Florent Siri und Géraldine Pailhas im Gespräch über die Netflix-Serie "Marseille"

Das neue "House of Cards"?

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Géraldine Pailhas, die selbst aus Marseille stammt, verkörpert in der Serie die Ehefrau des Bürgermeisters. Er wird von Gérard Depardieu gespielt.

Regisseur Florent Siri und Schauspielerin Géraldine Pailhas über die erste französische Netflix-Eigenproduktion "Marseille".

Streaminganbieter und ihre "Originals" sind in aller Munde - produziert und gedreht wurden die exklusiven Serien bislang aber vor allem mit angelsächsischen Darstellern und Schwerpunkten. Mit "Marseille" liefert Netflix nun seit Anfang Mai seine erste französische Eigenproduktion: auf Französisch gedreht, samt französischen Schauspielern und Schöpfern, widmet sich das Polit-Drama der Mittelmeer-Metropole in all ihren Facetten - und damit den Widersprüchlichkeiten der Grande Nation. Doch wollte Regisseur Florent Siri in den vorerst acht Episoden auch eine universelle Geschichte erzählen. Im Interview sprechen er und Hauptdarstellerin Géraldine Pailhas, die den Part der Ehefrau von Gérard Depardieus Charakter spielt, über das Französische an "Marseille", die Probleme der Hafenstadt und den ewigen "House of Cards"-Vergleich.

teleschau: "Marseille" ist die erste französische Eigenproduktion von Netflix. Was macht die Serie auch für ein globales Publikum attraktiv?

Florent Siri: Wir wollten die Geschichte als eine universelle erzählen. Es handelt sich im Grunde um eine Story nach Shakespear'schem Vorbild - samt Verrat, Intrigen und so weiter. Dabei ist Marseille der Hauptcharakter - jeder liebt die Stadt, jeder kämpft für sie. Vor allem der Bürgermeister, gespielt von Gérard Depardieu, der alles für die Stadt und seine Familie tun würde. Doch er ist umgeben von einem Wespennest.

Géraldine Pailhas: Marseille war als Ort für eine universelle Story eine perfekte Wahl. Jeder kennt die Stadt, doch es existieren unterschiedliche Bilder von ihr. Sie hat einen Mythos geschaffen, viele Fantasien lassen sich auf sie projizieren.

teleschau: Auch weil Marseille eine Stadt voller Widersprüche zu sein scheint.

Siri: Deshalb drehten wir auch in den ärmeren Gegenden der Stadt, dort wo der Drogenhandel blüht. Es ist sehr schwer, dort zu produzieren. In den 80er-Jahren drehte ich allerdings bereits ein paar Rap-Videos in jenen Vierteln, ich kenne also die Bevölkerung. Zum anderen existiert natürlich auch die Bourgeoisie in Marseille. Und die Verbindung zwischen den reichen und den armen Teilen der Stadt heißt: Mafia.

teleschau: Was machte es schwierig, in den ärmeren Gegenden zu drehen?

Siri: Man kommt tatsächlich nicht so einfach rein. Dort kontrollieren Gangs und Drogendealer, es ist viel Geld im Umlauf. Man braucht tatsächlich Schutz in manchen Vierteln, es gibt abgesteckte Territorien.

Pailhas: Es ist aber kein Dschungel, dort leben auch jede Menge guter Leute - die es eben schwer haben. Andererseits muss man dort nicht hin. Ich komme aus Marseille und war selbst noch nie in diesen Gegenden. Schwierig ist es vor allem, mit der Kamera hineinzugehen. Das erinnert die Bewohner an den Journalismus und die Medien - und wie diese immer wieder über die Menschen dort berichten.

teleschau: Was macht die Serie, abseits des Handlungsortes, französisch?

Pailhas: Das ist gar nicht so wichtig. Klar ging es Netflix auch darum, ein französisches Publikum anzusprechen, so auch ein italienisches und englisches. Wir machten einfach unsere Arbeit, unsere Identität ist vor allem damit verschränkt. Die Frage nach einer Landes-Identität stellt sich so gar nicht. Eine Ausnahme scheint mir die Sprache, schließlich drehten wir auf Französisch.

Siri: Es mag tatsächlich etwas Südländisches hervorstechen, es geht viel um Emotionen. Die Charaktere sind überaus gefühlsbetont.

Pailhas: Dennoch verhält es sich dabei wie mit der Frage, ob es ein weiblicher oder männlicher Regisseur gedreht hat. Ich finde das nicht sehr interessant.

teleschau: Gibt es eine bestimmte Art der französischen Politik, die in "Marseille" offensichtlich wird?

Siri: Möglicherweise die Verknüpfung von Politik und Sex, aber das ist immer Teil der Politik (lacht).

Pailhas: Die Politik in "Marseille" dient ohnehin nur als Aufhänger, um in intimere Sphären vorzustoßen.

teleschau: Es existiert ja zudem eine bestimmte französische Art, Filme zu machen. Ließ Netflix Ihnen in Bezug darauf Freiheiten?

Siri: Sie ließen mir freie Hand bei der Darsteller-Wahl, bei der Suche nach Locations, ebenso beim Kreieren des visuellen Stils. Die französische Besonderheit ist, dass der Regisseur als Auteur agiert, als Geschichtenerzähler. Netflix bat mich, eine Art sechsstündigen Film zu drehen, samt Kino-Flair. Und sie vertrauten mir sofort, die Freiheiten waren enorm. Der Druck allerdings auch - ich musste schließlich die erste französische Netflix-Show für ein riesiges Publikum schaffen ?

teleschau: Der Vergleich mit dem Netflix-Aushängeschild "House of Cards" ist momentan in aller Munde. Nervt Sie das?

Siri: Ich habe die Serie gar nicht gesehen! Aber ich weiß, jeder erzählt das. Dafür sah ich "The Wire", die "Sopranos" und so weiter. Ich gehe bei jedem neuen Film, jeder neuen Serie jungfräulich ran. Etwas kopieren zu wollen, ist ohnehin eine schlechte Idee, das mindert die Motivation. "Marseille" ist in gewisser Weise ein Teil von mir und meinen Empfindungen.

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