83 Jahre und kein bisschen müde

Ellen Burstyn im Interview: Ein Oscar reicht nicht

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Für ihre Rolle in „Alice lebt hier nicht mehr“ gewann Ellen Burstyn den Oscar als Beste Hauptdarstellerin. Fünf weitere Nominierungen sprechen für eine große Hollywood-Karriere.

83 Jahre und kein bisschen müde: Im Interview präsentiert sich Oscar-Preisträgerin Ellen Burstyn voller Tatendrang - und blickt zurück auf ein bewegtes Leben.

Wenn eine Schauspielerin für ihr Lebenswerk geehrt wird und bereits die 80 hinter sich hat, liegen ihre großen Tage meist lange zurück. Bei Ellen Burstyn, der diesjährigen Preisträgerin des CineMerit Awards des Filmfest München, ist dies nur bedingt der Fall. Ihre erste große Rolle hatte sie erst spät, als 39-Jährige in Peter Bogdanovichs „Die letzte Vorstellung“ 1971. In kurzer Folge glänzte die Mutter eines Sohnes in Klassikern wie „Der Exorzist“ und Alain Resnais' „Providence“; für „Alice lebt hier nicht mehr“ bekam sie 1975 einen Oscar als beste Hauptdarstellerin, fünf weitere Male war sie nominiert. Im Jahr 2000 feierte sie ein fulminantes Comeback in Darren Aronofskys „Requiem For A Dream“. Und heute? Heute ist Burstyn 83 und so aktiv wie eh und je: Demnächst ist sie in Todd Solondz' wunderbar schrägen Indie-Komödie „Wiener-Dog“ (Start: 28. Juli) als einsame Großmutter zu sehen. Zuletzt glänzte sie in der vierten Staffel der Netflix-Serie „House Of Cards“ als Schwiegermutter des Präsidenten. „Ich mache weiter, bis ich umfalle“, sagt die gut gelaunte US-Amerikanerin beim Interview. Man glaubt es ihr sofort.

nordbuzz: Nach so vielen Jahren im Filmgeschäft: Haben Auszeichnungen wie der CineMerit Award überhaupt noch eine Bedeutung für Sie?

Ellen Burstyn: Man wird nach einiger Zeit süchtig nach Preisen (lacht). Das Zimmer, in dem man die Trophäen aufbewahrt, wird immer größer, und man möchte regelmäßig neue dazustellen. Ich will nicht, dass die Preise-Sammlung veraltet, also sind neue Auszeichnungen wichtig. Ich bin jetzt an einem Punkt, wo man mir Auszeichnungen für mein Lebenswerk verleiht. Letztes Jahr war ich in Stockholm, das Jahr zuvor in Antalya. Meine Regel lautet: Wenn ich in einer Stadt noch nicht war, dann nehme ich den Preis auch an (lacht).

nordbuzz: Also sind Sie zum ersten Mal in München?

Burstyn: Genau. Eine wunderbare Stadt!

nordbuzz: Wie fühlt sich das an, einen Preis für das Lebenswerk zu bekommen, wenn man noch immer Filme macht?

Burstyn: Davon lasse ich mich nicht entmutigen (lacht). Mein Leben ist noch nicht vorbei, und ich werde weiter arbeiten. Es gibt noch so viele Dinge, die ich machen möchte. Ich liebe die Bühne und den Film und werde weitermachen, bis ich umfalle.

nordbuzz: Wenn Sie zurückblicken: Was waren die größten Momente Ihrer Karriere?

Burstyn: Oh Gott, keine Ahnung. Ich will nichts ausschließen, weil alles auf seine Art wunderbar war. Filme wie „Die letzte Vorstellung“, „Der Exorzist“ oder „Alice lebt hier nicht mehr“ sind heute Klassiker. Ich schätze diese Filme sehr. Aber ich liebe auch das Theater. Ich will keinen Moment meiner Karriere als Höhepunkt herausgreifen.

nordbuzz: Für „Alice lebt hier nicht mehr“ haben Sie einen Oscar bekommen. Wie hat das Ihr Leben verändert?

