Interview mit Ulrich Tukur

Melancholie im Mainstream

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Selbstfindungstrip zwischen Traumstränden und Hochhaus-Getto: Herr Lenz verzweifelt an seinem Leben.

In seiner neuen Rolle verkörpert Ulrich Tukur einen ängstlichen, ja lächerlichen Menschen. Der Schauspieler selbst kämpft dagegen um weniger Langeweile in Fernsehen und Leben.

Eigentlich ist es erstaunlich, dass Ulrich Tukur ein deutscher Star-Schauspieler ist. Das außergewöhnliche Können des fast 59 Jahre alten Mimen ist unbestritten. Aber ist der Mann nicht viel zu verquer und melancholisch für ein Volk von künstlerisch eher kantig denkenden Menschen? Dass die Deutschen diesem widersprüchlichen Intellektuellen fasziniert folgen, beweist der Erfolg seines anspruchsvollen „Tatorts“. Nun ist der singende, Klavier spielende Italien-Liebhaber mal in einer anderen Rolle im Ersten zu sehen: als fast schon unangenehm lächerlicher Midlife-Crisis-Geschüttelter in der Komödie „Herr Lenz reist in den Frühling“ (Mittwoch, 20.07., 20.15 Uhr). Ein Gespräch über die Träume eines ewig Suchenden und mögliche Auswege aus dem Fluch der Langweile.

nordbuzz: Was hat Sie an „Herr Lenz reist in den Frühling“ interessiert?

Ulrich Tukur: Die Möglichkeit, einen Verlierer zu spielen. Einen lächerlichen Menschen. Ich bekomme solche Rollen sonst nie angeboten. Herr Lenz wird von seiner Frau gehasst, vom Sohn verachtet und von den Kollegen gemobbt. Selbst sein Hund mag ihn nicht. Anlässlich einer Reise nach Thailand fliegt ihm sein Leben um die Ohren. Eine schmerzhafte Geschichte, schauspielerisch aber sehr reizvoll.

nordbuzz: Der geschundene Herr Lenz reist nach Thailand und macht dort eine Entwicklung durch. Ist der Film eine Art „Coming of Age“ - für die Midlife-Crisis?

Tukur: Zunächst mal erzählt er zwei Vater-Sohn-Geschichten. Aber natürlich geht es auch um den Punkt im Leben, wo es nicht mehr vorwärts läuft. Wo Beruf und Privatleben sich im Kreise drehen, die Dinge sich wiederholen und alles ausgezirkelt scheint. Das ist die Zeit der Krise. Dann muss man es schaffen, sich noch einmal neu auszurichten - um lebendig weiterlaufen zu können.

nordbuzz: Sie klingen als würden Sie diese Situation kennen.

Tukur: Klar, auch ich mit meinen fast 80 Filmen kenne natürlich das Gefühl, vieles schon mal so oder so ähnlich gemacht zu haben. Trotz der Attraktivität des ein oder anderen Projekts, kommt man nicht umhin, sich zu fragen: Was tue ich hier eigentlich?

nordbuzz: Sie stellen in Frage, ob Sie Ihren Beruf noch lange ausüben wollen?

Tukur: Sicher tue ich das. Alles andere wäre gelogen. Ich denke schon lange darüber nach, was jetzt noch Neues kommen könnte.

nordbuzz: Und das erleben Sie als krisenhaft?

Tukur: Krise ist vielleicht ein zu starkes Wort dafür. Und natürlich kommen auch immer wieder Sachen, die mich vollkommen in Beschlag nehmen. Dennoch stelle ich mir die Frage: Was ist noch drin? Ich bin nicht mehr so dicht an den Dingen dran wie früher, als man fraglos alles machte und vor Leidenschaft, Glück und Unmittelbarkeit nur so strotzte. Das ist eine Entwicklung, die zwangsläufig stattfindet, wenn man älter wird. Die Dinge entfernen sich allmählich von einem, und man muss sehen, wie man damit umgeht.

nordbuzz: Haben Sie eine Idee, von welcher Seite neue Impulse herkommen könnten?

Tukur: Eine Art Neuaufstellung erfuhr ich mit dem Schreiben. Ich habe einen Erzählband über Venedig und eine surreal-romantische Novelle verfasst, die bei Ullstein erschienen sind. Aktuell bin ich daran, einen Roman zu schreiben. Auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob ich es schaffe. Da sich die Handlung der Geschichte über 100 Jahre erstreckt, muss ich sehr viel recherchieren. Das ist eine Arbeit, die mir neu ist. Man weiß nicht, wo man herauskommt, wenn man einmal losläuft. Das ist spannend und tut in gewisser Weise gut.

nordbuzz: Wann fing das an, dass Sie das Gefühl hatten, die Dinge wiederholen sich?

