. Das war eine extreme Umstellung, weil man zwar alles hat, was man braucht, auf der anderen Seite aber nicht mehr so flexibel ist. Da muss alles minutiös geplant sein. Gerade was die Action angeht, ist es allerdings ganz angenehm, in einem festen Rahmen zu arbeiten. Es hat auch einen Grund, warum die Produzenten gerne europäische Regisseure für Hollywood-Filme nehmen: Sie versprechen sich einen anderen, künstlerischeren Ansatz. Und diese Freiheiten hat man dort auch.

nordbuzz: Kommt Ihnen das entgegen? Sie meinten einmal, es sei nicht leicht, in Deutschland als Regisseur Fuß zu fassen ...

Gansel: Es kommt mir extrem entgegen. Zumal ich jemand bin, der nicht nur Komödien dreht, sondern der an vielerlei Stoffen interessiert ist. Es ist leider so, dass in Deutschland entweder Kinderfilme, Bestsellerverfilmungen oder Komödien funktionieren und vieles andere nicht. Das ist mir zu wenig. Deshalb war das für mich eine tolle Chance, einen Film zu machen, den ich so in Deutschland nicht hätte machen können. Gerade diesen Mix zwischen Deutschland und Amerika finde ich extrem reizvoll.

nordbuzz: Würden Sie sich im deutschen Kino mehr Genre-Filme wünschen?

Gansel: Ja, total. Seit Jahren kämpfe ich darum und es gibt leider wahnsinnig wenige Beispiele, wo es funktioniert. Das ist sehr schade. Wir Deutschen haben den Genrefilm praktisch mit erfunden, „Nosferatu“ war der erste Vampirfilm der Welt. Fritz Lang hat damals mit „Spione“ schon einen ähnlichen Film wie „Mechanic“ gemacht.

nordbuzz: Im Grunde genommen war das der erste James Bond.

Gansel: Genau. Das sind alles urdeutsche Erfindungen, und davon finden wir im deutschen Gegenwartskino fast nichts mehr. Die Amerikaner können das gar nicht verstehen. Die Skandinavier beispielsweise machen Actionfilme, Thriller und die besten Serien der Welt. Was kommt aus Deutschland? Das kann doch nicht sein. Ich bewundere jeden gelungenen Versuch, wie gerade bei „Who Am I“, und würde mir mehr davon wünschen

nordbuzz: Welche Actionfilme haben Sie für „Mechanic: Resurrection“ beeinflusst?

Gansel: Ich bin großer Fan von den neuen James-Bond-Filmen. „Casino Royale“ ist ein unglaublich geglückter Relaunch der Reihe. Ich mag aber auch das klassische John-Woo-Actionkino, Martial-Arts-Filme, die letzten „Mission: Impossible“-Teile oder einfach straighte Action wie „John Wick“. Ich habe „Mechanic: Resurrection“ in dieser Tradition gesehen. Meine Ansage an Jason war: „I want to make the dirty James Bond.“ Das hat ihm sehr gefallen und kommt auch Jason, der sich selbst schon öfter als den neuen James Bond ins Gespräch brachte, sehr entgegen. Damit könnte man die Grundlage für ein neues Franchise setzen.

nordbuzz: Was war der Reiz für Sie an der Figur des Arthur Bishop?

Gansel: Ich war ein Fan des ersten Teils, habe aber gesehen, dass noch Entwicklungspotenzial vorhanden war. Mit einem Schauspieler, der so einen Film unbedingt machen möchte, ist das die beste Ausgangsbasis. Die Grundidee ist ja toll: Jemand lässt seine Kills wie Unfälle aussehen. Wir sahen da eine Möglichkeit, das noch spektakulärer zu machen und auszubauen.

nordbuzz: Wie war die Arbeit mit den Hollywood-Stars?

Gansel: Extrem angenehm. Die ganzen Stars haben es verstanden, sofort eine sehr private Beziehung aufzubauen, sodass man schnell professionell arbeiten konnte. Gerade bei Tommy Lee Jones war ich anfangs etwas eingeschüchtert; er ist schließlich Oscarpreisträger und eines meiner Schauspielidole. Er hat die Situation gleich aufgelockert und von seiner Rinderfarm in Argentinien erzählt. Daran konnte ich anschließen, weil ich konkrete Vorstellungen für seine Figur hatte.

nordbuzz: Die da wären?

Gansel: Ich sagte zu ihm: „Ich weiß, du warst selbst im Vietnamkrieg und bist danach Schauspieler geworden. Ich würde dir gerne diesen exzentrischen Waffenhändler geben, der durch Vietnam gelernt hat, dass er eher den Schwachen helfen möchte. Ich sehe dich optisch so zwischen Julian Schnabel und Ringo Starr.“ Dann meinte er: „Oh super, dann will ich aber auch einen Morgenmantel haben und Slippers!“

nordbuzz: Was können Sie über ihren nächsten Film, „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“, verraten?

Gansel: Das ist für mich ein absolutes Traumprojekt, seitdem ich als Kind die Hörspielkassetten gehört habe. Ich bin zwar ein Fan der Augsburger Puppenkiste, doch so etwas kann man von meiner Version nicht erwarten. Für mich ist es der große Fantasy- und Abenteuerstoff in Deutschland, eine Art deutsches Harry Potter. Die Vordreharbeiten mit Shirley MacLaine in Australien sind abgeschlossen, ab Oktober drehen wir mit dem deutschen Cast in den Studios in Babelsberg und in der Bavaria München. Also zurück zu den historischen Orten von Fritz Lang und der „Unendlichen Geschichte“.

tsch

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