Serien-Highlight

„The Young Pope“: Der Papst trinkt Cola

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Dieser Papst raucht und trinkt Cola: Jude Law als Pius XIII., der erste US-amerikanische Papst.

Oscar-Preisträger Paolo Sorrentino hat die beste Serie des Jahres gedreht. Dass „The Young Pope“ nun im Fernsehen läuft, ist dennoch schade. Wer behauptet, Serien seien das neue Kino, vergleicht Dinge, die eigentlich nicht miteinander zu vergleichen sind. Zwei Stunden Film, genossen auf einer großen Leinwand, das ist eben etwas anderes als eine auf viele Staffeln aufgeteilte Handlung, der man vorm heimischen Fernseher folgt.

Wie nah sich die beiden Medien aber sein können, beweist nun Oscar-Preisträger Paolo Sorrentino in seiner ersten Serienarbeit: „The Young Pope“ ist ganz großes Überwältigungskino, heruntergebrochen auf zehn knapp einstündige Episoden. Sky Atlantic HD zeigt die Miniserie ab 21. Oktober, freitags, 21.00 Uhr, in Doppelfolgen. Doch eigentlich möchte man diese Serie, die vielleicht die beste des Jahres ist, am Stück genießen, auf der großen Leinwand. Denn dort gehören die gewaltigen Bilder, die Sorrentino von seinem Kameramann Luca Bigazzi einfangen ließ, eigentlich hin.

Schon die erst Szene lässt den Zuschauer atemlos zurück: Minutenlang verfolgt die Kamera Papst Pius XIII., zeigt, wie er sich ankleidet und durch Heerscharen von Kammerdienern, Nonnen und religiösen Würdenträgern durch seine Gemächer im Apostolischen Palast schreitet. Er tritt auf den Balkon, von dem er zum Volk sprechen wird, doch bevor er hinausgeht, setzt er ein Lächeln auf, so gekünstelt, wie es sonst nur Hillary Clinton beherrscht. Auf dem Balkon, unter dem Jubel der Gläubigen, öffnet er die Arme, und die Regenwolken, die über dem Petersplatz hängen, verziehen sich. „Ciao Rom“, sagt der neue Papst, es klingt wie das „I love you“ von Michael Jackson, und das Volk tobt.

Fast zehn Minuten dauert diese erste Szene, die sich wenig später als Albtraum des Papstes herausstellen wird. Regisseur Paolo Sorrentino nimmt sich sehr viel Zeit, um von Pius XIII. zu erzählen, der in seiner Serie als erster US-Amerikaner zum Nachfolger des Apostels Petrus gewählt wurde. Schon „La grande bellezza“, für den Sorrentino 2013 den Oscar für den besten fremdsprachigen Film gewann, begann mit einer minutenlangen Szene, in der einfach nur getanzt wurde. Zweieinhalb Stunden folgte sein Meisterwerk einem Mann an der Schwelle zu einem neuen Lebensabschnitt, ohne das wirklich viel geschah. Jetzt, in „The Young Pope“, hat er fast zehn Stunden Zeit, einfach nur zu beobachten.

Und so dauerte es bis zum Ende der zweiten Folge, bis der amerikanische Papst tatsächlich den Balkon seines Palastes betritt und zu den Gläubigen spricht. Bis es soweit ist, zeigt Sorrentino in großartig fotografierten und atemberaubend choreografierten Bildern, wer dieser amerikanische Papst eigentlich ist. Jude Law spielt Pius, der mit bürgerlichem Namen Lenny Belardo heißt und einst in einem katholischen Waisenhaus aufwuchs. Die Nonne, die ihn damals großzog, holt er jetzt zu sich in den Vatikan. Schwester Mary (großartig: Diane Keaton) soll ihm zu einer Stütze werden in seinem Pontifikat, und er braucht sie auch, denn der Vatikan, das ist in „The Young Pope“ ein einziger Intrigenstadel.

So bekommt die Serie doch noch eine Handlung, wird zu einer Art „House of Cards“ im Vatikan, was fast schade ist, denn eigentlich brauchen so großartige Bilder keinen Plot. Die Konventionen seriellen Erzählens, auf die sich Sorrentino doch noch einlässt, lassen ihm aber wohl keine andere Wahl. Also erzählt er davon, wie es zugeht im Vatikan, wie jeder versucht, möglichst viel Macht in die Finger zu bekommen, wie gesündigt wird und um Vergebung gebeten. Sorrentino beobachtet genau und mit viel Humor. Zum Gegenspieler des Papstes wird schnell Kardinal Voiello (Silvio Orlando), ein Mann mit einer großen Schwäche: Voiello wird von lüsternen Träumen geplagt, immerzu denkt er an die Venus von Willendorf, eine kleine, 25.000 Jahre alte Statue im Arbeitszimmer des Papstes.

Auch wenn Sorrentino es genießt, den Finger in die Wunden des Vatikans zu legen, lächerlich macht er den Klerus in „The Young Pope“ nie. Dazu nimmt er sein Thema viel zu ernst. Schon in „La grande bellezza“ zeigte sich Sorrentino seltsam fasziniert vom Katholizismus, als er seinen Helden auf eine hundertjährige Heilige treffen ließ. Im Vatikan durfte er nun dennoch nicht drehen, die beeindruckenden Drehorte mussten allesamt nachgebaut werden.

Am Ende des Traums, der den Papst zu Beginn plagt, nimmt Pius unerhörte Worte in den Mund, spricht vom Recht auf Abtreibung und von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften. „Wir haben verlernt, zu masturbieren“, predigt er den Gläubigen. Aber das war eben nur ein Albtraum. Als Pius dann tatsächlich zum Volk spricht, entpuppt er sich als erzkonservativer Mann, für den das Christentum nicht Liebe bedeutet, sondern Furcht vor einem zürnenden Gott. Nur beim Frühstück, da kommt der Klischee-Amerikaner in diesem Papst durch: Jeden Morgen, so verlangt er es an seinem ersten Tag im Amt, wünscht er sich eine Diet Cherry Coke, sonst nichts.

Jude Law ist die perfekte Wahl, diesen Mann zu spielen. „Ich bin ein Widerspruch, wie Gott“, sagt Pius über sich, und so spielt ihn Jude Law auch. Sein Papst ist gerissen, schleimig, abstoßend und zutiefst verletzt. Sein einziger Halt scheint die Zigarette, die ihm stets zwischen den Fingern klemmt. In seinen Träumen ist er ein Popstar-Papst, dann wieder ein berechnender Zyniker, der wie ein Schachspieler seine Gegner bekämpft. Aber vielleicht ist auch das nur ein überlanger Alptraum, aus dem der Papst, den Sorrentino so oft beim Träumen zeigt, irgendwann wieder erwachen wird.

tsch

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