Prince

Nicht nur die Tauben weinen

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Prince: Im Herbst 2017 sollte seine Autobiografie "The Beautiful Ones" erscheinen.

Im Herbst 2017 sollte seine Autobiografie "The Beautiful Ones" erscheinen: Doch Prince erlebt die Veröffentlichung nicht mehr. Der Superstar ist tot.

Die Nachricht macht Musikfans in aller Welt fassungslos: Popstar Prince ist tot. Das meldeten mehrere Medien am Donnerstagabend übereinstimmend. Der Sänger sei im Tonstudio seiner Villa "Paisley Park" in Chanhassen (Minneapolis) tot aufgefunden worden, verbreitete zuerst das US-Promiportal TMZ. Prince, der mit "Purple Rain", "Kiss" oder "When Doves Cry" Hits für die Ewigkeit hatte, wurde nur 57 Jahre alt.

Die Umstände des Todes geben noch Rätsel auf. Der Superstar sei vergangene Woche mit einer Grippe ins Krankenhaus gebracht worden, hieß es zunächst nur. Dann machte ein Bericht von TMZ die Runde, in dem davon die Rede war, dass Prince' Privatmaschine am vergangenen Freitag notlanden musste und er vom Quad City International Airport direkt ins nächstgelegene Krankenhaus gefahren worden sei. Am Samstag sei er sogar wieder aufgetreten, bevor er alle weiteren Konzerte der Tour wegen Krankheit absagen musste.

Die Musikwelt verliert ihre nächste Legende, könnte man nun schon wieder anheben. Aber was ist das, eine Legende? Prince war zeit seines Lebens immer auch ein Rätsel. Er war nicht irgendein Superstar und Megaseller, sondern ein Künstler, der sich stetig veränderte, dessen Karriere diverse Höhen, aber auch ihre Abgründe hatte. Er war ein musikalisches Genie, ein Multiinstrumentalist, einer der größten Songwriter aller Zeiten, und als solcher gehört Prince zu jener seltenen Spezies Stars, die die Musik tatsächlich nachdrücklich geprägt haben. So wurde er zum Mythos. Der nur 1,58 Meter große Mensch dahinter jedoch, er galt, wie so viele Weltveränderer, als kompliziert. Dabei offenbarte Prince sich selten wirklich. Deshalb warteten die Fans schon gespannt auf seine Autobiografie "The Beautiful Ones", die im Herbst erscheinen sollte.

Wenn er sich äußerte, dann klang das meistens größenwahnsinnig - eben so, wie man es von einer Kunstfigur erwartet. "Wer Musik wirklich liebt, muss mich hören", lautet ein Zitat von Prince Roger Nelson, kurz: Prince. Ein Wesen, ein Begriff und ein Name, der wie kaum ein anderer für den verführerischen Funk-Rock-Glanz der 80er-Jahre steht. Der wegweisend war und auch dem Pop der 90-er seinen Stempel aufdrückte, der sogar noch in den Nullerjahren, als keiner mehr so richtig mit ihm rechnete, für Furore sorgte.

Wie viel ist - 30 Jahre nach seinem kommerziellen Durchbruch mit dem Album und Song "Purple Rain" - noch von seinem Zauber übrig, fragten sich Fans und Kritiker erst 2014, als Prince die Musikwelt gleich mit zwei neuen Alben zu beglücken gedachte: das Solo-Werk "Art Official Age" und "Plectrumelectrum", aufgenommen mit seiner neuen Band 3rdEyeGirl. Im vergangenen Herbst folgten "HITnRUN Phase One" und "Hitnrun Phase Two" - diese letzten Werke sind wieder bei einem eigenen Label NPG Records erschienen und waren kommerziell gesehen, genau wie die beiden 2014er-Alben, weit entfernt von den Top-Ten-Erfolgen früherer Jahre.

Fast zwei Jahrzehnte nachdem es zwischen Prince und seinem ursprünglichen Label Warner Bros. Records zum großen Streit gekommen war, war es 2014 zur geschäftlichen Wiedervereinigung gekommen. Die verlief ganz im Sinne des Superstars. Anfang der 90-er hatte ihm Warner noch die Masterrechte an seinen Songs und seinen Wunsch verwehrt, so viel Musik zu veröffentlichen, wie er wollte, wann er wollte. Stattdessen hatte die Plattenfirma eine Schaffenspause angeordnet, Prince sollte erst mal ein Best-of-Album herausbringen, bevor Neues von ihm auf den Markt käme.

Die Bilder sind noch präsent: Aus Protest schrieb sich Prince bei öffentlichen Auftritten "Slave" (zu deutsch: "Sklave") auf die Wange. Er fühlte sich von der Industrie benutzt, wollte nicht mal mehr bei seinem Künstlernamen genannt werden und wandelte diesen in ein schlichtes, nicht auszusprechendes Symbol aus Kreuz, Pfeil und Kreis um. In den Medien war er zu der Zeit vor allem als "The Artist formerly known as Prince" (zu deutsch: "Der Künstler, der als Prince bekannt war") oder nur "The Artist" präsent. Erst als seine Verträge mit dem Majorlabel 1999 erfüllt waren, mochte er wieder Prince heißen.

