Am 3. Juni drehen 100 Kamerateams im Freistaat „24h Bayern“. 

Dem Nachbarn beim Zähneputzen zuschauen

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Doris Dörrie ist eine der vielen Filmemacher, die für „24h Bayern“ das Leben im Freistaat einfangen.

In München präsentiert der Bayerische Rundfunk sein Dokumentarprojekt im XXL-Format: „24h Bayern“ zeigt einen Tag lang das Leben im Freistaat.

Jerusalem war schon an der Reihe, Berlin auch. Und nun Bayern? 24 Stunden lang hatten Filmemacher einst in der israelischen Metropole und der deutschen Bundeshauptstadt gedreht, entstanden sind daraus die einen ganzen Tag füllenden Doku-Ereignisse „24h Jerusalem“ und „24h Berlin“. Der Bayerische Rundfunk produzierte in Jerusalem mit. Da liegt es nahe, dasselbe auch mal in der Heimat zu versuchen. Nur: Ist Bayern so interessant wie die beiden Weltmetropolen? Bei der Vorstellung des Projekts „24h Bayern“ in München geben sich alle Beteiligten überzeugt: Auch im Freistaat gibt es spannende Geschichten zu erzählen.

Einer, der das wissen muss, ist Franz Xaver Gernstl. Für seine Reportagereihe „Gernstl unterwegs“ ist der Dokumentarfilmer viele Male auf und ab durchs Land gereist; jetzt produziert er als Geschäftsführer der Megaherz GmbH das neue Format mit. „Ich war erstaunt, was es für interessante Typen gibt, die ich selbst noch nicht kannte“, sagt er über die Vorbereitungen. Auch Andreas Bönte, Programmbeauftragter des BR, bestätigt: „Man hat beim Casting gemerkt, wie bunt Bayern ist“. Was genau den Zuschauer erwartet, wenn „24h Bayern“ am 3. Juni 2017 von sechs Uhr morgens an 24 Stunden lang ausgestrahlt werden wird, will noch keiner der Beteiligten verraten. Zumal das auch noch keiner wirklich weiß.

Gedreht wird genau ein Jahr vorher, am 3. Juni dieses Jahres. Dann schwärmen rund 100 Kamerateams in alle Winkel des Freistaates aus, um 24 Stunden lag das Leben zuvor ausgewählter Protagonisten zu dokumentieren. Noch gänzlich unbekannte Filmstudenten stehen dann hinter den Kameras, erfahrene Dokumentarfilmer ebenso, und einige der ganz großen deutschen Regisseure.

Doris Dörrie etwa. Sie freue sich auf die „Entdeckungsreise“, zu der sie am Freitag aufbrechen werde, erzählt sie in München. „Bayern kann exotischer sein als Japan“, glaubt die Regisseurin, die zuletzt in Fukushima drehte. Immer wieder betonen die Macher hinter „24h Bayern“, sie wollten das Leben im Freistaat so einfangen, wie es ist - und es dennoch schaffen, spannende Geschichten dabei zu erzählen. „Man muss hyper-wach und spontan sein“, erklärt Dörrie ihre Herangehensweise. Ihr Kollege Andres Veiel präzisiert: „Es geht darum, übers Beobachten hinaus etwas zu suchen.“ Den vielleicht renommiertesten Dokumentarfilmer des Landes („Blackbox BRD“) interessiert: „Hat der Protagonist vielleicht ein Geheimnis? Was verbirgt er?“ Eine „hohe Kunst“ sei es, das Besondere im Alltäglichen zu finden, so Veiel, der schon an „24h Berlin“ mitgearbeitet hat.

Die Protagonisten, die am 3. Juni im Alltag begleitet werden, hat zuvor ein Produktionsteam ausgewählt. „Hausfrauen, Schreiner, Arbeitslose, Flüchtlinge, U-Bahn-Fahrer, Bauern ...“, zählt Volker Heise auf, der die Projektregie bei „24h Bayern“ übernommen hat und das „24h“-Format einst erfunden hatte. Beim Casting habe er zuallererst einen Blick ins Statistische Jahrbuch geworfen, um zu sehen, „wer eigentlich in Bayern wohnt“, erzählt der Berliner. Was dann aber am Drehtag genau geschehe, könne freilich niemand vorhersagen: „Wir planen das Unplanbare“, sagt Heise.

Neben Dörrie und Veiel konnte er weitere namhafte Regisseure wie Marcus H. Rosenmüller („Wer früher stirbt ist länger tot“) oder Franz Xaver Bogner („Irgendwie und Sowieso“) verpflichten. Darüber hinaus kann sich jeder, der sich am besagten 3. Juni in Bayern aufhält, am Projekt beteiligen und übers Internet oder die BR24-App seine eigenen Videos einreichen, die dann Teil des Gesamtprojekts werden. „Wir können nicht überall sein“, erklärt BR-Redakteurin Sonja Scheider die Idee hinter der Mulitmedialität des Projekts, das auch im Internet und im Rundfunk stattfinden wird.

Das Tolle an „24h Bayern“ sei, sagt der Bayern-Reisende Gernstl, dass man hier in Zeiten, da jeder das sogenannte lineare Fernsehen für tot erkläre, genau das mache: „Wenn ich mir um sieben Uhr die Zähne putze, kann ich im Fernsehen erleben, wie andere das auch gerade machen.“ Direkter könne Fernsehen kaum sein. Ob das dann aber so spannend ist wie das Berliner Nachtleben oder das Treiben auf dem Jerusalemer Tempelberg? In einem Jahr weiß man mehr.

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