Interview zur neuen Staffel

Das Jenke-Experiment: Drogen, Gefängnis und Gedächtnisverlust

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In den neuen Folgen greift Jenke von Wilmsdorff wieder zu Drogen.

Versuchskaninchen Jenke von Wilmsdorff geht mit neuen Experimenten auf Sendung. Bereits zum vierten Mal begibt sich der Journalist in verschiedene Extremsituationen. Was hält eigentlich seine Familie von seinen außergewöhnlichen Selbstversuchen? Was war die härteste Erfahrung in dieser Staffel? Im nordbuzz-Interview verrät von Wilmsdorff welche Experimente den Journalist an seine persönlichen Grenzen gebracht haben und warum.  

Er war schon obdachlos, experimentierte mit Cannabis und saß im Rollstuhl: Man könnte meinen, Jenke von Wilmsdorff (50) hat für seine kuriosen TV-Reportagen nichts ausprobiert, das es nicht gibt. In der vierten Staffel von „Das Jenke-Experiment“ (ab 05.09. immer montags, 21.15 Uhr, RTL) setzt er noch einen drauf: Zwei Wochen verbringt der Journalist im Gefängnis, außerdem nimmt er Drogen, hungert sich in eine Essstörung und verliert seine Erinnerung. Im Interview erzählt er, wie es ihm dabei erging, und warum er mit Kritik an seinen Extrem-Experimenten gut umzugehen weiß.

nordbuzz: Herr von Wilmsdorff, macht sich Ihre Familie Sorgen um Sie?

Jenke von Wilmsdorff: Naja, die kennen mich ja schon länger. Ich habe ja schon immer sehr extreme Geschichten gemacht, von daher waren sie nicht überrascht, als die neuen Experimente kamen. Trotzdem sind sie natürlich besorgt und appellieren an meine Vernunft.

nordbuzz: Drogen, Gefängnis, Magersucht: In den neuen „Jenke“-Folgen wird es noch härter, Sie gehen noch mehr an Ihre Grenzen. Was war das Ziel?

von Wilmsdorff: Die Herausforderung lag darin, wieder vier Themen zu finden, von denen wir denken, dass sie gesellschaftlich relevant sind. Und was gesellschaftlich relevant ist, kracht eigentlich immer.

nordbuzz: Es gibt also keinen Druck, die vorherige Staffel noch an Extremen übertreffen zu müssen?

von Wilmsdorff: Das Schöne ist, dass ich überhaupt keinen Druck spüre. Die Experimente sind ja schon immer sehr zehrend für Körper und Geist, deshalb gab es zwischen zwei Staffeln nun sogar anderthalb Jahre Pause. Ich habe mir auch immer zusichern lassen, dass wir nur eine weitere Staffel drehen, wenn wir vier richtig starke Themen finden, die vor allem relevant sind. So wie ich vor vier Jahren begonnen habe, arbeite ich auch jetzt noch: mit einer wahnsinnigen Neugier.

nordbuzz: Ist es das, was Sie am meisten antreibt?

von Wilmsdorff: Ja, die Neugier, Themen zu vertiefen. Heutzutage ist man so vorschnell im Beurteilen. Das Internet macht es einem einfach, Dinge für allgemeingültig zu erklären. Das mag ich nicht, ich mag es differenzierter. Deswegen gehe ich mit Neugier an jedes Thema ran und hinterfrage es. Ist es wirklich so, wie die meisten Leute sagen, oder eigentlich ganz anders? Ich nehme mich da selber nicht aus, auch ich habe vor dem Experiment schon ein Bild im Kopf. Am Ende ist es aber immer anders, als man denkt. Das ist für mich das Spannende.

nordbuzz: Woher kommt das Gespür, zu wissen was die Leute gerade besonders interessiert?

von Wilmsdorff: Ich gehe mit offenen Augen durch die Welt. Es muss ein Thema der Zeit sein, über das die Gesellschaft reden muss. Das ist bei allen vier Themen der Staffel der Fall. Zum Beispiel Drogen: Die Zahl der Drogentoten in Deutschland ist gestiegen, 20 Prozent Zunahme im Vergleich zum letzten Jahr. Außerdem hat sich die Art der Konsumenten verändert: Sie sind nicht mehr nur in der Partyszene zu finden, sondern in jeder Gesellschaftsschicht.