Zur Geld-Maschine für die Musikbosse wurde der zierliche Mann aus Minneapolis schon früh. Bei Warner unterschrieb der Multiinstrumentalist bereits Ende der 70-er seinen ersten Plattenvertrag. Schien es anfänglich noch, als wolle Prince mit einer Mischung aus seichtem Soul und Pop der neue Stevie Wonder werden, entschied er sich doch bald für einen ganz eigenen Weg. Er wollte Funk und R'n'B machen, nur anders, als es beides bisher gab. Bläser ersetzte er durch Synthesizer, Schlagzeug durch Drumcomputer. Gitarren waren ihm wichtiger als den meisten seiner Genrekollegen, deren textlichen Kitsch er ebenso zu vermeiden versuchte. Stattdessen liebte er Anzüglichkeiten, die fortan seine Lyrik zierten, nicht selten geschickt versteckt. Mit seiner "Little Red Corvette" etwa, eine der Hit-Singles aus seinem Album 1982 erschienenen Album "1999", meinte er nicht den schnittigen Sportwagen, sondern erzählte schlichtweg von einer Vagina.

Die Selbstdarstellung war selten tiefsinnig, aber stets eindeutig. Prince wollte Sex. Sex, Sex und noch mehr Sex. Darum ging es in seinen Titeln, in seinen Shows, ja in seinem gesamten Auftreten. Es kam die Zeit, da überraschte es niemanden mehr, wenn er im Tanga und Trenchcoat auf die Bühne kam und dazu nicht mehr trug als ein Halstuch und High Heels. Outfits wie dieses waren dem abseits der Bühne eher scheuen, geradezu unsicher agierenden Prince genauso heilig wie seine hautengen, samtig schimmernden Hosen, die Rüschenhemden und der längst Kult gewordene lilafarbene Mantel. Überhaupt: lila. Für viele war Prince spätestens seit der Veröffentlichung seines Albums und Soundtracks zum gleichnamigen Film "Purple Rain" (1984) nur noch "The Purple One".

Und "Purple Rain" schien in den amerikanischen wie in den internationalen Charts wie festgetackert, war nicht mehr wegzudenken aus der weltweiten Pop-Kultur. Ein Manifest in der Hochphase der Prince-Karriere. Es gab Anerkennung von allen Seiten. Es hagelte Awards, Grammys, sogar ein Oscar kam hinzu. Der Funk-Sex-Star mit dem unverwechselbaren Falsettgesang war oben angekommen, ganz oben. Er war der andere Michael Jackson. Und er genoss es.

Prince atmete den Erfolg, krönte sich selbst, nicht zuletzt mit der Errichtung einer Art Prince-Palast in Chanhassen bei Minneapolis, den er Paisley Park taufte. In dem XXL-Gebäudekomplex enthalten: mehrere Tonstudios sowie riesige Räume für Video- und Filmaufnahmen. Kosten: rund zehn Millionen Dollar. Von hier aus wollte Prince die Pop-Welt weiter steuern. Das Problem nur: Es wollten sich nicht alle steuern lassen. Es kam zum Konflikt mit der Plattenfirma. Zum Zerwürfnis über Jahre.

Prince erfüllte zwar seinen Warner-Vertrag, hatte jedoch zunächst nur mäßigen Erfolg mit dem, was nach "Purple Rain" kam. Auch die Musik, die er nebenher auf anderen Labels veröffentlichte - stilistisch oft Prince-Untypisches, von Blues über Reggae bis HipHop - kamen beim breiten Publikum nicht wie erwartet an. Prince schien über seinen künstlerischen Zenit hinaus zu sein. Bis er zusammen mit R'n'B-Star Beyoncé bei der Verleihung der Grammys 2004 ein Duett von "Purple Rain" sang - der Startschuss für ein ernstzunehmendes Comeback. Prince ließ sich wieder auf ein Majorlabel ein, hatte Erfolg, 2006 sogar ein Nummer-Eins-Album mit "3121" in den USA. Doch auch die Liaison mit dem neuen Label sollte nicht lange halten. Prince vertrieb in den Jahren darauf seine Alben gar als Gratis-Beilage über eine große Tageszeitung in England (2007) und den deutschen "Rolling Stone" (2010).

2014 dann die zweifache Veröffentlichung auf dem alten Label, nachdem dieses Prince all seine Wünsche erfüllt hatte. Was aber bedeutet das in der Folge? Wer und was war Prince mit Mitte 50? Hatte der Mann, der über drei Jahrzehnte Menschen weltweit mit seinem eigensinnigen, aber immer massentauglichen und deshalb nahezu genialen Pop verführt hatte, der geschätzte 100 Millionen Tonträger verkaufte hatte, noch Ideen? Zumindest hatte er den Willen. Und er rackerte unermüdlich.

Noch am 16. April stand er auf der Bühne, sagte laut TMZ zu seinen Fans: "Macht euch keine Sorgen, mir geht es gut." Weitere Konzerte wurden dann allerdings abgesagt, und nun, am Donnerstagabend europäischer Zeit, gab Sprecherin Yvette Noel-Schure schließlich das bestürzende Statement zu Protokoll: "Ich bestätige in tiefer Trauer, dass der legendäre Kultstar Prince Rogers Nelson an diesem Morgen in seiner Paisley-Park-Residenz gestorben ist."

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