Tukur: So was ist ein schleichender Prozess. Wann fing ich an - mit Film und Theater? Mein erster Film war „Die weiße Rose“. Er wurde 1981 gedreht - vor 35 Jahren! Wie kann man zum Beispiel 40 Jahre lang Regie führen? Irgendwann verliert man ja den Kontakt zum Leben, das man abbilden will, und hängt in einer Kunstwelt, in einer Art Blase, ohne sich dessen bewusst zu werden. Dann läuft die Arbeit Gefahr, selbstreferenziell und hohl zu werden. Diesen Umstand anzuerkennen und zu ändern, erfordert Mut.

nordbuzz: Man könnte dem entgegensetzen, dass jeder Film, jedes Kunstwerk die Chance bietet, etwas Aufregendes und Neues zu erschaffen.

Tukur: Nein, jeder Film sicher nicht. In der Masse, die uns überrollt, geht die Qualität oft unter. Aber ab und zu kommt etwas daher, das neu und erfrischend ist. Ich habe zum Beispiel einen Riesenspaß mit dem Hessischen Rundfunk und unserem schrägen „Tatort“. Damit wurde das Fernsehen für mich wieder lebendig. Die Verantwortlichen beim HR gehen auf meine Fantasien, Wünsche und Ideen offen ein. Sie sind in einer TV-Welt, die beherrscht wird von Angsthasen und Quotenschielern eine mutige Ausnahme. Mindestens zwei sehr ungewöhnliche Filme sind auf diese Weise entstanden, die das Format ganz neu ausprobiert haben. Dennoch würde ich gerne mal etwas ganz anderes machen.

nordbuzz: Welche Fantasien haben Sie dazu?

Tukur: Mein Traum wäre eine kleine, wirklich sehr übersichtliche Landwirtschaft. Eine Gentleman-Farm. Ich besitze ein wunderschönes Anwesen auf 1.000 Meter Höhe zwischen Florenz und Bologna. Ein Bauernhof, den wir im Schweiße unseres Angesichts wieder aufgebaut haben. Dort würde ich gerne diesen Traum verwirklichen, den Traum eines Städters, der bevölkert ist von altmodischen Kräutergärten, hübschen Obstplantagen und putzigen Nutztieren. Dass ein Traum, den man in die Wirklichkeit schubst, schnell zum Albtraum werden kann, ist mir aber bewusst.

nordbuzz: Sind Sie handwerklich begabt?

Tukur: Nein, überhaupt nicht. Wir haben das Haus mit Freunden und Handwerkern aus der Gegend wieder auferstehen lassen. Anders wäre es nicht gegangen. Ich kann einen Nagel in die Wand hauen, kann sogar dübeln und mit einer Kettensäge umgehen, aber ich wäre nicht in der Lage, eine Kommode oder einen Hühnerstall zu bauen. Auch mit Elektrizität kann ich nicht umgehen. Eigentlich weiß ich bis heute nicht genau, was das eigentlich ist (lacht). Ich fürchte, ich habe nicht einmal einen besonders grünen Daumen. Trotzdem liebe ich die Natur und die Tiere. Ich glaube aber, dass man alles lernen kann, wenn einen die Leidenschaft packt.

nordbuzz: Warum reizt es Sie eigentlich nicht, Filme zu schreiben oder zu inszenieren? Viele Schauspieler sehen doch auf diesem Feld die Chance, sich kreativ weiterzuentwickeln ...

Tukur: Ich habe diesen Wunsch nie verspürt. Wenn ich ein Buch schreibe, erschaffe ich mir meinen eigenen Kosmos und reproduziere nicht, was andere mir vorgekaut haben. Ich tue niemandem weh. Es liegt nicht in meiner Natur, anderen Menschen zu sagen, was sie tun sollen. Ich arbeite gerne mit Menschen zusammen, aber auf Augenhöhe. Wenn Sie Regisseur, Dirigent oder Bandleader sind, müssen Sie klar und deutlich die Richtung vorgeben, sonst kommt wenig dabei raus. Das funktioniert nur hierarchisch. Meiner Band gebe ich den Namen, ich singe, komponiere, arrangiere und spiele Klavier - aber wir entscheiden alles gemeinsam und demokratisch. Ohne die emanzipierte Mitarbeit der Jungs, könnte und wollte ich gar keine Musik machen. Ich kann Alpha-Männchen nicht ausstehen, die es lieben, für alle Welt sichtbar ihre Macht auszuüben. Ich glaube, dass man auch mit Freundlichkeit weit kommt.

nordbuzz: Sie haben also ein Problem mit Autoritäten?

