Im Interview: Lorenzo Richelmy und Michelle Yeoh

So nah, so fern

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Lorenzo Richelmy überzeugt als Newcomer in der Netflix-Serie „Marco Polo“.

Die „Marco Polo“-Stars Lorenzo Richelmy und Michelle Yeoh über den Dreh für Netflix, Polos Ideale und das besondere Verhältnis zu China.

Mit der episch angelegten Historien-Serie „Marco Polo“ spaltete Netflix bislang die Gemüter: Lahmer „Game of Thrones“-Verschnitt, meinen die einen. Lehrreiches Abenteuer-Spektakel, so die anderen. In jedem Fall fährt die Eigenproduktion des kalifornischen Streaming-Riesen auch in Staffel zwei (Start: 1. Juli) wieder bombastische Landschaften, verräterische Intrigen und faszinierende kulturelle Einblicke auf. Außerdem einen neuen Superstar: Ex-Bond-Girl und „Tiger and Dragon“-Star Michelle Yeoh verkörpert eine geheimnisvolle Kämpferin an der Seite Marco Polos, dessen Part Lorenzo Richelmy übernimmt. Im Gespräch plaudern die 53-jährige Malaysierin chinesischer Herkunft und der 26-jährige rastlose Italiener über den abenteuerlichen Dreh für Netflix, Marco Polos Ideale heute und den besonderen Blick Chinas.

nordbuzz: Marco Polo erkundete die Welt, lehrte uns Respekt vor anderen Kulturen, brachte die Völker zusammen. Gibt es heute einen neuen Marco Polo?

Lorenzo Richelmy: Ich glaube, so etwas wie einen modernen Marco Polo gibt es nicht. Das ist schade. Derzeit gibt es niemanden auf der Erde, der versucht, die Welt im nicht-ökonomischen Sinne reicher zu machen. Im Gegenteil: Wir machen die Welt ärmer seit nun einiger Zeit. Manche behaupten ja, Steve Jobs oder Mark Zuckerberg hätten so eine Rolle eingenommen. Dem stimme ich nicht zu, sie bringen die Kulturen nicht zusammen. „Marco Polo“ richtet sich auf eine gewisse Weise sogar gegen die sozialen Netzwerke.

nordbuzz: Inwiefern?

Richelmy: Social Media bringt uns bei: Alle sind einander so nah! Alle sind gleich! Wir teilen alle die selben Erfahrungen! Aber stimmt das? Nein! Es ist so falsch - wir sind so distanziert voneinander!

nordbuzz: Mehr als jemals zuvor?

Richelmy: Definitiv! Denn wir leben in dieser Blase, die uns glauben lässt, wir seien uns alle ähnlich. Das ist aber nicht wahr.

nordbuzz: Kann die Serie „Marco Polo“ dieses Missverständnis aufklären?

Richelmy: Ein Stück weit. Es ist die Geschichte eines Typen, der über drei Jahre durch Asien reist, um das Mongolische Reich zu erreichen. Eines Typen, der all die verschiedenen kulturellen Eindrücke unterwegs aufnehmen muss. Das erinnert uns daran, unsere Unterschiede wahrzunehmen und davon zu lernen - selbst wenn wir einander nah scheinen. Diese Verschiedenheiten dürfen wir nicht auslöschen. Es ist ein wenig unser Ziel mit „Marco Polo“, die Menschen über die Distanzen und Differenzen nachdenken zu lassen. Das müssen ja nicht gleich Konflikte sein. Unser Erbe ist der größte Schatz, den wir besitzen. Sollen wir das einfach aufgeben? Wofür? Für Facebook und Instagram?

nordbuzz: Aber Sie sind ja persönlich auf diesen Netzwerken auch aktiv ...

Richelmy: Das ist richtig. Aber wenn Sie mein Instagram-Profil ansehen, werden Sie dort keine Selfies finden. Für einen Schauspieler habe ich wirklich wenige Follower (lacht). Aber ich bin überzeugt: Wir können etwas ändern!

nordbuzz: Frau Yeoh, steckte Sie diese Einstellung von Herrn Richelmy an - auch während des Drehs?

Michelle Yeoh: (lacht) Ja! Er hat so viel zu sagen! Diese Jugend und Energie! Das ist doch genau das, was wir brauchen.

nordbuzz: Brauchen wir im Westen auch einen neuen Blick auf Asien?

Yeoh: Es ist natürlich notwendig, einen Einblick in die fernöstliche Welt zu bekommen. Das sah man bislang in den hochwertigen Serien nicht.

nordbuzz: „Marco Polo“ ändert das?

Yeoh: Die Serie erzählt in nie dagewesener historischer Tiefe. Sie basiert auf den geschichtlichen Fakten - nimmt sich andererseits aber auch kreative Freiheiten. Das ist auch richtig so - schließlich produzieren wir keine Doku.

nordbuzz: Dennoch ist „Marco Polo“ überaus lehrreich ...