Burstyn: Es ist wichtig, einen Oscar zu haben, wenn man Schauspielerin ist. Und mit nur einem einzigen will man sich nicht zufrieden geben (lacht).

nordbuzz: Könnten Filme wie „Der Exorzist“ heute noch gemacht werden?

Burstyn: Ich glaube, solche Filme würden heute leider nicht von den großen Hollywood-Studios produziert werden, sondern von unabhängigen Filmemachern. Die Independent-Bewegung macht gute Filme, aber mit sehr geringem Budget. Die Schauspieler werden kaum bezahlt und alles, was teuer ist, wird aus dem Film geworfen. Kunst wird zusammengekürzt.

nordbuzz: Können Anbieter wie Netflix diese Lücke ausfüllen?

Burstyn: Auf jeden Fall! An dem Wochenende, als Netflix die vierte Staffel von „House of Cards“ bereitstellte, ging ich mit meinem Hund spazieren. Und jeder im Park hatte die Staffel schon gesehen. Ich habe noch nie zuvor etwas gemacht, das so viel Aufmerksamkeit erhielt. Nicht einmal „Der Exorzist“. Die Fanbasis ist riesig.

nordbuzz: Woran liegt das? Alle Charaktere in „House Of Cards“ sind extrem unsympathisch!

Burstyn: Das finde ich auch! Ich habe vor einigen Jahren die ersten drei Folgen gesehen und dann entschieden, dass die Serie nichts für mich ist. Sie ist zu zynisch. Als ich dann in der vierten Staffel eine Rolle übernehmen sollte, musste ich mir die ganze Serie komplett anschauen. Es ist keine Serie, die ich freiwillig sehen würde. Sie entspricht meinem Geschmack nicht, weil eben jede Figur böse ist. Aber da bin ich offenbar in der Minderheit. Die Serie ist weltweit erfolgreich - irgendetwas muss sie also richtig machen.

nordbuzz: Aber was das ist, können Sie sich nicht erklären?

Burstyn: Schauen Sie sich die aktuelle Lage in den USA an: Die Situation hier ist genauso bizarr wie die Handlung in „House Of Cards“. Vielleicht ist sie sogar noch befremdlicher.

nordbuzz: Wer wäre der schlimmere Präsident? Frank Underwood aus „House of Cards“ oder Donald Trump?

Burstyn: Soweit ich weiß, hat Trump, anders als Underwood, noch niemanden getötet (lacht). Ich kann es nicht ertragen, mir Trump im Weißen Haus vorzustellen. Ich hoffe, dass die Clintons wieder einziehen werden.

nordbuzz: Sie haben Barack Obama im Wahlkampf 2008 unterstützt. Unterstützen Sie diesmal auch Clinton?

Burstyn: Ich unterstütze Hillary. Ich bin noch nicht öffentlich aufgetreten, aber wenn sie mich möchte - ich stehe zur Verfügung! Sie ist eine großartige Kandidatin.

nordbuzz: Wie konnte so etwas wie Donald Trump passieren?

Burstyn: Ich glaube, dass es in den USA einen unterdrückten Rassismus gibt. Als Obama gewählt wurde, drehten die Rassisten durch. Trump war einer von denen, die behaupteten, Obama dürfe nicht Präsident sein, weil er nicht in den USA geboren worden wäre. Dafür lieben ihn seine Anhänger. Trump gibt dem unterdrückten Rassismus eine Stimme. Er will Muslimen die Einreise in die USA verweigern! Das ist einfach empörend. Er steht für alles, für das Amerika nicht steht. Am Fuße der Freiheitsstatue steht „Gebt mir eure Müden, eure Armen, Eure geknechteten Massen, die sich danach sehnen, frei zu atmen“. Das sind unsere Werte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Trump gewählt wird. Und wenn doch, dann suchen Sie mir bitte eine Wohnung hier in München (lacht).

nordbuzz: In der letzten Szene ihres kommenden Films „Wiener Dog“ wird Ihre Figur, die einsame Nana, mit all den Chancen konfrontiert, die sie im Leben verpasst hat. Was würden Sie rückblickend anders machen?