Tukur: Ich selbst will keine Autorität sein. Macht über andere Menschen zu haben, ist mir unangenehm. Ich mag dies peinliche Gefühl nicht, das sich bei mir einstellt. Andererseits muss man natürlich Spaß an der Macht haben, wenn man ein effektiver Theater- oder Filmregisseur oder Dirigent sein will. Damit sage ich nicht, dass man Macht missbrauchen muss, um Erfolg zu haben. Aber ich will sie erst gar nicht haben (lacht).

nordbuzz: Haben Sie auch ein Problem damit, wenn andere autoritär sind?

Tukur: Nicht unbedingt. Im Theater oder Film geht es ja eigentlich gar nicht anders. Menschen, die kraft ihres Talents und ihrer Persönlichkeit überzeugen, also natürliche Autoritäten, denen man sich gerne unterordnet, sind sehr selten. Und ein Mitbestimmungsmodell wie bei meinen Rhythmus Boys funktioniert nur, wenn es überschaubar ist und von gemeinsamer Passion und Freundschaft getragen wird. Ansonsten geht es schnell schief. Ich habe keine Angst vor der Verantwortung, ich will nur nicht herrschen.

nordbuzz: Könnten Sie denn inszenieren, Regie führen?

Tukur: Natürlich. Ich habe oft genug dabei zugeschaut und mitbekommen, wie mittelmäßig viele Regisseure sind. Aber auch die Außergewöhnlichen habe ich genau studiert. Trotzdem müsste man mich zum Abenteuer Regie zwingen, freiwillig würde ich das sicher nicht tun. Aber läge ich erst einmal im kalten Wasser, würde ich auch schwimmen.

nordbuzz: Man hat Sie nie gefragt?

Tukur: Nein, hat man nicht.

nordbuzz: Gibt es einen Regisseur, den Sie bewundern?

Tukur: Es gibt Leute, die stechen heraus - auf unterschiedliche Weise. Der Regisseur Peter Zadek war ein Theatergenie. Für mich als jungem Schauspieler von enormer Wichtigkeit. Zadek war im artifiziellen Raum der Bühne ein Guru, ein Gott, vor dem selbst die erfahrensten Menschen zitterten. Einer, der Leben spenden, aber auch zerstören konnte. In der Wirklichkeit war er hingegen nicht vorhanden. Es geht aber auch ganz anders. Ich habe vier Filme mit dem Regisseur Costa-Gavras gedreht. Ein Gentleman, der seinen Schauspielern total vertraute und ihnen alle Freiheit gab. Man konnte gar nicht anders, als gut sein bei ihm. Es gibt also höchst unterschiedliche Ansätze, um optimale Leistungen zu erzielen.

nordbuzz: Haben Sie abseits von Menschen, mit denen Sie gearbeitet haben, einen Lieblingsregisseur?

Tukur: Nein, aber ich verneige mich vor Künstlern, in deren Arbeit ein großer Plan vorhanden ist: Fellini, Kurosawa, Bergmann oder Jacques Tati. Man erkennt ein Gesamtwerk, das eine große Aussage in sich trägt. Leute wie ich machen mal dies, mal das. Wir treiben mit unserer Kunst eher nach Gutdünken durchs artistische Leben.

nordbuzz: Eine gewisse Konstanz, vielleicht auch einen Plan scheint allerdings Ihr „Tatort“ zu haben. Hätte man nicht nach „Wer bin ich?“ mit dieser Rolle aufhören müssen?

Tukur: Da gebe ich Ihnen recht. Einen genialeren Schluss hätte es gar nicht geben können. Das habe ich auch den Redakteuren vom HR gesagt. Dumm war nur, dass ich selbst keine Lust hatte aufzuhören. Es gibt noch ein paar wunderbare Ideen, die ich gerne realisieren würde. Aber die verrate ich nicht.

nordbuzz: Werden wir die erste dieser Ideen denn schon im kommenden „Tatort“ sehen?

Tukur: Nein, noch nicht. Eigentlich hätten der Autor Michael Proehl und der Regisseur Florian Schwarz den „Tatort“ für Herbst 2016 schreiben und inszenieren sollen - das Duo hinter „Im Schmerz geboren“. Sie sind dann aus nachvollziehbaren Gründen abgesprungen, und wir standen ein halbes Jahr vor Drehbeginn ohne Drehbuch und Regisseur da. Sebastian Marka und der Autor Erol Yesilkaya sind in die Bresche gesprungen und haben in der Kürze der Zeit eine exzellente Arbeit abgeliefert. Herausgekommen ist ein eher konventioneller Tatort, ein düsteres Kammerspiel mit einem großartigen Antagonisten. Jens Harzer spielt einen Todesengel, dass man Gänsehaut bekommt.

nordbuzz: Also werden nach Ihrem „Tatort“ im Herbst 2016 mindestens noch zwei weitere „Tatort“-Krimis folgen?

Tukur: Ich hoffe ja. Und mindestens einer von ihnen wird alles toppen, was wir jemals abgeliefert haben.

tsch

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