Yeoh: Auf jeden Fall. Selbst wir als asiatisches, chinesisches Publikum können davon noch viel lernen.

nordbuzz: Dabei ist Netflix in China noch gar nicht zu empfangen ...

Yeoh: Die Chinesen besorgen sich die Serie über andere Wege, vor allem über Downloads. Sobald es einmal im Netz steht, ist das kein Problem mehr.

nordbuzz: Was könnte die Chinesen in der Serie überraschen?

Yeoh: Aus unserer Sicht waren die Mongolen immer die Barbaren, die China invadierten und die wir unbedingt loswerden wollten. Die Story eröffnet neue Perspektiven.

nordbuzz: Können Sie ein Beispiel nennen?

Yeoh: In der Serie sieht man, dass Kublai Khan ein sehr smarter Anführer war. Er kämpfte nach innen und außen. Gleichzeitig war ihm klar, dass bislang niemand - nicht einmal der grandiose Dschingis Khan - die Chinesische Mauer überwinden konnte. Dafür wurde sie ja gebaut: Sie kamen, scheiterten, gingen wieder, kamen erneut, scheiterten, gingen. Man wollte ihnen entgegenrufen: Jetzt gebt schon auf, Leute! Aber dann kommt dieser Typ mit jeder Menge Leidenschaft und sagt: Ich will das aber.

nordbuzz: Wirkt das aus chinesischer Sicht heute nicht schwierig?

Yeoh: Für uns war das interessant. Zu sehen, dass er in Wirklichkeit half, viel von der Kultur zu bewahren. Im Gegensatz zu den anderen großen Imperien, die sich erheben und wieder fallen, kam Kublai Khan nicht einfach rein und benahm sich wie der Barbar, der er für alle zu sein schien. Anstatt zu zerstören, brachte er die Leute dazu, voneinander zu lernen. Auch Marco Polo lehrte er viel - wenn auch nicht intentional. Aber auf jene Weise wurden viele Traditionen erhalten. Diese Geschichte musste erzählt werden.

nordbuzz: Warum tat das noch niemand zuvor?

Yeoh: Weil sie sehr schwierig zu erzählen ist. Zum Glück war Netflix mutig genug, weiter hinaus zu blicken und der Welt zu zeigen, was man zuvor noch nie sah.

nordbuzz: Was dachten Sie, als ein Online-Streamingdienst mit der Idee auf Sie zukam?

Richelmy: Zunächst einmal: Ein Streamingdienst im Internet? Das muss ja eine Scheiß-Serie sein (lacht)! Auch meine Familie sagte: Was, im Netz? Niemand wird es sich anschauen!

nordbuzz: Wie änderten Sie Ihre Ansicht?

Richelmy: Erst einmal besuchte ich das Netflix-Büro. Dort war alles leer - alles befand sich noch ziemlich am Anfang. Und ich traf dort Ted Sarandos und dachte: Nette Typen, aber wer genau sind die eigentlich? Arbeiten die professionell, meinen die das echt ernst? Sie waren im Begriff, die Welt zu erobern, und alles was ich fühlte, war: Naja, geht so, ich hoffte eigentlich auf HBO (lacht)!

nordbuzz: War die Zusammenarbeit mit Netflix aus heutiger Sicht die richtige Entscheidung?

Richelmy: Absolut. Sie produzieren völlig inhaltsbasiert. Es gibt keine Werbung, nur das Interesse, die Leute mit tollen Inhalten zu überzeugen. Bei anderen Produktionsfirmen heißt es: Achte auf diesen Investor, achte auf die Araber und so weiter. Bei Netflix heißt es nur: Boom. Fokus auf den Inhalt, auf die Serie.

nordbuzz: Nebenbei ist „Marco Polo“ eine der aufwendigsten Netflix-Produktionen. Für den Dreh der zweite Staffel reisten Sie unter anderem nach Malaysia ...

Richelmy: Außerdem nach Ungarn, Kroatien - und dann wieder zurück ins Studio nach Malaysia.

nordbuzz: Beinahe ein Trip im Stile Marco Polos ...

Richelmy: Ja, es war eine große, harte Reise! Wir erzählen die Geschichte Marco Polos und waren dabei selbst immer mit dieser riesengroßen Menschengruppe im Schlepptau unterwegs. Manchmal waren wir von Armee umgeben, manchmal sagte man uns, wir sollten wegen der Tiere und auch wegen Banditen lieber nicht ohne Begleitung vor die Tür gehen. Es war ein wahres Abenteuer!

nordbuzz: Ein Abenteuer, das auch Ihrer Karriere Aufwind gab?

Richelmy: Momentan genieße ich „Marco Polo“, arbeite daran neun Monate im Jahr. Und danach werde ich erst mal nach Hause gehen und Videospiele zocken. Hollywoodstar werde ich noch nicht so bald. Erst mal kommen die Videospiele!

tsch

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