Burstyn: Es gibt auf jeden Fall Dinge, die ich anders machen würde. Aber ich halte Bedauern für eine sehr ungesunde Gemütsverfassung. Immer wenn ich mich dabei erwische, wie ich denke, ich hätte dieses oder jenes machen sollen, sage ich mir: Hör auf!

nordbuzz: Funktioniert das?

Burstyn: Ja, das tut es. Wir können unseren Geist kontrollieren. Das hoffe ich zumindest. Denn wenn nicht, dann wären wir doch alle wahnsinnig. Das Leben so zu akzeptieren, wie es ist, und zu akzeptieren, dass das, was wir getan haben, uns zu diesem Punkt im Leben gebracht hat, ist wichtig.

nordbuzz: Was ist Ihnen wichtig im Leben?

Burstyn: Ich habe einen Sohn, den ich verehre. Und eine Enkelin, die ich über alles liebe. In meinem nächsten Film, „House Of Tomorrow“, wird sie meine Assistentin. Sie möchte Theater-Regisseurin werden und benötigt Arbeitserfahrung, um sich an einer Uni bewerben zu können. Die wird sie zusammen mit mir sammeln.

nordbuzz: Sie haben schon einmal einen Regisseur groß gemacht: Martin Scorsese, mit dem Sie „Alice lebt hier nicht mehr“ drehten.

Burstyn: Die Leute vom Studio fragten mich damals, wen ich gerne als Regisseur hätte. Jemand Neues und Aufregendes, sagte ich. Mir war damals bewusst geworden, dass Regisseure am besten sind, wenn sie noch neu im Geschäft sind, und dass sie konservativer werden, wenn sie mehrmals durch den Fleischwolf gedreht wurden. Also wollte ich einen neuen, nicht verbrauchten Filmemacher. Also sah ich mir „Hexenkessel“ an, den „Marty“ damals bereits gemacht hatte, und war sehr beeindruckt. Ich wollte einen Film drehen, der aus der Perspektive einer Frau erzählt ist. Also traf ich ihn und fragte, was er über Frauen wisse. Er sagte: „Nichts, aber ich will lernen“. Ich hielt das für eine tolle Antwort. Also machten wir den Film gemeinsam, und „Marty“ wurde der, der er heute ist. Wer hätte das wissen können (lacht)!

nordbuzz: „Alice lebt hier nicht mehr“ ist ein Film über eine Frau, die mit Schicksalsschlägen zu kämpfen hat. Wie viel von dieser Rolle steckt in Ihnen?

Burstyn: Wir haben viele Gemeinsamkeiten. Wie Alice, war auch ich eine alleinerziehende Mutter. Alice trifft immer wieder auf Männer, die nicht gut zu ihr sind. Mein dritter Mann hat mich missbraucht. Es ist leicht, in eine Beziehung mit jemandem zu geraten, von dem man denkt, dass man ihn liebt, und dann entpuppt er sich als gewalttätig. Damals stand die Frauenbewegung erst am Anfang. Viele Frauen lebten in gewalttätigen Beziehungen, und das wurde als normal akzeptiert. Heute kommen Männer ins Gefängnis, wenn sie ihre Frauen schlagen. Damals aber beherrschten Männer die Welt.

nordbuzz: 1978 beging ihr dritter Mann, der Sie misshandelt hatte, Selbstmord. Wie konnten Sie nach diesen Erfahrungen neue Beziehungen eingehen?

Burstyn: Oh, ich hatte danach noch einige Beziehungen (lacht). Auch wenn ich besser im Schauspielen bin als in der Wahl von Männern ...

tsch

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