Was wollen ARD und ZDF mit ihrem „Jungen Angebot“ erreichen?

Öffentlich-rechtliches YouTube?

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Er soll die Öffentlich-Rechtlichen fit für die Jugend machen: Florian Hager, Chef des „Jungen Angebots“.

Im Oktober geht das „Junge Angebot“ der Öffentlich-Rechtlichen an den Start. Können ARD und ZDF so die Jugend an sich binden?

Was würde einem ein 18-Jähriger wohl entgegnen, würde man ihn auffordern, für die Nutzung von YouTube monatlich 17,50 Euro zu zahlen? Auch wenn man ihm anbieten würde, zusätzlich noch am Fernsehgerät seiner Eltern zur sogenannten „Primetime“ Unterhaltungsshows oder zu später Stunde Politmagazine anschauen zu können - der deutsche Durchschnitts-Teenie wäre wohl wenig begeistert. Schließlich ist im Internet, das ist hinlänglich bekannt, alles umsonst zu haben. ARD und ZDF planen dennoch, eine Art öffentlich-rechtliches YouTube an den Start zu bringen, finanziert, natürlich, durch den Rundfunkbeitrag. Und der schlägt derzeit pro Haushalt mit saftigen 17,50 Euro monatlich zu Buche. Einen Namen hat das Ganze noch nicht, unter dem Arbeitstitel „Junges Angebot“ wird dennoch bereits heftig an der Zukunft des Fernsehens gewerkelt. Spätestens im Oktober soll's losgehen.

Die Verantwortlichen des Jungen Angebots kalkulieren freilich ein wenig anders: Bei einem Jahresbudget von 45 Millionen Euro und mehr als acht Milliarden Euro an jährlich gezahlten Rundfunkbeiträgen würde das neue Angebot „knapp 10 Cent im Monat“ kosten, heißt es. Stimmt - vorausgesetzt, die Jugend würde das Rest-Programm der Öffentlich-Rechtlichen auch nutzen.

Ein Blick ins Programm von ARD an einem beliebig ausgewählten Freitag lässt erahnen, warum die Jugend die Öffentlich-Rechtlichen meidet: Nach dem „Morgenmagazin“ geht es los mit „Rote Rosen“ und „Sturm der Liebe“, am Nachmittag wieder Herzschmerz, Zoosendungen, Quizshows. Zur Primetime dann hat Jutta Speidel (62) „24 Milchkühe und kein Mann“. Nebenan beim ZDF ist die Lage nicht weniger desolat, vom Fußball einmal abgesehen. Die Jugend ist längst zu den Privaten abgewandert, tummelt sich auf Spartensendern - oder eben im Internet. Dabei sind es gar nicht mal die gehypten Streaming-Anbieter wie Netflix oder Amazon Video, die den Öffentlich-Rechtlichen das Wasser abgraben; es sind vor allem YouTube-Stars wie LeFloid, Die Lochis oder Bianca „Bibi“ Heinicke, die mit ihren Videos viele Millionen Jugendliche erreichen. So oder so: Wollen die Öffentlich-Rechtlichen die junge Generation nicht völlig verlieren, müssen sie etwas tun.

Der Mann, der das schaffen soll, heißt Florian Hager. Mit seinen 40 Jahren ist der ehemalige Vize-Programmdirektor bei ARTE deutlich älter als das anvisierte Zielpublikum des „Jungen Angebots“: Jugendliche im Alter von 14 bis 29 Jahren sollen ab Oktober einschalten. Wobei das Wort „einschalten“ auf die neue, junge Fernsehwelt ja nicht recht passt: Das „Junge Angebot“ wird ausschließlich im Netz stattfinden. Aus der Idee, mit der Fusion der Spartenkanäle EinsPlus und ZDFkultur einen neuen Jugendsender ins Leben zu rufen, wurde nichts. So wurde nach einigem Ringen das Online-Angebot aus der Taufe gehoben, in wenigen Monaten soll es dann wirklich losgehen - auf Drittplattformen wie YouTube oder Facebook, per App und auf einer eigenen Internetseite (www.jungesangebotvonardundzdf.de). Ein endgültiger Name dafür wird derzeit noch gesucht, und das ganz basisdemokratisch: Die junge Zielgruppe darf Vorschläge unterbreiten.

Was dort dann ab Oktober zu sehen sein wird, erklärte Florian Hager bereits: „Wir wollen keine TV-Programme im Netz ausspielen, sondern wir wollen originäre Inhalte im Netz produzieren, und das ist für das öffentlich-rechtliche System in Deutschland auf jeden Fall ein sehr großer Paradigmenwechsel“, sagte er dem Deutschlandfunk.

Dieser Paradigmenwechsel hört unter anderem auf den Namen „Dailyknödel“: So nennt sich der 19-jährige Fabian Nolte bei YouTube. Sein Format „Was mit Fabian“ wird Teil des Jungen Angebots sein und aktuelle Themen mit Humor beleuchten, heißt es. Auch der Merkel-Interviewer LeFloid wird dabei sein, und Rayk Anders, der aktuell bei YouTube über Politik schwadroniert. Auf neue Talente will man beim „Jungen Angebot“ ebenfalls setzen. Dazu hat der RBB unlängst mit dem Medienboard Berlin-Brandenburg ein Programm ins Leben gerufen, um neue Online-Videoformate zu fördern. Auch ganze Web-Serien sollen so entstehen.

Die ersten Fernsehsender, die sich mit einem eigenen Programm ins Internet wagen, sind ARD und ZDF freilich nicht: Der sowieso schon sehr jugendaffine Sender RTL II brachte unlängst sein Online-Angebot RTL II You an den Start. Mit dabei auch hier: Stars und Sternchen, die auf YouTube großgeworden sind. Wie das Angebot angenommen wird, ist noch nicht bekannt. Angst vor der öffentlich-rechtlichen Konkurrenz haben die Macher auf jeden Fall nicht: Das „Junge Angebot“ werde „unser Angebot komplementieren“, gibt sich RTL2-Digitalchef Christian Nienaber im Interview mit dem Branchendienst turi2 überzeugt.

Bedeutet das „Junge Angebot“ nun, dass ARD und ZDF die Jugend auf ihren herkömmlichen Kanälen verloren geben? Man wolle das junge Publikum nicht nur mit dem neuen Angebot erreichen, sagte die ARD-Vorsitzende Karola Wille kürzlich in der „FAZ“, gibt aber zu bedenken: „Das schaffen wir mit unseren jungen Radiowellen und mit dem Fernsehen allerdings nur zum Teil.“ Das „Junge Angebot“ sieht sie als Chance: „Wir entwickeln ein öffentlich-rechtliches Content-Netzwerk.“ Welchen Einfluss das dann aber auf das Fensehprogramm von ARD und ZDF haben wird, muss sich zeigen.

tsch

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