„Drogen sind ein Thema, mit dem man sich beschäftigen muss“

nordbuzz: Diesmal nehmen Sie Ritalin und feiern auf Ecstasy. In der vorherigen Staffel löste Ihr Kiffer-Experiment nicht nur positive Kritik aus. Damals ging es Ihnen um einen Beitrag zur Cannabis-Liberalisierung. Bei „harten Drogen“ wie LSD oder Ecstasy ist das kein Argument. Rechnen Sie jetzt mit noch härterer Kritik?

von Wilmsdorff: Damals hatte sich die Drogenbeauftrage der Bundesregierung vehement gegen eine Liberalisierung ausgesprochen. Heute ist es anders, die Debatte hat sich weiterentwickelt. Ich glaube, ein Stück haben auch wir dazu beigetragen. Und Drogen wie Ritalin, Ecstasy oder Speed sind ebenfalls in unserem Alltag angekommen. Studenten, Richter, Politiker, Ärzte. In jeder gesellschaftlichen Schicht werden Drogen genommen. Die Zahl der Drogenkonsumenten ist massiv gestiegen; es ist also ein Thema, mit dem man sich beschäftigen muss. Wenn es Kritik gibt, kann ich damit gut umgehen.

nordbuzz: Wie unterscheiden sich Ihre Experimente von herkömmlichen Aufklärungs-Reportagen?

von Wilmsdorff: Das Konzept des Jenke-Experiments ist es, durch Selbstversuche eine Brücke zu einem bestimmten Thema zu bauen. Natürlich kann man das kritisieren, sagen, das muss nicht sein. Aber ich sage: Doch, muss es, weil ich durch die Experimente in eine andere Tiefe eindringe. Nach wie vor habe ich eine ablehnende Haltung zu Drogen. Man darf sie aber auch nicht verteufeln, muss sich damit auseinandersetzen - sei es als Journalist oder zum Beispiel als Eltern. Wir wollen die Zuschauer aufklären.

nordbuzz: Sie behandeln in der aktuellen Staffel aber auch Magersucht und Demenz - Probleme, die in der Gesellschaft ebenfalls nicht tabuisiert werden sollten. Worum geht es Ihnen mit derartigen Versuchen?

von Wilmsdorff: Nehmen wir mal die Demenz. Das ist ein Thema, vor dem wir alle Angst haben. Es gibt 1,5 Millionen demenziell erkrankte Menschen in Deutschland, jeder kennt jemanden, der an Demenz leidet. Aber es gibt sehr viel Ungewisses über diese Krankheit, weswegen ich darüber aufklären will. Zwischen den verschiedenen Themen darf man aber nicht differenzieren: Im Endeffekt macht es keinen Unterschied, ob ich mich dem Thema Essstörungen, Demenz oder Drogen nähere. Das Ziel bleibt dasselbe.

nordbuzz: Wie hat die Hypnose für das Demenz-Experiment funktioniert?

von Wilmsdorff: Ein sehr erfahrener Hypnotiseur hat mich den ganzen Tag immer wieder in eine Tiefenhypnose versetzt. In diesem Zustand erreicht er Areale des Unterbewusstseins, wo er Informationen platzieren kann. Das hat bei mir funktioniert, auch wenn ich keine Erfahrung mit Hypnose hatte, und sonst eher skeptisch war. Ich konnte sehr gut nachempfinden, wie es einem Demenzkranken geht: komplette Verwirrung, Orientierungslosigkeit und Vergesslichkeit. Neben dem Knast-Experiment war das emotional die härteste Erfahrung dieser Staffel.

Zwischen Mördern, Räubern und Drogendealern

nordbuzz: Wie war es im Gefängnis?

von Wilmsdorff: Man hat es da schon mit einem anderen Menschenschlag zu tun. Ich war dort mit Mördern, Räubern, Drogendealern. Natürlich gab es viele, die nichts mit mir zu tun haben wollten, aber auch ein paar, die ihre Geschichte erzählen wollten. Für mich war das Gefängnis eine komplett neue Welt. Ich war die meiste Zeit alleine; das Team konnte ja nicht Tag und Nacht im Gefängnis herumlaufen. Privilegien hatte ich keine, es hieß: „Wenn wir Sie inhaftieren, dann genauso wie die anderen Häftlinge.“ Gefängniskleidung, eine Stunde Hofgang am Tag, wenige persönliche Gegenstände. Der Freiheitsentzug war das Schlimmste für mich.

nordbuzz: Welche Experimente sind für die Zukunft geplant? Gibt es etwas, was Sie unbedingt noch machen wollen?

von Wilmsdorff: Es gibt so vieles, das ich noch unbedingt machen will. Das müssen nicht nur Experimente sein. Diese besondere Form des investigativen Journalismus und extreme Themen haben mich immer gereizt, und das ist geblieben. Die neue Staffel war wirklich ein Kraftakt, jetzt möchte ich erst mal Ruhe in meinen Kopf bringen. Etwas Konkretes ist also noch nicht geplant.

tsch

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